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Pop und Provokation – Die französische Star-Autorin Virginie Despentes

PlayVirginie Despentes lachend hinter ihren Büchern.
Pop und Provokation – Die französiche Star-Autorin Virginie Despentes | Video verfügbar bis 23.09.2019 | Bild: NDR

Sie ist kontrovers. Ihre Themen: der Rechtsruck. Der Hass. Unsere scheinheilige Gesellschaft. Die Unterdrückung der Frauen. Die Obszönität des Reichtums. Die soziale Ungerechtigkeit. "Ich klage nicht direkt an", sagt Virginie Despentes, "aber ich glaube, als Schriftstellerin ist es wichtig zu kritisieren, zu beobachten, Dinge zu hinterfragen. Was ist das zum Beispiel mit dem Patriarchat? Dem Neoliberalismus? Der Produktivität um jeden Preis? Ich klage nicht an – ich merke an."

Machtmechanismen hinter sexueller Gewalt

Was Virginie Despentes' "Anmerkungen" so relevant macht: Sie weiß, auch aus eigener Erfahrung, wovon sie redet: Mit 17 wird sie beim Trampen von drei Männern vergewaltigt. Ihre Hilflosigkeit, die Scham machen sie zur zornigen Feministin. Scharfsinnig und provokant analysiert sie in ihrer Streitschrift "King Kong Theorie" die Machtmechanismen hinter der sexuellen Gewalt.

"Was mich wirklich schockiert, nachdem ich vergewaltigt wurde: Ich dachte, ich sei die Einzige, der so was geschehen ist. Dabei ist es auch bei uns was ganz Alltägliches, das leider zum Frausein gehört. Die meisten Frauen kalkulieren die Gefahr ein, vergewaltigt zu werden, wenn sie das Haus verlassen. Es ist furchtbar – aber wir haben uns daran gewöhnt, unser Verhalten angepasst. Es ist wie Bürgerkrieg."

Virginie Despentes: "Prostitution und Schriftstellerin-Sein ähneln sich"

Virginie Despentes will kein Opfer sein. Was sie die "Rekonstruktion" nach ihrer "Dekonstruktion" nennt: Sie jobbt als Prostituierte – damit habe sie sich die Selbstbestimmung über ihren Körper zurückgeholt. Doch die Wut bleibt. Sie schreibt ihren ersten Roman "Baise–moi" ("Fick mich"). Ein pornografisches und brutales Roadmovie. Die 25-Jährige wird zum Skandal-Star.

"Prostitution und Schriftstellerin-Sein ähneln sich. Jeder kann dein Buch kaufen, deine Gedanken, und damit machen, was er will. Man gehört plötzlich allen. An mein allererstes Fernsehinterview habe ich nur traurige Erinnerungen – an meinen ersten Kunden dagegen nicht. Bei dem Interview habe ich viel mehr verloren, das, was mich wirklich ausmacht: mein Gesicht, meinen Namen – für mehr Umsatz habe ich mich verkauft."

"Vernon Subutex": Romanzyklus über unsere gespaltene Gesellschaft

Sie schreibt so, dass es weh tut – und beim Lesen trotzdem Spaß macht: bissig, boshaft und brillant. Ihre "Vernon Subutex" Trilogie: ein großer Romanzyklus über die dunklen Seiten unserer Gesellschaft – und wie tief sie gespalten ist. Titelheld Vernon Subutex, ehemaliger Plattenhändler, wird obdachlos. Er schlüpft tageweise bei früheren Freunden unter. Sie alle kommen zu Wort. Schicke Madames oder reiche zynische Wutbürger. "Die Kultur der Armen – er könnte kotzen! Wenn er so leben müsste – ausrechnen, was man sich leisten kann ... Wenn sie so leben, verdienen sie es nicht besser", heißt es im Buch.

Alle Figuren im Roman verbindet ihre Wut auf die Verhältnisse. Nicht nur die Bürgerlichen, auch die sozial Schwachen sind voller Hass: Auf Multikulti, Frauen, Schwule, Schwarze, Juden, Moslems. Harte Tiraden hat Despentes da geschrieben. "Dieser rassistische Hass fühlt sich sehr befriedigend an, dieser Moment, wenn er ausbricht – wie Kotzen", sagt sie. "Das habe ich beim Schreiben festgestellt. Zwei, drei Seiten Rassismus: Das ist einfach. Es ist natürlich absolut widerwärtig, eklig – aber es funktioniert, weil die Parolen so simpel sind."

Wer profitiert von den Ängsten, die die Rechten schüren?

Wie gesellschaftsfähig Rassismus geworden ist, entlarvt Despentes mit scharfem Blick. Aber sie will auch verstehen, wer von den Ängsten, die die Rechten schüren, profitiert. "Woher kommt dieser Extremismus? Ich frage mich, ob der Neoliberalismus ihn nicht sogar befördert, um von den wahren Problemen unserer Zeit abzulenken. Tatsächlich ist doch das eigentliche Problem die soziale Ungerechtigkeit: Die Anhäufung von Reichtum um jeden Preis, durch sehr wenige – und auf Kosten anderer. Aber die Aufmerksamkeit, die wird auf den Flüchtling in seinem Boot gelenkt."

Wovon Virginie Despentes am Beispiel ihres tragischen Helden Vernon erzählt, ist universell. Rasant und voll Rage schreibt sie über – aber auch gegen das Auseinanderbrechen unserer Gesellschaft. Ihrem Helden schenkt sie eine Art Happy End. Unserer Gesellschaft eher nicht.

(Beitrag: Natascha Geier)

Buch-Tipp
Das Leben des Vernon Subutex 3
Von Virginie Despentes
Kiepenheuer&Witsch (07.09.2018)
ISBN: 978-3-462-05153-7
Preis: 22 Euro

Stand: 28.08.2019 06:41 Uhr

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