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Das dunkle Erbe des Kolonialismus - Die Erben der Herero verklagen Deutschland

In der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika verübten Deutsche den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.
In der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika verübten Deutsche den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. | Bild: NDR

Raub. Unterwerfung. Völkermord. Der deutsche Kolonialismus in Afrika war brutal, wie jetzt wieder Fundstücke in den Kellern deutscher Museen zeigen. 1.000 Schädel in Berlin, 75 in Hamburg. Darunter Gebeine der Herero und Nama aus dem heutigen Namibia. "Hier steht dabei: Unterkiefer fehlt, Hinterhaupt defekt", zitiert Philipp Osten, Medizinhistoriker im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, aus den Unterlagen. "Und das ist schon ein Hinweis, dass dieser Schädel direkt aus dem Genozid an den Hereros stammen könnte." Vieles ist noch unerforscht, der Genozid jedoch Fakt. Die Nachfahren der Opfer kämpfen deshalb schon seit Jahrzehnten um Wiedergutmachung und haben jetzt Deutschland in New York verklagt. Der Herero-Aktivist Israel Kaunatijke erklärt, warum: "Unsere Forderungen sind eigentlich sehr bekannt, im Bundestag und in der Politik. Unsere Forderung ist: Entschuldigung. Anerkennung. Und der dritte Punkt ist, dass wir über Reparationen nochmal diskutieren. Drei Punkte haben wir, ganz simpel. Und da warten wir drauf."

Bundesregierung hat Völkermord eingeräumt

Vieles ist noch unerforscht, der Genozid jedoch Fakt.
Vieles ist noch unerforscht, der Genozid jedoch Fakt.  | Bild: NDR

1904 erhoben sich die Einheimischen gegen den Landraub der Deutschen. Kommandeur Lothar von Trotha trieb sie in die Wüste. 60.000 kamen um. Der Rest kam ins Konzentrationslager. Von dort aus florierte der Handel mit Schädeln. Die Bundesregierung hat den Völkermord inzwischen eingeräumt, Reparationen jedoch nicht und will auch nicht mit Opfernachfahren verhandeln, sondern nur mit dem Staat Namibia, wo die Urbevölkerung heute eine Minderheit ist. Es geht also um Schuld, Geld, Recht. Und um unseren Umgang mit dem kolonialen Erbe. "Das ist die Sache, die uns überhaupt getrieben hat, diese Klage in den USA einzureichen", sagt Israel Kaunatijke. "Das ist der einzige Druck, den wir haben, um die Bundesrepublik Deutschland und auch die namibische Regierung zu bewegen, dass sie mit uns reden." Das Auswärtige Amt aber weiß offiziell von keiner Klage. Die Vorladung aus New York nämlich – Verhandlungstermin am 21. Juli – ging beim Berliner Justizsenator ein. Der leitete sie nicht weiter. "Hier wird ein Schadensersatzanspruch wegen des Verhaltens deutscher Soldaten in Namibia geltend gemacht, im heutigen Namibia", sagt Senator Dirk Behrendt. "Von daher haben wir es mit staatlichem Handeln zu tun, von daher ist es rechtlich nicht zulässig, die Klage zuzustellen.

Deutschland steht am Pranger

Deutschland werde sich irgendwann mit dem Kolonialismus auseinandersetzen müssen, sagt Historiker Jürgen Zimmerer.
Deutschland werde sich irgendwann mit dem Kolonialismus auseinandersetzen müssen, sagt Historiker Jürgen Zimmerer. | Bild: NDR

Juristische Verzögerungstaktik. Ein Desaster, sagt der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer, dass es so weit kam. Jetzt steht Deutschland international erst recht am Pranger. "Also, ich glaube, die Bundesregierung wollte von Anfang an die Verhandlungen nicht wirklich", sagt der Kolonialforscher. Sie habe vor allem Reparationsforderungen vermeiden wollen und stelle sich jetzt auf den Standpunkt, die Klage ins Leere laufen zu lassen. "Und dann gestärkt zu verhandeln, wenn die Klage tot ist." Tot, verdrängt, weg: "Das ist doch über 100 Jahre her" – darauf baut die Regierung. Aber das wird nicht mehr reichen. Nicht den Opfern der Kolonisation und nicht der neuen Generation von  Museumsleuten, die jetzt Licht in das dunkle Kapitel bringen wollen. In Hamburg, in Bremen. Was alles zu bedenken ist bei der Rückgabe menschlicher Überreste etwa.

Koloniales Unrecht greift bis in die Gegenwart

Israel Kaunatijke kämpft für die Forderungen der Herero.
Israel Kaunatijke kämpft für die Forderungen der Herero. | Bild: NDR

Wiebke Ahrndt vom Überseemuseum hat gemeinsam mit Jürgen Zimmerer begonnen, über alle deutschen Afrika-Kolonien zu forschen. Detektivarbeit. "Es hat mich überrascht, wie wenig wir darüber wissen, wie dieser Handel zwischen Europäern und Afrikanern eigentlich gelaufen ist", sagt sie. "Gerade in den ehemaligen deutschen Kolonien stehen wir da in einer Verantwortung gegenüber unserer eigenen Geschichte und diese Verantwortung müssen wir tragen und ernst nehmen." Weil das koloniale Unrecht bis in die Gegenwart greift und die Herero und Nama durch Enteignung und Landraub all das verloren haben, was – bis heute – 20.000 weiße Farmer besitzen. "Die Hereros haben ihr Land verloren", sagt Israel Kaunatjike. "Die Hereros und Namas heute, die leben in totaler Armut. Ich habe das selber erlebt: Ich bin in Namibia geboren und bin in Armut aufgewachsen. Und das ist ein Resultat von diesem Völkermord in Deutsch-Südwestafrika damals."

Das Leid der Opfer nicht länger ignorieren

Berlin verharrt in kolonialer Arroganz und schmettert alle Ansprüche ab. Aber: Hatte sich Deutschland nach 1945 nicht Humanität und Ethik auf die Fahnen geschrieben? Kolonialforscher Jürgen Zimmerer sagt es so: "Wenn man das nicht aufgeben will, dann muss man sich irgendwann mit dem Kolonialismus auseinandersetzen. Zum einen als Vorgeschichte der Verbrechen des Nationalsozialismus und zum zweiten als zutiefst rassistisches Kapitel der deutschen Geschichte."

Das Erbe des deutschen Kolonialismus holt uns jetzt ein. Wir können das Leid der Opfer nicht länger ignorieren.

(Beitrag: Susan Loehr)

Stand: 02.07.2017 19:58 Uhr

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