SENDETERMIN Mo, 16.07.18 | 00:00 Uhr | Das Erste

Schnapsidee oder genial? St. Pauli will UNESCO-Kulturerbe werden

PlayBunte Leuchtschriften im Hamburger Kiez.
Schnapsidee oder genial? St. Pauli will UNESCO-Kulturerbe werden | Video verfügbar bis 15.07.2019 | Bild: NDR

Hans Albers und Olivia Jones, Touristen und Prostituierte, Reeperbahn und Große Freiheit: St. Pauli ist der berühmteste Stadtteil Deutschlands. Und dann waren da noch die Beatles, die den "Star Club" weltberühmt machten, als sie längst schon nicht mehr dort spielten. St. Pauli steht für Entertainment, Sex und Vielfalt, ist schon seit Jahrhunderten ein Ort für Unangepasste und Verfemte. Inzwischen beklagen Anwohner Gentrifizierung und Massentourismus. Jetzt will eine Initiative das Hamburger Viertel zum "immateriellen UNESCO-Kulturerbe" machen. Damit wäre es auf einer Liste mit der Kunst des neapolitanischen Pizzabackens oder der Peking-Oper. Ist das eine Schnapsidee? Oder eine sinnvolle Maßnahme, um St. Pauli seine Originalität zu bewahren? Bevor die Bewerbung überhaupt fertig ist, wird bereits gestritten.

Was ist des Pudels – St. Paulis Kern?

Julia Staron.
Julia Staron ist Quartiersmanagerin auf St. Pauli. | Bild: NDR

Die Idee kommt von Julia Staron, die auf St. Pauli lebt: "Die Offenheit, Klarheit, Unverblümtheit mit bestimmten Reibungen umzugehen. Was mich für St. Pauli ausmacht, ist die Freiheit, das leben zu können, auch die Unterschiede, auch den Streit leben zu können." Was ist des Pudels – St. Paulis Kern? Die Initiative hat im Viertel eine Befragung gestartet. Hier zu leben ist für viele Ehre und Aufgabe zugleich. Entsprechend heftig wird die UNESCO-Diskussion geführt. Das Viertel ist eh schon zur Touri-Kulisse verkommen, sagen viele.

Staron ist Sprecherin eines Verbandes von Geschäftsleuten. Ist die UNESCO-Idee also ein Marketing-Trick? Sie sagt: Nein, es geht um die besondere Geschichte. Die legendäre Große Freiheit. Die Straße lag im 17. Jahrhundert noch in Hamburgs dänischer Nachbarstadt Altona. Wo heute Party gemacht wird, herrschte damals Religions- und Zunftfreiheit. Hierher kamen die Flüchtlinge, die Ausgestoßenen, die Prostituierten.

"Wir wollen die Idee der Toleranz und Freizügigkeit unter Erbe stellen"

Fotograf Günter Zint.
Gilt als Chronist von St. Pauli: der Fotograf Günter Zint. | Bild: NDR

Der Fotograf Günter Zint ist das Gedächtnis des Stadtteils. Jimi Hendrix im Star Club, die umkämpfte Hafenstraße, Taxifahrer, die sich mit Hausbesetzern solidarisierten. "Wir wollen die Idee der Toleranz und Freizügigkeit unter Erbe stellen", sagt er. "Und das ist ja nicht das, was die Touristen hier suchen. Die wollen die bösen Mädels und Buben sehen."

Der Mythos von der "Geilen Meile". Die Realität der Prostitution aber ist trist. Ist das UNESCO-würdig? "Aber es geht eher darum, dass wir gewürdigt haben wollen, dass das ein Viertel ist, wo man offen damit umgeht und damit lebt. Hier findet das eben nicht hinter zugezogenen Gardinen statt", sagt Julia Staron.

Auswüchse der Kiez-Vermarktung

Die große Freiheit war immer auch ein großes Geschäft. Neuerdings verschärft es sich. St. Pauli wird schick. Die Mieten steigen rasant, sowohl für Wohnungen als auch für Gewerbe. Die Musikclubs, für die St. Pauli berühmt ist, fürchten, ihr Programm massenkompatibel machen zu müssen, damit sie die Miete noch zahlen können.

Julia Staron gehen manche Auswüchse der Kiez-Vermarktung auch auf die Nerven, sagt sie. Aber sie vertritt, wie schon gesagt, auch einen Verband von Geschäftsleuten und Immobilienbesitzern auf St. Pauli: Der Business Improvement District, kurz B.I.D., hat im Viertel nicht nur Freunde.

Anwohner wehren sich gegen Investoren

Margit Czenki.
Margit Czenki ist Künstlerin und spricht für die "Planbude". | Bild: NDR

"Das sind genau die, die es zum Ziel haben, dass die Preise möglichst hoch sind, wenn sie vermieten. Die mit die Verursacher dieser ganzen Misere hier sind. Dass das nur noch hohl ist", sagt Margit Czenki. Sie spricht für die "Planbude": Diese Gruppe von Architekten, Stadtplanern und Künstlern hat sich gemeinsam mit Anwohnern erfolgreich gegen die Pläne eines Investors gewehrt. Der wollte mitten im Kiez Eigentumswohnungen hochziehen. Jetzt baut er hauptsächlich so, wie das Viertel es will: bezahlbar, offen für alle, mit Raum für die Subkultur.

Die Kulturerbe-Idee hält Czenki für verfehlt: "Da kommt nirgends was vor wie 'ne Frage nach Mietpreisen oder irgendwas. Was ja wirklich der Hauptpunkt ist. Nischen, Subkultur, Interessantes wird es nur da geben, wo man es auch bezahlen kann, also wo man einen Ort hat, wo man das entwickeln kann."

"Ich finde es auch nicht gut, wenn wir hier Grundeigentümer haben, die wirklich meinen, dass 100 Euro den Quadratmeter im Gewerbe okay sind", räumt Staron ein. "Finde ich nicht gut. Ich streite mich ja auch mit denen. Ich tolerier das doch nicht."

Gegen steigende Mieten hilft kein "immaterielles Kulturerbe"

Einigen Playern sei inzwischen klar, was auf St. Pauli auf dem Spiel steht, sagt Initiatorin Staron. Eine UNESCO-Bewerbung könne die verfeindeten Lager an einen Tisch bringen.

Fest steht: Gegen steigende Mieten hilft kein "immaterielles Kulturerbe". St. Pauli ist ein Nebeneinander von Lebensentwürfen und Kulturen. Bestenfalls könnte der Titel Stadt, Investoren und Immobilienbesitzer daran erinnern, wie einzigartig dieser Stadtteil ist.

(Beitrag: Lennart Herberhold)

Stand: 15.07.2018 18:56 Uhr

7 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mo, 16.07.18 | 00:00 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
für
DasErste