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Vom Ende einer Kultur

Wie China systematisch die Uiguren unterdrückt

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Vom Ende einer Kultur - Wie China systematisch die Uiguren unterdrückt | Video verfügbar bis 01.12.2020 | Bild: NDR

Als Ende November die China Cables enthüllten, dass innerhalb kürzester Zeit die chinesische Führung ein brutales Lagersystem aufgebaut hat, in dem sie Hunderttausende Uiguren gefangen hält, war der öffentliche Aufschrei groß. Tatsächlich hat die Unterdrückung der muslimischen Bevölkerung in der Provinz Xinjiang schon lange vorher begonnen – erst subtil und dann immer offener.

Glaubens- und Gedenkstätten einfach ausradiert

Zahlreiche Moscheen der Uiguren wurden zerstört – im Auftrag der chinesischen Regierung. Auch Friedhöfe wurden ausradiert. Aktivisten zufolge sind 10.000 bis 15.000 uigurische Glaubens- und Gedenkstätten einfach weg. "Sie wollen, dass wir veschwinden", sagt Mukaddas Mijit. "Gnadenlos. Wenn all das fehlt, bleibt nichts mehr übrig." Die heiligen Orte seien für die Menschen extrem wichtig. "Sie sind bedeutend. Und sie sind wie ein gemeinsamer Boden, der die Menschen zusammenhält."

Ein offenes Gefängnis

Die uigurische Anthropologin und Tänzerin Mukadas Mijit.
Die uigurische Anthropologin und Tänzerin Mukadas Mijit lebt im Exil in Frankreich. | Bild: NDR

Die uigurische Anthropologin und Tänzerin Mukadas Mijit wurde in Urumchi, der Hauptstadt der Provinz Xinjiang, geboren. Heute lebt sie im Exil in Frankreich. Für viele ihrer alten Freunde ist der Kontakt zu ihr im Ausland zu gefährlich. "Einige Freunde haben mir sehr deutlich gemacht, dass es schwierig ist, den Kontakt zu mir aufrechtzuerhalten", sagt sie. Eine Freundin habe ihr gesagt, sie liebe das Leben und wünsche guten Menschen alles Gute. "Und dann brach sie den Kontakt zu mir ab. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Ich weiß nicht, ob es ihr gut geht. Ich hoffe es, denn sie hat nichts getan."

2017 wollte Mukaddas Mijit in ihre Heimat. Doch Bekannte warnten sie. Sie solle nicht kommen. Der Sommer sei kalt geworden. Das hieß: Die Einreise sei zu gefährlich. "Die ganze Region wird streng überwacht. Auch wenn Menschen nicht in den Lagern sind, werden sie verfolgt, ständig gefilmt und von der Polizei kontrolliert", sagt Mukaddas Mijit. "Egal ob im Lager oder nicht – es ist wie ein offenes Gefängnis für jeden."

"Sie wollen, dass wir unsere Sprache vergessen"

Etwa 10 Millionen Uiguren leben als muslimische Minderheit in China. Sie haben eine eigene Sprache, eigene Sitten und Gebräuche. Doch das "Eigene" will offenbar die chinesische Regierung unterbinden. Männer müssen den Bart abrasieren. Muslimische Namen wie Fatima oder Hussein gelten als extremistisch. Die Uiguren sollen nicht mehr an ihre Religion glauben – sondern an die Partei. Wer an den Traditionen festhält, landet im Umerziehungslager. "Sie wollen, dass wir unsere Sprache vergessen, unseren Glauben, unsere Geschichte", sagt Mukaddas Mijit. "Das ist wahnsinnig, weil es nicht funktioniert. Noch nicht einmal ein Völkermord konnte bislang eine Kultur auslöschen."

Ein ganzes Volk unter Generalverdacht

Draht vor einem Gebäude
Wer an uigurischen Traditionen festhält, landet im Umerziehungslager. | Bild: NDR

Durch die geleakten Dokumente ist bekannt: Mehr als eine Millionen Uiguren sollen in Lagern in Xinjiang permanent überwacht, misshandelt und einer kollektiven Gehirnwäsche unterzogen werden. Experten sprechen von einer der größten Menschenrechtsverletzungen der Gegenwart. Die chinesische Regierung inszenierte singende und tanzende Uiguren vor der internationalen Presse. Auf Anfrage von ttt äußert die chinesische Botschaft in Berlin: "Es geht bei der Xinjiang bezogenen Frage nicht um Religion, Nationalität oder Menschenrechte, sondern um Gewalt und Terrorismus sowie Separatismus." Dabei stellt die chinesische Regierung ein ganzes Volk unter Generalverdacht und begründet das mit Unruhen 2009 in der Provinz Xinjiang.

Weltweit klagen Uiguren die Missstände an. Doch Länder wie Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate loben die Chinesen sogar für deren Umgang mit ihren Glaubensbrüdern. Zu groß sind die Wirtschaftsinteressen, zu wichtig dafür China. "So viele Menschen einzusperren, wird lange nachwirken", sagt Mukaddas Mijit. "Die Menschen werden sich daran erinnern und sie werden über Generationen hinweg traumatisiert sein."

(Beitrag: Maryam Bonakdar, Bettina Lehnert)

Stand: 02.12.2019 09:56 Uhr

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