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Forscher, Reisender, Künstler

Porträt Julian Charrière

PlayJulian Charrière im Porträt.
Forscher, Reisender, Künstler | Video verfügbar bis 01.03.2021 | Bild: Studio Julian Charrière

Ein Mann klettert auf einen Eisberg und bearbeitet ihn stundenlang mit einem Bunsenbrenner. Er will ihn zum Schmelzen bringen und lässt sich dabei fotografieren. Der Mann mit dem Bunsenbrenner ist der Schweizer Künstler Julian Charrière. Für seine Kunst ist ihm keine Anstrengung zu groß: Er brachte 22 Tonnen Salz zur Biennale nach Venedig. Sie stammen aus Bolivien, wo unter dem Salz Lithium abgebaut wird, das für Smartphone-Akkus genutzt wird. Oder er filmte eine Palmölplantage und machte daraus einen abendfüllenden Film, der eine scheinbar unendliche menschenleere Welt zeigt. Er reiste in ein militärisches Sperrgebiet in Kasachstan oder besuchte das Bikini-Atoll der Pazifischen Inseln, wo die USA in den 1940er-Jahren nukleare Tests durchführten. Die Kunstwerke, die auf solchen Reisen und danach im Berliner Atelier entstehen, lassen sich nur schwer fassen: Die Filme und Installationen sind mehrdeutig und beziehen sich eben doch auf konkrete Orte und historische Geschehnisse. Politisch, aber nicht platt. Engagiert, aber gleichzeitig ästhetisch. Für seinen neuen Film "Towards No Earthly Pole" drehte Charrière in Arktis und Antarktis: Eisberge bei Nacht, wie aus einer anderen Welt.

Kunst bei 33 Grad minus

Bei eisigen Temperaturen stapfen sie Schritt für Schritt durch den Schnee. Julian Charrière und sein Team suchen in Grönland den perfekten Ort für ihre Filmaufnahmen. Weite Reisen, extreme körperliche Mühen und krasse technische Herausforderungen – der Schweizer geht für seine Kunst immer an die Grenzen. Auch bei minus 33 Grad.

"Da kamen natürlich extrem viele Probleme, die wir so nicht erwartet hatten", erzählt er. "So wie Gasflaschen, die dickflüssig wurden und die gar nicht mehr funktioniert haben. Deswegen musste man Feuer machen mit Moos, und wir mussten jeden Tag Eis aus dem Gletscher hämmern, um Kaffee zu machen. Aber das alles spielt natürlich auch eine extrem große Rolle in der Entwicklung solcher Projekte. Auch wenn das am Ende vielleicht für einen Betrachter gar nicht so spürbar ist, ist es für das Projekt sehr wichtig."

Zwei Jahre für "Towards No Earthly Pole"

Zwei Jahre brauchte er für sein neuestes Werk: "Towards No Earthly Pole". Bilder von ganz verschiedenen Eisregionen der Welt hat er darin gemischt. 120 Minuten lang – von Island über Grönland bis in die Schweiz. Das Licht einer präparierten Drohne gleitet über die riesigen Gletscher und Eisberge. Sie tauchen auf und verschwinden wieder in der Dunkelheit.  Gewaltig, fast unwirklich, mahnend.  

Es geht ihm nicht um eine dokumentarisch erfasste Welt: "Das Projekt arbeitet eigentlich mit einer Art Anti-Klischee, weil die arktische Polarregion sehr viel im Fokus, sehr viel in den News ist durch die globale Klimakrise. Das ist ja ein sehr relevantes Thema. Das Projekt versucht, die dunklere Seite der Arktis zu zeigen. Es ist eine Art Konstruktion, ein Phantasma. Man hat das Gefühl, man navigiert in einer Landschaft, die real wirkt, auch wenn es natürlich eine Fiktion ist." Bekannt wurde Charriere mit einer Kunstaktion, die ebenfalls in der Arktis entstand. Sieben Stunden versuchte er, mit einem Bunsenbrenner einen Eisberg abzuschmelzen. Ein ironischer Kommentar zum Klimawandel. Hingehen, dort, wo es wehtut. 

Julian Charrière betreibt eine "Art künstlerische Feldarbeit"

Er ist Forscher, Abenteurer, Wahnwitziger. Wenn er nicht unterwegs ist, lebt Julian in Berlin: In der Malzfabrik fügt er dann die Projekte mit seinem Team zusammen. Entstehen tun sie aber fast immer draußen. Der Einfluss seines Lehrmeisters Olafur Eliasson ist unverkennbar.

"Man stellt sich eigentlich normalerweise vor, der Künstler hat sein Studio und dann bleibt er immer im Studio und verbringt Tage und Tage und überlegt", erzählt Charrière. "Bei mir ist es so: Ich bin immer draußen. Ich betreibe eine Art künstlerische Feldarbeit, ich gehe in manche Orte und nehme sehr viele Informationen an, bringe sie dann zurück zum Studio und versuche damit, eine neue Geschichte zu erzählen."

Etwa die Bildserie vom Bikini-Atoll, wo die US-Amerikaner Atomtests machten: Kitsch mit weißen Flecken, verursacht durch verstrahlten Inselsand. Oder die Weite der Palmölplantagen. Ins schier Endlose montiert, 75 Minuten lang Monokultur. Charrière inszeniert den hemmungslosen Raubbau an der Natur wie einen bunten Rave. Auf der Kunstbiennale 2011 in Venedig bemalte Charrière Tauben, gemeinsam mit Julius von Bismarck. Ein Kunstwerk über die ganze Stadt und doch nicht greifbar. Eine flüchtige "Fälschung" unseres Alltags. "Auch ganz minimale Veränderungen können eine riesen Auswirkung haben", sagt er. "Und diese minimale Veränderung hat den ganzen Stadtraum einfach so auf den Kopf gestellt."

Charrières Kokosnuss-Kanone geriet zum Skandal

Die Kunst von Julian Charrière irritiert. Manchmal so sehr, dass sogar die Staatsmacht glaubt, eingreifen zu müssen. In Berlin baute er eine Kokosnuss-Kanone auf. Die ersten Testschüsse wurden jedoch nicht von allen als Kunst erkannt. Die Presse schrie Skandal. "Ein Nachbar hat dann die Anti-Terror-Fraktion der Berliner Polizei angerufen, die mein Studio gestürmt haben, die Maschine konfisziert und das Projekt zerstört haben. Und das wurde dann zu so einer medialen Fiktion, weil extrem viel darüber geschrieben wurde. Für sich ist sie jetzt genau so gut, wenn nicht sogar besser die Arbeit."

Julian Charrière fordert zur Auseinandersetzung heraus: Seine Kunst ist ästhetisch schön. Auf den ersten Blick. Dahinter liegt die zerstörerische Kraft des Menschen, sein fataler Einfluss auf die Natur.

(Beitrag: Dorothee von Winning)

Stand: 01.03.2020 20:05 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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