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Protest und Staatsmacht – Der Fotograf Andreas Magdanz und der „Hambacher Forst“

PlayPolizisten versuchen Aktivisten am Betreten des Hambacher Forst zu hindern und drängen sie dabei von einem Erdwall am Kieswerk Morschenich.
Protest und Staatsmacht – Der Fotograf Andreas Magdanz und der „Hambacher Forst“ | Video verfügbar bis 23.09.2019 | Bild: imago / Tim Wagner

Seit dem tragischen Tod eines Journalisten am 19. September steht im Wald alles still. Pause im Dauerkonflikt zwischen Aktivisten, RWE und der Landesregierung. "Der Hambacher Forst ist die Spitze einer 50 Jahre alten Landschaftskulturvernichtung, die hier im Rheinland stattfindet, von Anfang an gab es Proteste dagegen", sagt Andreas Magdanz. Der renommierte Fotograf erlebt den Braunkohlebabbau seit seiner Jugend.

Andreas Magdanz: "Ich habe viele Dörfer untergehen sehen"

Trotz Energiewende ist Deutschland der größte Braunkohleförderer der Welt. Nirgends sonst steigen so viele Treibhausgase in den Himmel wie in dieser Region. Seit Jahren beobachtet Magdanz, wie das größte Loch Europas Stück für Stück seine Heimat verschlingt: "Ich habe viele Dörfer untergehen sehen, ich habe auch viele Menschen verzweifeln sehen, Menschen, die keine Unterstützung hatten, die weder intellektuell noch wirtschaftlich in der Lage waren, sich dem zu widersetzen, und es war etwas, was ganz früh meinem Demokratieverständnis komplett entgegen läuft."

Mit Fotos den Verlust dokumentieren

Vor zwei Wochen hat die Landesregieurng die Räumung des Waldes befohlen, 3.000 Polizisten gegen ein paar Hundert Besetzer. Der Fotograf Andreas Magdanz hat eine ruhige Form des Widerstands gefunden. Eine forensische Bestandsaufnahme, ein Bildarchiv des Waldes. Sein Vorgehen ist akribisch. Jedes Jahr holt der Fotograf 70 seiner Studenten in den Hambacher Forst. Innerhalb weniger Stunden schießen sie dort 10.000 Fotos, bezeugen den Verlust einer Jahrtausende alten Landschaft.

"Man hatte wirklich das Gefühl, man sei, in einem ganz anderen Kontinent, in Afrika in der Savanne. Die ganzen Bäume waren gerodet, das war ein Bild, das war mir hier auf dem europäischen Kontinent gar nicht so bekannt", so einer der Studenten, Christian Dos Reis. Die Studenten dokumentieren auch die Besetzung: Baumhäusern in 30 Metern Höhe. Porträts der Widerständler.

Vor wenigen Monaten ließ Christian Dos Reis die Aktivisten selbst fotografieren, mit Einwegkameras. "Es ist auf jeden Fall ein Kontrast zu dem, als ich hier war, da war alles noch fröhlich", erinnert er sich. "Ich denke auch, viele Aktivisten hatten das Gefühl, dass es nicht weiterkommt und dass ihre Stimme nicht laut genug ist."

Fotos werfen Fragen auf

Die Bilder der Studenten erzählen von einer Natur, die der Mensch sich einverleibt. Ihre Bilder werfen auch die Frage auf, warum in Zeiten alternativer Energien noch ganze Wälder weichen müssen. "Ich glaube, Kunst kann Öffentlichkeit erzeugen, aber nur bis zu einem gewissen Grad", so Magdanz. "Da wird der Künstler dann nur noch als nettes, kulturelles Beiwerk betrachtet, beziehungsweise da schon nicht mehr, weil er auch stört, aber da kommt man in die Richtung, wo es nicht mehr weitergeht. Da geht es dann nur noch mit Entscheidungen, die woanders getroffen werden."

Hambacher Forst: Rund drei Viertel gegen Rodung

Rund drei Viertel der Deutschen sprechen sich gegen die Rodung des Hambacher Forsts aus. Die Regierung von Nordrhein-Westfalen will nicht verhandeln. RWE will weiter roden. Im Oktober sollen die Bagger kommen, die letzten Bäume fallen. Es sei ein Totalversagen in Wirtschaft und Politik, sagt der Fotograft. "Es geht nicht nur um den Wald, sondern es geht um unsere Gesellschaft und darum, wie man hier rausgehen möchte und darum, ob man aufgeben möchte oder kämpfen will. Es ist eben eine außergewöhnliche Opposition, die sich hier gebildet hat und die mittlerweile zu Solidarität in der Bevölkerung auch geführt hat."

Oft wird Andreas Magdanz mit seinen Studenten wohl nicht mehr herkommen können. Die Räumung soll weitergehen.

(Beitrag: Lisa Hagen)

Stand: 23.09.2018 21:19 Uhr

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