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Die Ansprüche der Hohenzollern

Was Historiker dazu sagen

PlayKronprinz Wilhelm und Adolf Hitler
Die Ansprüche der Hohenzollern | Video verfügbar bis 04.08.2020 | Bild: ARD

Trotz Novemberrevolution und Enteignungen durch die Sowjets haben die Hohenzollern viel von ihrem Besitz behalten können – doch das reicht ihnen offenbar nicht. Der Ururenkel von Kaiser Wilhelm II., Georg Friedrich Prinz von Preußen, verhandelt seit Jahren mit dem Bund, den Ländern Berlin und Brandenburg sowie Kultureinrichtungen wie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Es geht um Bilder, Möbel und Wohnsitze, zuletzt traf man sich am vergangenen Mittwoch. Die Maximalforderungen der Hohenzollern lösten eine Welle der Empörung aus. Die Familie fordert Werte in dreistelliger Millionenhöhe: die Rückgabe von Kunstwerken und von historischen Gegenständen aus Museen, das unentgeltliche Wohnrecht in Schlössern, dazu Entschädigungen in Höhe von mindestens 1,2 Millionen. Kommt es zu keiner gütlichen Einigung, wird man sich wohl vor Gericht treffen. Dabei wird dann eine entscheidende Rolle spielen, ob die Hohenzollern Helfer für Hitlers Machtergreifung gewesen sind. Sollte ein Gericht eine Mitschuld bestätigen, wäre jede Art der Entschädigung ausgeschlossen. Deshalb geht es bei dem Streit um das Hohenzollern-Erbe nicht nur um Geld, sondern auch um die Deutung deutscher Geschichte.

Verhalfen die Hohenzollern den Nazis zur Macht?

Auf einmal steht sie wieder im Raum: die Frage, wer den Nazis mit zur Macht verhalf. Vielleicht auch das alte Herrscherhaus der Hohenzollern? "An der Geschichte dieses Hauses hängt auch ein Stück die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert", weiß Jörn Leonhard von der Universität Freiburg. "Und das heißt natürlich auch die Geschichte der Katastrophe des Ersten Weltkriegs, der belasteten Weimarer Republik und irgendwann auch das Scheitern dieser Republik."

"Ich wehre mich dagegen, dass in einem Atemzug genau diese Leute und genau diese Familie gleich zu Kriegsverbrechern im Zweiten Weltkrieg ausgerufen werden", sagt hingegen der Anwalt aus dem Haus Hohenzollern, Markus Hennig. "Das halte ich für ungerecht, und das halte ich auch nicht für seriös."

Was steht den Hohenzollern zu?

Der Auslöser der Debatte ist Georg Friedrich Prinz von Preußen. Er will, was seiner Familie Hohenzollern zusteht. Aber was steht ihr zu? Wie unterscheidet man überhaupt bei einer Ex-Herrscher-Familie zwischen Privat- und Staatseigentum? "Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist – das ist eine alte römische Redewendung. Es ist eine uralte Frage: Wie klärt man in einer Republik eine rechtliche und politische Problemlage, die noch aus dem Kaiserreich und der Monarchie kommt? Das sind in Deutschland weitgehend ungeklärte Fragen", erläutert Stephan Malinowski von der University of Edinburgh.

Es gehe erst einmal grundsätzlich um die Frage der Zuordnung von Eigentum", so Anwalt Hennig. "Und dabei handelt es sich um ein bürgerliches Recht eines Bürgers, der zufällig auch adlig ist. Das wird gerne in der Diskussion vergessen."

Ministerpräsident Brandenburgs: Schlösser sollen Schlösser des Volkes bleiben

Schloss Cecilienhof, 176 Zimmer, mitten im Ersten Weltkrieg auf Staatskosten erbaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde hier Deutschlands Zukunft geklärt. Wie hier in Potsdam haben die Russen viel von den Hohenzollern enteignet. Der Bund, Brandenburg und Berlin wollen nun unklare Besitzverhältnisse mit der Familie lösen. Die setzte auch ein Wohnrecht im Cecilienhof auf die Verhandlungsliste.

