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Wie Frauen in Ägypten leben – Die eindrücklichen Porträts von Amélie Losier

PlayAmélie Losier.
Wie Frauen in Ägypten leben: Fotos von Amélie Losier | Video verfügbar bis 22.04.2019 | Bild: NDR

Groß waren die Erwartungen, die mit der ägyptischen Revolution verbunden waren – nicht nur, aber auch von Frauen. Ging es doch nicht nur darum, gegen das politische System Mubaraks aufzustehen, sondern auch gegen alte Wertvorstellungen und Geschlechterungerechtigkeit. Und jetzt, wo nicht mehr viel von den erhofften und auf dem Tahir-Platz geforderten Freiheiten übrig ist: Wie stellt sich die Situation für die Frauen in Ägypten dar? Die Fotografin Amélie Losier hat sich aufgemacht, ägyptische Frauen in ihrem Umfeld zu porträtieren – und sie zeigt in ihrem Fotoband beeindruckende Bilder von Frauen fernab der westlichen Klischees der arabischen Frau: "Sayeda".

Buch-Tipp
Sayeda – Frauen in Ägypten. Women in Egypt. Femmes d‘Égypte
Von Amélie Losier, Franziska Schmidt, Hoda Salah
Nimbus Verlag
ISBN: 978-3-03850-037-7
Preis: 36 Euro

Die Frauen, die sie porträtiert sind stolz. Und sie wehren sich gegen ihre Stellung in der ägyptischen Gesellschaft. Wie zum Beispiel Graffitikünstlerin Angie: "Wenn du einen Penis hast, stehen dir die Türen der Gesellschaft offen. Wenn du dagegen eine Vagina oder Brüste hast, keine Chance. Du bist wie ein Bürger zweiter Klasse."

Folgen der Revolution: Genitalverstümmelung verboten

Der Arabische Frühling war deswegen gerade auch eine Hoffnung der Frauen. Sie standen auf für ein neues System – und für mehr Rechte. Doch ein Tritt in den Magen einer Demonstrantin wird zum Symbol von Gewalt gegen Frauen. Und doch hat die Revolution auch für Frauen etwas verändert. Die Genitalverstümmelung wird verboten, Ehrenmord hart bestraft. "Das Wichtigste ist, dass die Frauen durch die Revolution angefangen haben zu sprechen und keine Angst haben oder viel weniger Angst haben zu sprechen", so die Fotografin. 40 hat sie getroffen und interviewt, aus allen Schichten, allen Generationen.

So wie auch Töpferin Rawiya: "Als ich klein war, sah ich, wie mein Vater oft meine Mutter angeschrien hat und wie brutal er sie schlug. Es war schrecklich. Da beschloss ich, gegenüber niemandem je schwach zu sein." Sie habe mehrere Heiratsanträge bekommen, erzählt Amélie Losier über Rawiya. "Aber sie hat gesagt: 'Nee, ich will nicht im Feld arbeiten. Ich will unbedingt töpfern, und mein Mann wird mit mir töpfern müssen.' Dann hat sie ihren Brüdern das Töpfern beigebracht, ihren beiden Töchtern. Und sie ist einfach die Chefin des Hauses."

Liebesheiraten nehmen zu

So selbstbestimmt ist nicht jede. Noch immer gilt die Heirat als das entscheidende Ereignis im Leben vieler ägyptischer Frauen. Doch Liebesheiraten nehmen zu. Für Jüngere gibt es neue Freiheiten – anders als früher. "Die eine wurde zwangsverheiratet mit 15, hat ihren Mann nicht ausgesucht und es war leider kein netter Mann", berichtet die Fotografin. "Darum will sie diese Tradition brechen und sagt: 'Ich will, dass meine Töchter ihren Mann aussuchen.' Das sind Traditionen, die sich durch ein Verhalten – vielleicht nur innerhalb der Familie – sich aber trotzdem ändern."

Auch beruflich erobern sich Ägyptens Frauen neue Felder. Und das oft gegen die Widerstände ihrer Männer und Kollegen. Wie Taxifahrerin Nour: "Wenn ein männlicher Kunde sich mir gegenüber schlecht benimmt, halte ich an und werfe ihn raus."

Äypten – für Frauen eines der gefährlichsten Länder der Welt

Amélie Losier zeigt Frauen, die zwischen Tradition und Moderne zerrissen sind. Egal welcher Lebensstil, sie alle verbindet eine Erfahrung: Laut einer Studie der UN haben 99,3 Prozent der Ägypterinnen sexuelle Belästigung und Gewalt erlebt. Ägypten gilt damit für Frauen als eines der gefährlichsten Länder der Welt.

"Wenn eine Frau sexuell belästigt wird, sei es verbal oder physisch, sie kommt nach Hause und das erste, was ihre Mutter fragt: Wie warst Du angezogen? Und selbst die Frauen selber sind der Meinung: Die Frau ist für das, was ihr passiert, verantwortlich", so Losier. Die Frauenrechtlerin Zeinab erzählte ihr: "'Willst du meinen Schwanz lutschen?' Schrecklich zu sagen, aber du gewöhnst Dich daran. Solche Worte treffen dich nicht mehr. Das Schlimmste ist, dass du es von Kindern hörst!"

Braucht es eine neue Revolution?

1956 wurde Frauen in Ägypten das Wahlrecht zugestanden. Heute beträgt ihr Anteil im Parlament gerade mal zwei Prozent. Manche fordern eine neue Revolution – die der Frauen. Frust habe sie nicht gespürt, sagt Losier. "Ich glaube eher, Ruhe und Geduld: Okay, das ändert sich jetzt gerade nicht sofort, aber nicht schlimm, wir bleiben dran."

Amélie Losiers Foto- und Gesprächsband "Sayeda" ist eine Hommage an Frauen, die gelernt haben durchzuhalten. Und die wissen, dass ihre Zeit noch kommen wird.

(Beitrag: Maryam Bonakdar)

Ausstellungstipp
Sayeda. Frauen in Ägypten

27.04. bis 29.07.2018

Haus am Kleistpark / Projektraum
Grunewaldstr. 6/7
10823 Berlin-Schöneberg

Di bis So 11 bis 18 Uhr, Eintritt frei

Stand: 22.04.2018 20:17 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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