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Heimatverlust und Fremdheitsgefühle – Sind Ostdeutsche auch Migranten?

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Heimatverlust und Fremdheitsgefühle – Sind Ostdeutsche auch Migranten? | Video verfügbar bis 10.06.2019 | Bild: NDR

Sie verdienen weniger Geld und haben seltener Erfolg im Beruf. Sie sind benachteiligt, gelten als unzufrieden und wählen aus Protest oft undemokratische Parteien. Sie sind schon lange hier – und doch nicht so ganz integriert. Die Rede ist von Ostdeutschen. Probleme und Vorurteile, die auch Migranten gut kennen. Auch viele von ihnen leben seit Generationen hier und werden dennoch oft diskriminiert und angefeindet. Über solche Parallelen ging es kürzlich in einem viel beachteten taz-Interview: "Ostdeutsche sind auch Migranten".

Analogien zwischen Ostdeutschen und Migranten

Die einen haben ihr Land verlassen, die anderen wurden von ihrem Land verlassen, so die Migrationsforscherin Naika Foroutan, die an einer Studie zu dem Thema arbeitet. "Diese Vorstellung, dass etwas, was sehr stark einmal Heimat gegeben hat, plötzlich nicht mehr da ist. Das ist etwas, wo wir sehr starke Analogien gesehen haben", sagt sie. "Aber auch in den Stereotypen haben wir Analogien gesehen, die die Menschen genannt haben. Nämlich Momente, in denen artikuliert wurde: Die Menschen machen sich über meine Sprache lustig oder es werden Witze gemacht über meine Herkunftsgruppe, über die ich nicht lachen kann."

Gespräch mit Ingo Schulze und Fatma Aydemir

Der Vergleich ist nicht ganz neu – und trifft doch einen Nerv. Auf das Interview folgten viele Reaktionen – von Autoren mit ostdeutschen und migrantischen Wurzeln. Wir haben mit Vertretern beider Gruppen über die These gesprochen: mit der Autorin Fatma Aydemir und dem Schriftsteller Ingo Schulze.

Ingo Schulze
Ist in der DDR aufgewachsen: Der Schriftsteller Ingo Schulze. | Bild: NDR

"Ich fand das ja eigentlich sogar ganz einleuchtend, dass man sagte, das sind die neuen Türken", so Ingo Schulze. "Ich bin jemand, der nicht im Westen sozialisiert worden ist. Ich komme von außen hinzu, und das, finde ich, ist schon ein gewisses Merkmal, bei allen Unterschieden, die es da auch gibt, was ich für etwas Prägendes halte."

"Heimatverlust mag bestimmt eine große Rolle spielen für viele Ostdeutsche und mir sind auch die strukturellen Benachteiligungen bewusst, die Ostdeutsche erfahren, aber es ist nicht dasselbe wie die Ausgrenzung, die Migranten erfahren", sagt Fatma Aydemir. "Denn Rassismus ist noch mal eine andere Sache.

Die Enttäuschung der Ostdeutschen und ihr Rassismus-Problem

Ein besonders großes Rassismus-Problem hat ausgerechnet der Osten. Hängt das womöglich mit der Enttäuschung der Ostdeutschen zusammen? Die Freude über Mauerfall und Wiedervereinigung währte auf beiden Seiten nicht lange. Der Jubel kippte schnell in westdeutsche Häme um. Ostdeutsche seien dumm und faul und würden immer nur jammern – gängige Vorurteile, die bleibende Kränkungen hinterließen.

"Also wie von so einer Position der Stärke aus: 'Wir sind die Aufgeklärtesten, die Emanzipiertesten'", sagt Schulze. "Mir ist das oft gesagt worden: 'Na klar haben wir euch verachtet, ohne das vielleicht wirklich zu wollen.' Da gibt es schon so ein westliches Überlegenheitsgefühl und daraus folgt dann viel."

Erfahrungen Ostdeutscher nicht vergleichbar mit denen von Migranten

Dass solche Abwertungserfahrungen nicht ganz vergleichbar sind mit dem, was Migranten erleben, sieht auch er. "Man muss natürlich sagen, dass es für Migranten sehr viel härter ist, also sowohl mit der Sprache und also auch die Hautfarbe, Haarfarbe spielt eine gewisse Rolle. Es ist furchtbar, dass es so ist, aber es ist leider so, immer noch, schon wieder."

Fatma Aydemir
Was Ostdeutsche erfahren sei nicht dasselbe, was Migranten erfahren, sagt Autorin Fatma Aydemir. | Bild: NDR

"Die Sache ist halt, dass ein Ostdeutscher niemals um seinen Aufenthaltsstatus in diesem Land fürchten muss", so Aydemir. "Eine ostdeutsche Person müsste sich nicht so sehr Gedanken machen, um ihre körperliche Unversehrtheit, wenn sie an bestimmte Orte reist, wo Menschen einfach grundlos oder aufgrund ihrer Herkunft, aufgrund ihres Aussehens angegangen werden."

Ähnliche Verhaltensmuster von Ostdeutschen und Migranten

Solche Erfahrungen will Naika Foroutan mit ihrer Studie auf keinen Fall verharmlosen. Sie erforscht auch, was es mit Ostdeutschen macht, wenn sie immer wieder pauschal mit Rassismus in Verbindung gebracht werden. "Wir reden seit Pegida sehr viel stärker über Ostdeutschland, als wir es die knapp 30 Jahre vorher getan haben und zwar mit einem sehr stark negativen Framing", sagt sie. "Und dazu können Menschen sich positionieren. Entweder sie sagen, diese Identität hat mit mir nichts zu tun oder durch Bekenntnis, auch negativer Natur: Also, wenn Ostdeutschland rassistisch ist, dann bin ich als Ostdeutscher auch Rassist."

Ähnliche Verhaltensmuster gibt es insbesondere bei muslimischen Migranten auch. Je stärker der Islam kritisiert wird, desto mehr wenden sich viele erst dieser Religion zu – auch wenn sie vorher keine große Rolle spielte.

Die Frage, die bleibt: Wie bringen solche Erkenntnisse unsere Gesellschaft weiter? Vielleicht ist es Zeit für neue Allianzen zwischen Migranten, Ostdeutschen und anderen marginalisierten Gruppen – und allen, die sich ein gerechteres Deutschland wünschen.

(Beitrag: Yasemin Ergin)

Stand: 10.06.2018 19:28 Uhr

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