"Wir wollen, dass die Schlösser – beispielsweise Cecilienhof – Schlösser des Volkes bleiben und sind", sagt Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke. "Dass wir in diesem Punkt eine ganz klare Meinung haben, versteht sich von selbst."

"Das Wohnrecht ist durch den grundlegenden Staatsvertrag von 1926 der Familie eingeräumt worden und ist in dem Zusammenhang ein ganz normales Verhandlungsgut", erklärt der Anwalt der Hohenzollern. "So haben wir das immer betrachtet. Wir haben in dem Zusammenhang aber immer auch klar gemacht, dass daran eine Gesamtlösung nicht scheitern wird."

1918: Hohenzollern behalten viele ihrer Schätze

Viele ihrer Schätze konnten die Hohenzollern nach ihrer Abdankung 1918 behalten. Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ex-Monarchen sind sie vom Staat fürstlich behandelt worden, was damals schon umstritten war.

Vieles stellen sie heute durchaus auch als Leihgaben zur Verfügung. Aber was ist mit den von den Russen nach 1945 enteigneten Kunstwerken und Immobilien? Wenn man sich nicht gütlich einigen kann, droht eine Klärung vor Gericht. Der Ausgang ist ungewiss. Denn ein Gesetz besagt, es durfte enteignet werden, wenn der alte Besitzer der NS-Herrschaft Vorschub geleistet hat. Haben das die Hohenzollern?

Sohn des letzten Kaisers rief auf, Hitler zu wählen

Kronprinz Wilhelm, Sohn von Deutschlands letztem Kaiser, rief 1932 dazu auf, Hitler zu wählen. Er war auch 1933 am Tag von Potsdam dabei – einer gigantischen Propagandanummer der Nazis, um ihre Macht zu festigen. "Es gibt ein Bündnis zwischen den SA-Horden, der nationalsozialistischen Brutalitätsherrschaft, auf der einen Seite, und den alten Eliten und den alten preußischen Eliten auf der anderen Seite", so Stephan Malinowski. "Das ist das, was Potsdam darstellt. Drei Tage später, am 24. März, kommt es dann zum Ermächtigungsgesetz, in dem der Reichstag, der Rest des Reichtags aufgelöst und zerstört wird."

"Die Involvierung des Kronprinzen in diesen Aufstieg des Nationalsozialismus am Tag von Potsdam, sozusagen als das Symbol der alten und der neuen Zeit, ist sicherlich hochproblematisch", fügt Jörn Leonhard hinzu.

Hat das Haus Hohenzollern damit dem NS-Regime Vorschub geleistet? Die Familie selbst glaubt, das könne man nicht nachweisen. "Weil es auf eine tatsächlich Auswirkung ankommt, und die ist eben schwer zu messen", so ihr Anwalt.

Eine Kollision von Recht und Geschichte

Das Erbe der Hohenzollern – schwierige Sache. Vielleicht ein Symptom, diese Kollision von Recht und Geschichte. In Berlin rekonstruiert man ja gerade schon mal einen alten Hohenzollern-Palast. Welches Gesicht gibt sich die Berliner Republik – und wer entscheidet darüber? "Ich persönlich habe im Rahmen der Debatte ein ganz großes Problem damit, wenn Historiker oder Politker versuchen Rechtsfragen zu lösen oder zu erörtern", erklärt Markus Hennig. "Genauso wie ich auch ein ganz großes Problem darin sehe, wenn Gerichte nun scheinbar in die Situation gesetzt werden, dass sie über historische Sachverhalte entscheiden müssen."

"Es macht einen Unterschied, ob das die Privatsammlung einer vielleicht auch adligen Familie ist, oder wir es zu tun haben mit dem Erbe der Hohenzollern", so Leonhard. "Die Hohenzollern sind die nationale Monarchie seit 1871, und sie sind tief verwoben in die Geschichte der Deutschen des 20. Jahrhunderts."

Und darum gehört der Streit in die Öffentlichkeit, und nicht nur in den Gerichtssaal.

(Beitrag: Thorsten Mack)

Stand: 05.08.2019 12:00 Uhr

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