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Die Verbrechen der "Colonia Dignidad"

Start für ein "Oral History Project"

PlayEingangsbereich der "Colonia Dignidad"
Die Verbrechen der "Colonia Dignidad" | Bild: dpa / picture-alliance

In Chile haben Deutsche jahrzehntelang gefoltert, und dennoch erinnert nichts an diese Verbrechen: In der Sekte "Colonia Dignidad" wurden nicht nur Jungen sexuell missbraucht oder Mitglieder als Zwangsarbeiter ausgebeutet. Die deutschen Sektenführer um Paul Schäfer arbeiteten sogar mit Chiles Diktator Pinochet zusammen, halfen dem Regime dabei, politische Gefangene zu verhören und auch zu ermorden. Obwohl die deutsche Botschaft in Chile und das Auswärtige Amt seit den 60er-Jahren von diesen Gräueln wusste, wurde die Aufarbeitung verschleppt. Erst jetzt werden Opfer, aber auch Täter der Sekte interviewt – für ein deutsch-chilenisches Oral History Archiv, gefördert unter anderem vom Auswärtigen Amt. "ttt" begleitet die ersten Dreharbeiten und spricht mit Wissenschaftlern über die späte Aufarbeitung der Verbrechen der "Colonia Dignidad".

Seit 46 Jahren ist der Sohn von Mercedes Fernandez verschollen

Eine alte Dame sitzt in einem Sessel. Neben ihr steht ein Porträtfoto ihres verschollenen Sohnes auf dem Tisch.
Vor 46 Jahren verschwand Luis, der Sohn von Mercedes Fernandez. Seitdem weiß sie nicht, ob er noch lebt. | Bild: NDR

Zu Besuch bei Mercedes Fernandez in Chile. Die 90-Jährige lässt Wissenschaftler in ihr Häuschen. Im Auftrag der Freien Universität Berlin wollen sie mehr erfahren über das Schicksal von Mercedes‘ verschwundenem Sohn Luis. "Ich bin glücklich, jetzt Zeugnis ablegen zu können, mich an die Vergangenheit zu erinnern", sagt sie. "Damit die junge Generation von heute merkt, dass sowas nie wieder passieren darf."

Mercedes fällt es schwer, über die Vergangenheit zu sprechen. Denn seit 46 Jahren ist ihr Sohn Luis verschollen. Seitdem kämpft sie für Aufklärung, will wissen, was mit ihm geschah. "Mercedes‘ Erinnerungen sind extrem wichtig als Erbe für die Menschheit und für die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit", erklärt Evelyn Hevia Jordán von der FU Berlin.

Die Spur des Sohnes verliert sich in der Colonia Dignidad

Luis‘ Spur verliert sich in der Colonia Dignidad. Einer deutschen Sekte mit mehr als 300 Sektensklaven und einem Führungskreis um den pädophilen Paul Schäfer. Der kooperierte mit Augusto Pinochet. Wenn der Diktator politische Gegner verhaften ließ, wurden diese auch in den Kellern der deutschen Sekte gefoltert.

Der Verlust ihres Sohnes schmerzt Mercedes bis heute. Nun will sie den Wissenschaftlern Rede und Antwort stehen. Darüber, wie die Polizei Luis abführte, weil er Mitglied eines kommunistischen Studentenbunds war. Es ist der Auftakt zum Oral-History-Archiv. Audio- und Videoaufnahmen – als ewiges, lebendiges Gedächtnis.

"Sie kamen in unser Haus, um Luis abzuholen", erinnert sie sich. "Eine Polizei-Patrouille. Insgesamt an die 50 Bewaffnete. Sie nahmen meinen Sohn mit." Auf dem Sektengelände sollen mehr als hundert linke politische Häftlinge ermordet worden sein. Lediglich ein Massengrab wurde gefunden. Von den meisten Verschwundenen – so wie Luis – fehlt bis heute jede Spur.

Hinweise lagern im chilenischen Nationalarchiv

Ein Mann steht vor einem Schrank mit Karteikästen.
In diesen Karteikästen im chilenischen Nationalarchiv lagern Informationen über Verhöre von Diktatur-Häftlingen. | Bild: NDR

Gefunden wurde vor Kurzem immerhin ein Hinweis. Im chilenischen Nationalarchiv. Hier lagert ein Teil des Sekten-Archivs: ein Schrank mit beschlagnahmten Original-Karteikarten – 25.000 Stück. "Es gibt Karteikarten, die Verhöre beschreiben", erläutert Roberto Manriquez, Mitarbeiter im Nationalarchiv. "Sowas ist einmalig in Chile und der Beweis dafür, dass die Diktatur-Häftlinge auf dem Gelände der Deutschen festgehalten wurden." Darunter auch Karteikarten zu Mercedes‘ Sohn Luis. Er war also Gefangener der deutschen Sekte.

Der Anwalt Hernan Fernandez half mit, die Sektenführung 2005 hinter Gitter zu kriegen. Er begrüßt das Oral-History-Projekt. Kritisiert aber gleichzeitig, die Aufarbeitung komme viel zu spät – und viel zu zögerlich: "Das Desinteresse und jahrelange Schweigen der deutschen und der chilenischen Regierungen zeigen, wie unsensibel die Verantwortlichen bis heute handeln. Sie haben kein Gerechtigkeitsempfinden und arbeiten die Verbrechen und das Leid der Menschenrechtsopfer nur bruchstückhaft auf."

Bayerische Wirtshausatmosphäre statt Gedenkstätte

Drohnenansicht des Geländes der Colonia Dignidad.
Das Gelände der Sekte heißt inzwischen "Villa Baviera". Neben einem bayerischen Restaurant gibt es hier alljährlich ein Oktoberfest. | Bild: NDR

Auf dem ehemaligen Sektengelände wurde bis heute keine Gedenkstätte errichtet. Stattdessen bayerische Wirtshausatmosphäre. Ehemalige Sektenmitglieder schenken Bier aus für Touristen – dort, wo früher geschlagen und gefoltert wurde. "Das Thema Colonia Dignidad ist rechtlich und politisch noch lange nicht aufgearbeitet. Deshalb rechne ich mit Widerstand bei ehemaligen Sektenmitgliedern, vor unserer Kamera zu reden", sagt Evelyn Hevia Jordán. Dennoch wollen die Wissenschaftler neben Opfern gerade auch diejenigen Täter der Sekte interviewen, die noch immer schweigen. Nur so könne man der Wahrheit zum Recht verhelfen.

Mercedes hofft, so zu erfahren, was mit ihrem Sohn passierte, nachdem er in diesem Gefängnis zum letzten Mal lebend gesehen wurde: "Hoffentlich kommt die Wahrheit ans Licht. Ich wäre die glücklichste Frau der Welt, nach fast 50 Jahren endlich zu wissen, ob Luis tot ist oder noch lebt."

Es ist ein Beginn der Aufarbeitung. Spät. Aber vielleicht nicht zu spät.

(Beitrag: Matthias Ebert)

Stand: 04.08.2019 18:33 Uhr

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