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Frauen sichtbar machen

Caroline Criado-Perez kämpft für Gleichberechtigung

PlayDas Buch "Unsichtbare Frauen" steckt in einem Zaun.
"Unsichtbare Frauen": Der Mann als Maß aller Dinge | Video verfügbar bis 16.02.2021 | Bild: NDR

Die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen, aber sie leben in einer Welt nach männlichen Maßstäben, so Caroline Criado-Perez. Und das ist nicht nur ungerecht, sondern im schlimmsten Fall tödlich: In ihrem aktuellen Buch "Unsichtbare Frauen" belegt Criado-Perez, wie Industrie, Forschung und Wissenschaft sich an Männern orientieren.

Buchtipp
Unsichtbare Frauen
Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert
Von Caroline Criado-Perez
btb 2020
ISBN: 978-3-442-71887-0
Preis: 15 Euro

Caroline Criado-Perez kommt regelmäßig am Parliament Square in London vorbei. Eines Tages fiel ihr plötzlich etwas auf: "Ich fragte mich: Gibt es hier wirklich keine Statuen von Frauen? Ich habe mir alle angeguckt. Es sind wirklich alle von Männern. Ich konnte es nicht glauben. 2016. Wieso war das niemandem aufgefallen? Wieso hat niemand was gemacht?"

Alles wird auf Männer optimiert

Caroline Criado-Perez.
Caroline Criado-Perez fordert: Frauen müssen in der Forschung genau so wichtig genommen werden wie Männer. | Bild: NDR

Am Parliament Square hat sie Frauen sichtbar gemacht. Sie startete eine Kampagne für eine Statue der Suffragette Millicent Fawcett. Und sie recherchierte weiter: In welchen anderen Bereichen sind Frauen unsichtbar? In fast allen: Die empfohlene Raumtemperatur in Büros für Frauen zu kalt. Die Grenzwerte für Chemikalien zu hoch, die Sicherheitskleidung zu groß. Criado-Perez belegt diese Beispiele mit Studien. In ihrem Buch: "Unsichtbare Frauen" beschreibt sie den Gender Data Gap: "Gender Data Gap meint: Der Großteil der Daten, die wir über die Jahre gesammelt haben und immer noch sammeln, sind Daten über Männer. Deshalb wurde fast alles so entwickelt, dass es für Männer optimiert ist - von der Poltik bis zu Smartphones."

Frauen sterben, weil Forschung meist ab Männern testet

Unsichtbar sein: Gefährlich ist das vor allem für Frauen, wenn sie krank sind. Medikamente werden in der Regel an Männern getestet, obwohl Frauen oft anders auf Wirkstoffe reagieren. Einige Medikamente mussten sogar vom Markt genommen werden – wegen schwerer Nebenwirkungen bei Frauen. "Im Bereich der Medizin fiel mir auf, dass Frauen tatsächlich deshalb sterben", sagt die Autorin. "Ich war wütend und schockiert. Wieso wusste ich nichts davon? Warum redet keiner darüber?"

Viele Wissenschaftler wissen, was sie da tun. Aber einige reden sich damit raus, so Criado-Perez, dass es eben zu kompliziert sei, auch Frauen zu testen: "Ja, es ist teurer, weil wir den weiblichen Zyklus berücksichtigen müssen. Wir müssen Frauen in unterschiedlichen Phasen testen. Aber: Frauen sind die Hälfte der Weltbevölkerung. Das ist kein Nischenthema."

Der Mann als Maß aller Dinge

Auch in der Industrie ist der Durchschnittsmann das Maß aller Dinge, sagt Criado-Perez. Wie oft ärgert sie sich darüber, dass ihr Smartphone zu groß für ihre Hände ist. Aber das bringt frau wenigstens nicht um. Anders ist es beim Autofahren. "Autos werden traditionell mit männlichen Crashtest-Dummys getestet", sagt Criado-Perez. "Das ist ein Beispiel dafür, dass wir den Durchschnitts-Mann als Durchschnitts-Mensch ansehen. Daher sind Autos für Frauen weniger sicher. Die Wahrscheinlichkeit bei einem Unfall, schwer verletzt zu werden, ist für Frauen 47 Prozent höher als bei Männern, zu sterben 17 Prozent."

Doch warum sind Frauen in vielen Bereichen unsichtbar? Weil Männer immer noch an den entscheidenden Stellen sitzen und von ihrer Lebenswirklichkeit ausgehen. "Das ist wieder die Vorstellung, dass die Art, wie der männliche Körper reagiert, die menschliche Art ist. Und der weibliche Körper ist dieses komische Ding, dass wir nicht kennen müssen", erklärt Criado-Perez.

Eine Welt von Männern für Männer

Aber wird sich das nicht bald ändern? Im Zuge der Gleichberechtigung? Nein, sagt Criado-Perez. Denn immer mehr Entscheidungen – ob in der Medizin oder bei einer Jobbewerbung – werden von Algorithmen getroffen. Und die wurden jahrelang mit männlichen Daten gefüttert. "Wir programmieren die Algorithmen mit Daten, die Lücken haben", so die Autorin. "Wir bringen ihnen unsere eigene Voreingenommenheit bei."

Eine Welt gemacht von Männern für Männer. Das spürt frau täglich, selbst beim Gang zur Toilette. Gleich viel Platz für Männer und Frauen? Klingt gerecht, ist es aber nicht. Es passen viel mehr Pissoirs auf die gleiche Fläche. Wie viel Lebenszeit das auffressen kann, wissen alle Frauen.

Ein Appell, die Welt gerechter zu machen

"Ich erwarte natürlich, dass mein Buch die Welt verändert. Es ist nicht zu viel verlangt. Frauen sind die Hälfte der Bevölkerung. Ihr müsst uns berücksichtigen. Wenn nicht, macht ihr unser Leben sehr schwierig oder bringt uns in Gefahr." Gleich gute medizinische Versorgung, Sicher sein beim Autofahren. Genauso wichtig genommen zu werden wie ein Mann, das fordert Caroline Criado-Perez in ihrem Buch. Ist doch nicht zu viel verlangt.

(Beitrag: Simone Horst und Kira Gantner)

Stand: 16.02.2020 17:47 Uhr

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