SENDETERMIN So, 01.12.19 | 23:05 Uhr | Das Erste

Ein Preis für Kriegsverbrechen

Bosnier protestieren gegen Nobelpreis für Handke

PlayFrauen protestieren in Sarajevo gegen den Nobelpreis für Peter Handke.
Bosnier protestieren gegen Nobelpreis für Handke | Video verfügbar bis 01.12.2020 | Bild: NDR

Am 10. Dezember bekommt Peter Handke den Nobelpreis für Literatur und die Proteste lassen nicht nach. Denn Handke hat sich im Bosnienkrieg und angesichts des Zerfalls von Jugoslawien stets deutlich für die serbische Seite ausgesprochen und dabei, wie seine Kritiker sagen, die bosnischen Opfer missachtet und verhöhnt.

"Mütter von Srebrenica" können nicht vergessen

"Der Preis für Handke ist ein Preis für Kriegsverbrechen", beklagen die "Mütter von Srebrenica", die vor der Schwedischen Botschaft in Sarajevo demonstrieren: Frauen, deren Söhne und Männer beim Massaker 1995 ermordet wurden. Kada Hotić ist eine der Mütter, die nicht vergessen können. Deren Schmerz Peter Handke 2011 in einem Zeitungsinterview als unglaubwürdig abqualifizierte. "Denen glaube ich kein Wort, denen nehme ich die Trauer nicht ab", sagte Handke damals. "Wäre ich Mutter, ich trauerte allein."

Kada Hotić
Kada Hotić ist eine der Mütter, die nicht vergessen können.  | Bild: NDR

Doch Handkes Welt ist nicht die von Kada Hotić. "Mein Sohn war jung, er hätte noch leben sollen", sagt sie. "Ich vermisse ihn. Und unsere Gesellschaft vermisst ihn auch." Kada Hotić wundert sich über die Entscheidung der Schwedischen Akademie, Handkes Werk mit dem Nobelpreis zu belohnen: "Obwohl sie über alle Ereignisse in diesem Teil Europas Bescheid wussten – auch darüber, dass hier ein Völkermord passiert ist und dass Handke in seinem literarischen Werk das alles unterstützt hat."

Handke wehrt Fragen ab

Bei der Preisverkündung in Stockholm im Oktober ging es um Handkes Werk, die Sprachkunst des Dichters. Fragen zu seiner Parteinahme für verurteilte serbische Kriegsverbrecher wehrt Handke ab. Kein Interview mit ttt. Auch andere kriegen keine Antwort, oder diese: "Ich bin nicht hier, um auf diesen Scheißdreck zu antworten. Und jetzt verschwinden Sie sofort. Bitte." Das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag urteilte, der Massenmord in Srebrenica sei Völkermord gewesen, mit 8000 Toten. Handke sät Zweifel: "Jetzt wird überall von 8000 Toten geredet, aber das kann nicht sein. Ich schätze zwischen 2000 und 4000 Tote." Das ist Vernebelung, Verdunkelung, Verleugnung – sagen Handke-Kritiker. Der Verband Bosnischer Verleger schrieb dem Nobelkomitee: Handke verachte die Opfer, rechtfertige die serbischen Täter. "Nehmt den Nobelpreis zurück."

"Wir haben der Schwedischen Akademie geschrieben, dass sich viele Genozid-Opfer in Bosnien-Herzegovina durch die Nobelpreis-Entscheidung missachtet fühlen", sagt Damir Uzunović vom Verband Bosnischer Verleger. "Weil Handke als Anwalt derer agiert, denen vor Gericht Verbrechen nachgewiesen wurden. Und weil er diese Opfer beleidigt hat." In Sarajevo führt das zu Empörung. War es nicht genug, dass die UN-Blauhelme tatenlos zusahen beim Genozid? Jetzt auch noch der Nobelpreis für Handke – und wer als Nächster? Polemik und Protest. Gegen die Begründung der Akademie, die die Schreibkunst feiert, egal, wer da schreibt.

Kann man Werk und Autor trennen?

Peter Handke (Archivfoto)
Peter Handke äußerte sich im serbischen Fernsehen. | Bild: NDR

Werk und Autor, Literatur und Debatte trennen – geht das bei Peter Handke? Der bosnische Germanist und Handke-Kenner Vanihin Preljević sagt: Nein. "Er agiert letztlich als eine Art Propagandist – könnte man sagen – eines bestimmten Nationalismus. Schon seit 25 Jahren. Das ist schon eine bedenkliche Kontinuität." Peter Handke äußerte sich 1999 im serbischen Fernsehen: "Es gibt eigentlich eine gewisse Göttlichkeit in der Menschheit. Aber mit dem Krieg gegen die Serben ist die Göttlichkeit verschwunden." Der Germanist Vanihin Preljević sagt, Handke spiele die Rolle eines weltabgewandten Poeten, aber das sei er ganz und gar nicht. Beim Reizwort Bosnien teilt Handke aus. "Das Wort 'Betroffenheit', das kann ich schon mal überhaupt nicht hören", sagte der Autor 1996. "Gehen Sie nach Haus' mit Ihrer Betroffenheit, stecken Sie sich die in den Arsch."

Demonstrativ besuchte Handke 2006 das Begräbnis von Slobodan Milosević. Bis heute lässt er sich zu Veteranen-Treffen im rechten Milieu Belgrads einladen. Er bleibt bei seiner Kritik an einem angeblichen Meinungskartell der Medien – und an den Urteilen aus Den Haag.

"Peter Handke liegt im Krieg mit den Fakten

Emir Suljagić, Leiter des Dokumentationszentrums Srebrenica, sieht es so: "Wir haben es mit einem einsamen, traurigen Mann zu tun. So einsam, dass er die Gesellschaft von Kriegsverbrechern sucht." Emir Suljagić hat das Massaker, für das Milosević, Mladić und Karadzić angeklagt waren, überlebt, selbst ein Buch darüber geschrieben. "Peter Handke liegt im Krieg mit den Fakten. Das ist sein größtes Problem", sagt er. "Es gibt eine Passage in seinem Serbien-Buch 'Winterliche Reise', da fragt er: 'Warum Fakten? Wir leben in einer Welt der Fakten, mein Freund.'"

Spuren der Belagerung sind bis heute sichtbar

In Sarajevo sind die Spuren der Belagerung durch die Serben 1992 bis 1995 bis heute allgegenwärtig im modernen Gesicht der Stadt. Und Handke? Manchen Satz will er so nicht gesagt und gemeint haben, sagt er jetzt. Doch vom Freispruch durch seine Verteidiger – ein großer Dichter dürfe auch mal irren – will er nichts wissen: "Damit bin ich nicht einverstanden. Ein Schriftsteller sollte ein guter Mensch sein." Kada Hotić von den "Müttern von Srebrenica" sagt dazu: "Handke hat Srebrenica, hat das Verbrechen in eine gute Tat, in gute Literatur verwandelt."

Die "Mütter von Srebrenica" wollen auch bei der Preisverleihung am 10. Dezember in Stockholm protestieren. Auf den Brief der bosnischen Verleger kam eine ernüchternde Antwort der Schwedischen Akademie: Handke sei ein würdiger Preisträger – aber hoffentlich könnten wir alle aus der tragischen Geschichte Europas lernen. Noch Fragen? "Mit ihrem Antwortbrief haben die von der Akademie uns gezeigt, dass sie jedenfalls nichts gelernt haben, sagt Damir Uzunović vom Verlegerverband Bosnien.

(Beitrag: Andreas Lueg)

Stand: 02.12.2019 12:20 Uhr

17 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So, 01.12.19 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
für
DasErste