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Zweifelhafte Visumsvergabe – Wie sich Europa auch beim internationalen Kulturaustausch abschottet

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Zweifelhafte Visumsvergabe – Wie sich Europa auch beim internationalen Kulturaustausch abschottet | Video verfügbar bis 23.09.2019 | Bild: picture-alliance / Vjeran Zganec-Rogulja/Pixsell

Kulturaustausch – an sich eine gute Sache. Findet auch die Bundesregierung und hat sogar im Koalitionsvertrag festgehalten, dass die auswärtige Kulturpolitik gestärkt werden soll. Doch die Realität sieht oft anders aus – und das nicht nur in Deutschland: Immer wieder wird KünstlerInnen aus Entwicklungs- und Schwellenländern das Visum für die Einreise in den Schengen-Raum und nach Deutschland verweigert – trotz Einladungen nach Wacken, Hamburg, Berlin oder Paris. Denn wer arm, ledig und kinderlos ist, wird womöglich nach dem Auftritt in Europa bleiben. Eine Situation mit verheerenden Folgen. Nicht nur für die Künstler.

Thomas Engel, Direktor Internationes Theaterinstitut.
Thomas Engel: "Es entsteht eine zunehmende Differenz zwischen den Ländern Europas und den Künstlern überall in der Welt." | Bild: NDR

"Kuratoren reisen, entdecken interessante, neue künstlerische Ausdrucksformen und Handschriften, wollen mit Künstlern zusammenarbeiten", sagt Thomas Engel, Direktor Internationales Theaterinstitut. "Die werden eingeladen und im letzten Moment wird alles abgeblasen. Die Vorstellung fällt aus, die Gelder, die investiert worden sind, sind weg. Praktisch entsteht natürlich auch eine zunehmende Differenz zwischen den Ländern Europas und den Künstlern überall in der Welt, die ohnehin unter schwierigen Bedingungen existieren und arbeiten."

"Uns werden die Perspektiven genommen"

Künstler wie zum Beispiel der marokkanische Rapper Issam. Mit einem seiner Songs sollte er am Pariser Institut du Monde Arabe durchstarten. Doch auch er durfte nicht einreisen. Der Traum von der internationalen Karriere: vorbei. Wie bei so vielen. Aus Angst vor möglichen Folgen äußern sich die meisten nicht vor der Kamera. Issam ist einer der wenigen, der sich traut: "Es ist so ungerecht. Von hier aus haben wir Künstler kaum Chancen, über unser Land hinaus gesehen zu werden. Dafür fehlen die großen Bühnen und Produzenten. Wir brauchen daher Auftritte in Westeuropa. Aber während westliche Künstler jederzeit nach Marokko ein- und ausreisen können, werden wir in unserem Land eingesperrt. Das ist unfair. Uns werden so die Perspektiven genommen."

"Jeder einzelne Fall ist eine Verletzung der Konvention"

Dabei gilt in der EU eine Unesco-Konvention, die alle Staaten verpflichtet, den "Kulturaustausch mit Entwicklungs- und Schwellenländern" zu erleichtern. Ein Ziel, das sogar im aktuellen Koalitionsvertrag explizit verankert wurde. Und das Staatsministerin Michelle Müntefering nicht müde wird zu beteuern. Alles nur leere Versprechungen?

"Jeder einzelne Fall, der publik wird, ist eine Verletzung der Konvention", so Thomas Engel. "Und man kann von einer Vorzugsbehandlung für Schwellen- und Entwicklungsländer, was die künstlerische Mobilität betrifft, überhaupt nicht mehr sprechen."

"Wir brauchen diesen Austausch, diese Inspiration"

Julia Schreiner Projektleiterin JTW Berlin-Spandau
Julia Schreiner: "Wenn wir in unserem ewigen Sumpf rumdümpeln, kommen wir nicht mehr weiter. Dann brauchen wir gar keine Kultur mehr." | Bild: NDR

"Auch wir brauchen ja diesen Austausch", sagt Julia Schreiner. "Wir brauchen diese Inspiration, wir brauchen den Austausch hier und das auch sichtbar." Wie sehr Theorie und Praxis auseinanderliegen, hat Julia Schreiner selbst erlebt. Sie leitet in Berlin Theater- und Bühnenprojekte, darunter Produktionen mit afrikanischen Künstlern – wie jetzt mit angolanischen Schauspielern. Dass sie einreisen durften, war bis zuletzt nicht sicher. Denn noch vor Kurzem platzten gemeinsame Auftritte mit diesem Ensemble aus der Elfenbeinküste. Zehn Tage vor der Premiere kamen die Ablehnungsbescheide.

"Ich war sehr entsetzt, weil wir damit nicht gerechnet haben, da wir sowohl die Unterstützung des Goethe-Instituts vor Ort hatten und weil es eben ein mit Bundesmitteln gefördertes Projekt war", sagt Schreiner.

Wer kein Geld und keine Familie hat, wird abgewiesen

Dass selbst solche Garantien nicht mehr genügen, ist inzwischen Alltag. Die Absicht der Künstler, "aus dem Hoheitsgebiet der EU" wieder auszureisen, könne "nicht festgestellt werden". So die immer gleiche Antwort der Botschaften. Am schwersten hat es, wer kein Geld und noch keine Familie hat. "Ich würde mal sagen, auf weltweit so gut wie alle jungen Künstlerinnen und Künstler kann die Begründung der geringen Rückkehrwahrscheinlichkeit zutreffen", so Schreiner. "Für unser komplettes Ensemble hätte es gegolten, wir hätten nicht verreisen dürfen."

Ein Interview mit "ttt" lehnte das Auswärtige Amt ab. Schriftlich teilt das Ministerium mit, die Botschaften entschieden "(…) auf der Grundlage geltender Bestimmungen und keineswegs willkürlich".

Internationale Festivals leiden unter Abschottungspolitik

Unter der europäischen Abschottungspolitik leiden mittlerweile auch große internationale Festivals. So wie die Festwoche Arabesques, die am 23. September in Montpellier zu Ende geht. 22 Künstler durften nicht einreisen. Der Verlust ist enorm. Nicht nur materiell. "Was tun?", fragt Habib Dechraoui, Leiter Festival Arabesques. "Soll man sich damit abfinden und nur mit Künstlern aus Europa zusammenarbeiten? Das will ich nicht. Es ist wichtig, die Talente aus der arabischen Welt zu uns zu holen, damit auch das Publikum in Frankreich und Europa sie entdecken kann."

Die Folge: eine kulturelle Verarmung Europas. Denn die Mauern, die gezogen werden – behindern auch unsere Sicht nach außen. "Kultur besteht ja daraus, dass sie sich verändert und dass man Einflüsse von draußen mit aufnimmt", erklärt Julia Schreiner. "Und wenn wir in unserem ewigen Sumpf rumdümpeln, kommen wir nicht mehr weiter. Dann brauchen wir gar keine Kultur mehr."

(Beitrag: Sandra Aïd)

Stand: 24.09.2018 14:10 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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