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Literarisches Meisterwerk von Nicolas Mathieu

Ein Roman über die abgehängte Gesellschaft in Frankreich

PlayNicolas Mathieu hält sein Buch "Wie später ihre Kinder" in der Hand.
Literarisches Meisterwerk von Nicolas Mathieu | Bild: NDR

"Der unersättliche Schlund der Fabrik hatte verschlungen, was er bekam, genährt durch Schweiß und Erschöpfung, durch ein System aus metallenen Röhren, die, als sie zurückgebaut worden waren, die Stadt ausgeblutet zurückgelassen hatten. Die geisterhaften Lücken riefen Erinnerungen wach, wie die grasüberwucherten Gleisbette", heißt es in dem Buch "Wie später ihre Kinder". Der Autor Nicolas Mathieu ist in Lothringen geboren, kennt die Geschichte der Region, weiß, wie die Leute hier ticken. "Man lebt hier in dem Bewusstsein, eine gloriose Vergangenheit gehabt zu haben, mit der Industrie, den Stahlwerken und Minen", erzählt er. "Aber seit die weg sind, gibt es kaum noch Zukunftsperspektiven – auch die Solidarität und Identität der Menschen hier sind zerstört worden."

Wenn Menschen ihre Identität verlieren

Genau davon erzählt der Autor in seinem preisgekrönten Buch. In Frankreich wurde der Roman von der Kritik gefeiert, er bekam 2018 den Prix Goncourt, jetzt liegt er endlich auf deutsch vor. Ein großer Gesellschaftsroman, der mitten in einer der vergessenen Regionen Europas spielt: Einstmals reich und stolz, sind die Menschen heute arm und abgehängt. Hayange: eine Hochburg der Rechten.

"Die Männer, die hier arbeiteten, nannten sich selbst die 'Eisenmänner'. Das klingt wie aus der Sagenwelt – aus Feuer und Mineralien schufen sie Metall. Jetzt liefern sie Pizza aus, putzen im Supermarkt, halten sich mit Minijobs über Wasser", sagt Mathieu. "Das ist ein anderes Selbstbild. Kein mythisches mehr. Es gibt auch nicht mehr diesen Zusammenhalt der Kumpel. Die Leute sind nicht nur wirtschaftlich ruiniert, sie haben ihre Identität verloren."

Mathieu erzählt aus der Perspektive der Teenager

Anfang der 90er-Jahre machen die Hochöfen im Ort dicht. Eltern werden arbeitslos, das Geld knapp. So beginnt der Roman. Die Jugendlichen nehmen Drogen, hören Nirvana, denken dauernd an Sex – sie wollen Spaß haben, sich wegballern. Aus der Perspektive der Teenager beschreibt Mathieu ihr Erwachsenwerden, über zehn Jahre.

Und ihre kaputten Familien: Antonys Vater ist ein brutaler Schläger und Säufer. Hacines Vater ist Gastarbeiter. Beide sind auf der falschen Seite des Systems geboren. "Die Jungs wollen raus aus dem Schatten der erloschenen Hochöfen", so der Autor. "Ich erzähle von ihren Begierden, ihrer Wut, ihrem Hass. Und eine Liebesgeschichte, die das alles überdauert." Ganz nah dran am Lebensgefühl der Teenager erzählt Mathieu von großen Gefühlen, großartigen Plänen – und der Unerbittlichkeit des Schicksals.

Porträt einer Gesellschaft, in der jeder nur für sich kämpft

Doch der Roman ist weit mehr als die Geschichte der Jugendlichen. Mathieu zeichnet das Porträt einer Gesellschaft, in der jeder nur noch für sich allein kämpft. Denn wer in einer Region geboren ist, mit der es bergab geht, hat es schwer, erfolgreich zu sein. Und er beschreibt auch, wie die Leute politisch nach rechts rücken: "Es ist ein Roman über Frankreich heute. Die Geschichte des Postindustrialisierung, sie findet ja immer noch statt: Da sind Städte, die Reichtum hatten, Intelligenz, Zukunftsperspektiven – doch wenn diese Welt nach und nach erlischt, drehen die Menschen durch. Das, was wir heute Populismus nennen, hat damit begonnen. Die Wurzeln dieser europaweiten Entwicklung finden sich auch hier, in dieser Region."

Die "Eisenmänner" waren früher stramme Linkswähler. Kaum sind sie arbeitslos, ist Ende mit der Solidarität. Sie fühlen sich bedroht von Ausländern, der Globalisierung. Und wählen, aus Protest und Angst den Front National, schon in den Neunzigern.

Von Frustration, Unwille und Verachtung der Herrschenden

Bis heute ist Marine LePens Partei die erfolgreichste hier. Wer verstehen möchte, woher der Erfolg der Rechten in Europa kommt – aber auch die Motivation der "Gelbwestenbewegung" – der findet die Ursachen im Roman. "Es ist das Gefühl, dass das Beste hinter einem liegt", erklärt Mathieu. "Dass die Zukunft nichts Gutes bringt. Ein Unwille, eine große Frustration. Und das Gefühl, von den Herrschenden verachtet zu werden."

Und zwar die Eltern so "Wie später ihre Kinder". Dieser Roman gibt denen eine Stimme, die heute die "Abgehängten" heißen. Klarsichtig ist er – und obendrein eine brillant geschriebene Coming-of-Age-Geschichte. Unbedingt lesen!

(Beitrag: Natascha Geier)

Buchtipp
Wie später ihre Kinder
von Nicolas Mathieu
Verlag: Hanser Berlin 2019
ISBN: 978-3-446-26412-0
Preis: 24 Euro

Stand: 04.08.2019 19:02 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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