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Katerstimmung nach 30 Jahren

Was ist seit 1989 schiefgelaufen?

PlayBuchcover: Das Licht, das erlosch
Katerstimmung: Was ist seit 1989 schiefgelaufen? | Video verfügbar bis 01.12.2020 | Bild: Ullstein Verlag

Als die Mauer fiel, schien klar: Jetzt gibt es nur noch ein Gesellschaftsmodell und das wird weltweit adaptiert – die kapitalistisch-liberale Demokratie. Warum war das eine Illusion? Ivan Krastev und Stephen Holmes beschreiben in ihrem Buch "Das Licht, das erlosch" (Ullstein Verlag) die Mechanismen, die inzwischen zu Verbitterung und Katerstimmung geführt haben, denn der Traum eines geeinten Europas zerfällt mehr und mehr. Ihre Diagnose: Der Populismus ist entstanden, gerade weil das westliche Modell sich als "alternativlos" präsentiert hat. "Das ist eine Frankenstein-Geschichte", sagt Ivan Krastev. "Da wurde versucht, ein Wesen zu kopieren, und nun revoltiert die Kopie und versucht, ihren Erschaffer zu zerstören."

Zeitalter der Nachahmung

Der Liberalismus als Licht, das erlosch. Anfangs wollte der Osten wie der Westen sein, das Zeitalter der Nachahmung nennen die Autoren das. Demokratie und Kapitalismus zu kopieren versprach Freiheit und Wohlstand. Der Westen hielt sich für unverwundbar. Selbstkritik: Fehlanzeige. "In diesen drei Jahrzehnten nach dem Kalten Krieg war die Welt eingeteilt in Vorbilder und Nachahmer. In fertige Demokratien und die, die es lernen sollten. Aber irgendwann kratzte das an ihrem Selbstbild", sagt Ivan Krastev. "Für Polen und Ungarn war es schmerzhaft, Deutschland nachzumachen. Denn wenn man das macht, muss man ja anerkennen: Der andere ist der bessere."

Finanzkrise als entscheidender Bruch

Autor Ivan Krastev
"Diese Krise bringt uns zusammen, mehr als jedes Programm der EU", sagt Ivan Krastev. | Bild: NDR

Die Finanzkrise war der entscheidende Bruch. Der unhinterfragte, entfesselte Kapitalismus versagte, das Volk musste für Millionäre blechen. Das sollte Liberalismus sein? Wenn man in einer Demokratie keine Wahl hat – wozu hatte man sie dann? Das Gefühl der Fremdbestimmung war der Startschuss des Populismus, in Deutschland wie ganz Europa. Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel sagte, die Wirtschaftspolitik sei alternativlos. "Und prompt", sagt Krastev, "entstand eine Partei, die sich Alternative nennt. Immer wenn man sagt, es gibt keine Alternative, seien Sie sicher: Dann kommt einer und präsentiert eine - und die muss nicht so sein, wie du es erwartest."

Populisten sagen: Seid ihr selbst

Die Hauptbotschaft der Populisten sei: "Wir hören euch, dem Volk zu. Aber wir sind auch hier, um euch zu sagen: Ihr müsst niemanden nachahmen. Seid ihr selbst", beschreibt Ivan Krastev deren Taktik.

Die Russen ahmten den Westen auf ihre Weise nach – mit dem Ziel, ihn zu provozieren. Bei der Annexion der Krim hielt Putin auch der westlichen Machtpolitik den Spiegel vor. Ihr macht es doch auch so, signalisierte er bewusst, euer Liberalismus ist nur geheuchelt, auf Demokratie und Menschenrechte pocht ihr nur, wenn es euch nutzt.

Angst vor Bedeutungsverlust

Und die westlichen Populisten? Sie verteufeln den Liberalismus, weil Nachahmer die eigene, elitäre Vormachtstellung angreifen. Die Angst vor Bedeutungsverlust brachte US-Präsident Donald Trump ins Amt. "Er sagt: 'Wir haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen'", erläutert Krastev. "Warum geht es dann den Verlierern aus Deutschland und Japan so gut? Statt uns Autos zu verkaufen müssten sie unsere kaufen." Wie habe Amerika eine Welt erschaffen können, in der es jetzt China so gut geht? "Die liberale Ordnung füttert aus Trumps Sicht nur seine größten Konkurrenten."

"Die Krise bringt uns zusammen"

Populisten bedeuten nicht zwingend das Ende des Liberalismus – zeigen aber, was wir verlieren würden. Die freie Weltordnung überlebe, wenn sie ihre Selbstherrlichkeit und Heuchelei überwindet, so die Autoren, die für unsere Gegenwart eine brillante psychologische Erklärung anbieten: "Dass wir jetzt in ganz Europa dieselben Fragen stellen, ist sehr wichtig", sagt Krastev. "Diese Krise bringt uns zusammen, mehr als jedes Programm der EU. Zum ersten Mal müssen alle liberalen Gesellschaften dieselben Dinge klären: Warum vertrauen die Leute nicht den Massenmedien? Warum folgen die Menschen Politikern, die eigentlich nichts anzubieten haben? Ich halte das für einen sehr wichtigen Moment, der uns zusammenbringt. Wir reflektieren unser Gesellschaftsmodell wieder selbstkritisch, eine Haltung, die wir nach 89 verloren hatten."

Es sind trübe Tage – aber das muss nicht so bleiben.

(Beitrag: Thorsten Mack)

Buch-Tipp
Das Licht, das erlosch
Von Ivan Krastev und Stephen Holmes
Ullstein Verlag (November 2019)
ISBN: 13 9783550050695
Preis: 26 Euro

Stand: 01.12.2019 20:52 Uhr

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