SENDETERMIN So., 01.03.20 | 23:35 Uhr | Das Erste

Der Erfinder des Populismus

Ein neuer Blick auf Benito Mussolini

"M. Der Sohn des Jahrhunderts": Schon der Titel des großen Romans von Antonio Scurati ist Programm. Er erzählt im ersten seines auf drei Bände angelegten Werks minutiös die Anfangsjahre von Benito Mussolini und seiner faschistischen Bewegung. Aber das Kürzel "M" und die Verbindung mit dem 20. Jahrhundert zeigen, dass es dem Autor um mehr geht. Er schildert Mussolini als einen Typus, der die Politik revolutioniert hat: Instinkt statt Argumente, Spiel mit den Ängsten der Bevölkerung, markante Rhetorik, Selbststilisierung als Retter der Nation. Dieses Muster, sagt Scurati, finden wir heute bei allen Populisten wieder. Mussolini hat es geschafft, sagt er im "ttt"-Interview, ohne ein eigenes Programm, ohne eine politische Theorie zum "Duce" eines ganzen Landes zu werden. Historisch genau bis ins Detail und gleichzeitig mit psychologischem Tiefgang entwirft dieser Roman ein erschreckend aktuelles Bild von den Mechanismen rechter Politik.

Buchtipp
M. Der Sohn des Jahrhunderts
Von Antonio Scurati
Klett-Cotta 2020
ISBN: 978-3-608-98567-2
Preis: 32 Euro

Er verglich sich mit Cäsar und Augustus. Unter den römischen Kaisern machte er es nicht. Mussolinis ans Alberne grenzende Selbstgefälligkeit lässt ihn wie die Karikatur eines Potentaten aussehen. Doch er ist seiner Zeit voraus. "Mussolini versteht damals, dass ein Führer im 20. Jahrhundert den Massen nicht mehr vorangehen, sondern dass er ihnen folgen muss – einen Schritt hinter ihnen – um ihre schlechten Launen zu erspüren und zu verstärken", erklärt Antonio Scurati. "Der neue Führer-Typus, den dieser drollige Signore damals erfindet, ist genau betrachtet auch der 'Leader'-Typ unserer Gegenwart. Und jedesmal, wenn wir Mussolini zugucken, wie er gestikuliert und grimassiert – wenn wir Intellektuelle dann denken: Wie lächerlich! – dann sind eigentlich wir die Dummen."

Mussolini: Ein Linker mutiert zum Faschisten

Buchcover: M. Der Sohn des Jahrhunderts von Antonio Scurati.
In seinem Buch schildert Autor Antonio Scurati Mussolini als einen Typus, der die Politik revolutioniert hat. | Bild: Klett-Cotta

In seinem monumentalen Roman über erzählt Scurati von dessen politischen Anfängen in Mailand, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Mussolini, ein gläubiger Linker wird zum Weltkriegs-Draufgänger und mutiert dann – in einer dramatischen Kehrtwende – zum Gründer eines rechtsgerichteten Kampfbunds, der Fasci di Combattimento. Für den Anfang verbrennen sie mal die Zeitungen der Sozialisten. Die hatten Mussolini aus der Partei geworfen, als er offen nationalistische Töne anschlug. Jetzt werden seine Kampfbünde, die künftigen Faschisten, zum Sammelbecken der Unzufriedenen nach dem Ersten Weltkrieg.

"Das Italien von 1919 war ein Land von Siegern, die sich trotzdem als Besiegte fühlten", sagt der Schriftsteller. "Frustrierte Veteranen, ein enttäuschtes Land, das sich von der politischen Klasse verraten und verunsichert fühlte. (...) Der Sozialismus verkörperte mal die Idee, die Zukunft müsse und werde besser sein als Vergangenheit und Gegenwart. Er war die Partei der Zukunft, der Anwalt der Hoffnung. Doch nachdem die Sozialisten ihn geschasst haben, im Zwielicht des Krieges, erkennt Mussolini, dass die Angst ein viel wirksameres politisches Gefühl ist als die Hoffnung."

Immerhin, die Lösung für alle Probleme kennt Mussolini auch: Make Italy great again! "Und versprecht, dass das Italien von morgen mächtiger und größer sein wird, weil wir es dazu machen wollen", sagte er damals.

Antonio Scurati: "Mussolini hat keine eigenen Ideen"

Oktober 1922: Der Faschistenführer lässt die Bewegung auf Rom los. Der pathetisch inszenierte "Marsch auf Rom" ist Fake News, denn Mussolini selbst nimmt den Luxuszug aus Mailland. Doch der Coup klappt. Bald schon wird aus Mussolini der "Duce", dem die Massen zujubeln.

Adolf Hitler sieht in Mussolini früh sein Idol, dem er nacheifert. Dabei ist der Italiener – sagt Scurati – ein Stratege, der die Nase im Wind hat: "Mussolini hat keine eigenen Ideen oder Ideale. Er kennt keine Loyalität, keine Treue zu irgendwelchen Prinzipien. Von sich sagt er: Ich bin wie die Tiere – ich rieche die Zeit, die kommt." Scurati beschreibt, wie Mussolini Politik mit dem Körper macht. Viril, skrupellos, sinnlich. Er nimmt das Volk wie eine seiner vielen Geliebten. Keine wird je froh mit ihm, weil – Original-Ton Mussolini: "Ich danach gleich meinen Hut am Haken hängen sehe."

Seine Diktatur endet 1943 über Nacht wie ein Spuk. Abgesetzt von seiner eigenen Bewegung. Mit Mussolinis Hinterlassenschaften lebt Mailand, lebt Italien bis heute. Und als politischer Zeitgeist ist sein Erbe neuerdings über die halbe Welt gekommen.

Trumps Vorgehen gleicht Mussolinis Schema 

"Trump  fordert: America first! Amerika soll wieder die Nummer eins in der Welt werden. Als hätte ihm irgendjemand diesen Platz auf dem Siegertreppchen geklaut. So machen es alle Populisten", erläutert Scurati. "Trump terrorisiert die Amerikaner mit dem Schreckbild einer mexikanischen Invasion – und dann sagt er: Fürchtet euch nicht! Die Wirklichkeit ist gar nicht komplex und kompliziert. Es gibt nicht eine Welt, es gibt keine globalisierte Wirtschaft. Trump sagt: Es gibt nur einen Feind, und der steht direkt vor dir – aber ich bin an deiner Seite. Das ist das Schema von Mussolini."

"M" war kein Komiker und sein Italofaschismus keine Folklore. Antonio Scurati gelingt das Kunststück, den Instinktpolitiker Mussolini lebendig werden zu lassen. Dabei bleibt er den historischen Fakten treu und zieht – unauffällig aber unübersehbar – Verbindungslinien in unsere Gegenwart: "Die Politik ist nicht mehr wie zu Zeiten der frühen Sozialisten ein Bittgebet an die Zukunft: Komm, Zukunft und mach das Leben meiner Kinder besser als meins! Jetzt ist es Beschwörung: Ich will nicht, dass die Zukunft kommt! Und damit, tut mir leid, ist Mussolini der Stammvater all der Populisten, die nach ihm kamen: hundert Jahre Politik der Angst."

(Beitrag: Andreas Lueg)

Stand: 01.03.2020 19:17 Uhr

9 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 01.03.20 | 23:35 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
für
DasErste