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Außen homophob, innen schwul?

Das Buch "Sodom" über die katholische Kirche

PlayBuchcover: Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan von Frédéric Martel.
Außen homophob, innen schwul? Das Buch "Sodom" über die katholische Kirche | Video verfügbar bis 29.09.2020 | Bild: S. Fischer

Die Mehrheit der Kirchenmänner im Vatikan ist schwul, behauptet der französische Soziologe und Journalist Frédéric Martel. Und gerade die homosexuellen Vertreter würden eine Erneuerung der Kirche verhindern. In seinem Buch "Sodom" berichtet Martel von Intrigen und auch von Liebesbeziehungen im Vatikan. Und er kommt zu dem Schluss, dass gerade diese Männer nach außen eine strenge Sexualmoral vertreten, um von der eigenen Sexualität abzulenken. Sogar das jahrelange Schweigen über sexuellen Missbrauch habe damit zu tun, sei Teil dieses Systems. Frédéric Martel hat für sein Buch jahrelang recherchiert, mit Kardinälen, Bischöfen und Priestern gesprochen. Doch kann er seine Thesen auch belegen? "ttt" spricht mit Frédéric Martel über sein Buch "Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan".

Buch-Tipp
Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan
Von Frédéric Martel
S. Fischer (September 2019)
ISBN: 978-3-10-491168-7
Preis: 22,99 Euro

Papst Franziskus wird vorgeworfen, zu schwulenfreundlich zu sein

Franziskus ist für viele der Papst der Hoffnung. Auch für gläubige Schwule und Lesben. Vor Journalisten sagte er: "Wenn jemand schwul ist und Gott sucht – wer bin ich, dass ich urteile?" 2014 ruft er seine Bischöfe zur Synode, mehr Offenheit gegenüber Homosexuellen. Er scheitert – an den Konservativen. Denn die haben etwas zu verbergen, sagt Frédéric Martel: "Der Kampf gegen Franziskus wird von sehr strengen, reakionären Bischöfen geführt, die ihm vorwerfen, zu schwulenfreundlich zu sein – während sie selbst schwul sind! Und Franziskus hetero. Das ist das Paradox dieses Kampfes."

Der Vatikan – eine der größten Gay-Communitys der Welt?

Martel will die Geschichte der Kirche neu schreiben: als Geschichte der Schwulen im Vatikan. Der sei eine der größten Gay-Communities der Welt. Als Schwule noch massiv diskriminiert wurden, seien sie scharenweise in die Kirche geflüchtet. Laut Martel bestimmen sie deren Politik bis heute.

Martel ist selbst schwul. Sein Buch "Sodom" feiern die einen als dringend notwendige Enthüllung. Die anderen sehen in ihm ein fragwürdiges Pamphlet. Vier Jahre lang hat er rechechiert, durfte, so sagt er, sogar im Vatikan leben. Viele Geistliche wollten offenbar reden – dringend. Martel erzählt von Priestern auf Sexsuche, von Kardinälen, die Seminaristen anbaggern, von Asketen, die von platonischer "Freundesliebe" schwärmen, von Angst und Selbsthass, von treuen, liebevollen Paaren. Es gibt alles – aber es darf das alles natürlich nicht geben.

Papst Benedikt: Homosexualität sei "Zerstörung des Werkes Gottes"

Der Krakauer Erzbischof redet von einer "Seuche in den Farben des Regenbogens". US-Kardinal Burke warnt davor, zum Familientreffen schwule Paare einzuladen, denn die seien "zwangsläufig gestört". Papst Benedikt bezeichnete gelebte Homosexualität als "Zerstörung des Werkes Gottes".

Papst Benedikt XVI und Papst Franziskus
Papst Franziskus (r.) will mehr Offenheit gegenüber Homosexuellen, Papst Benedikt galt als homophob. | Bild: dpa

"Die, die am homophobsten auftreten, sind selbst schwul – und verstecken ihre Homosexualität", sagt der Autor. "Schwule Würdenträger benutzen die Homophobie als Tarnung." Die Politik des Vatikan ist homophob. Beispiel: der erbitterte Kampf gegen die Ehe für alle. Französische und italienische Bischöfe schickten die Gläubigen zum Protestieren. Benedikt war der homophobste Papst unserer Zeit, schreibt Martel. Heißt das, dass Benedikt homosexuell ist?

"Was sagt Benedikt? Er sagt den Schwulen: Wenn ihr von diesem Übel befallen seid, dann flehe ich euch an: Bleibt keusch! Zu wem spricht er da? Zu sich selbst!", so Martel. Es gäbe Dutzende Indizien. Das ist ein Problem von Martels Buch: Er hat ausführlich recherchiert. Da er aber die komplette Kirche demaskieren will, verlegt er sich häufig darauf, Indizien zu deuten.

Vatikan ignoriert Interviewanfragen von "ttt"

Frédéric Martel
In seinem Buch "Sodom" holt Frédéric Martel das Tabuthema Homosexualität bei Kirchenmännern ans Licht. | Bild: NDR

"ttt" hat sechs deutsche Bischöfe um ein Interview gebeten. Alle sagten ab. Der Vatikan ignorierte unsere Anfragen komplett. Die Kirche schweigt gern. Und ihr langes Schweigen beim Thema sexueller Missbrauch – auch das hat laut Martel letztlich mit der Homosexualität zu tun. Die Kirche habe immer alles in einen Topf geworfen: Sex zwischen erwachsenen Männern und sexuelle Übergriffe – alles Sünde. Und wo alles Sünde ist, haben alle Angst vor Entdeckung.

"Homosexualität und Pädophilie sind zwei unterschiedliche Dinge. Was sie verbindet, und das ist ein zentraler Punkt, ist das Vertuschen", so Martel. "Als schwuler Würdenträger decken Sie einen Amtsbruder, der einen Jungen missbraucht hat, weil Sie sich selbst etwas vorzuwerfen haben. Oder, auch das kommt vor, weil Sie erpresst werden."

Martel betont, auch für diese Aussage Beweise zu haben, aber seine Quellen schützen zu müssen. Dennoch ist seine These zu steil. Andere Gründe für das Schweigen, wie die klerikale Selbstherrlichkeit, kommen bei ihm kaum vor. Martels Verdienst besteht darin, das Tabuthema Homosexualität bei Kirchenmännern ans Licht geholt zu haben. Ob sich die Kirche unter Franziskus doch noch ihren sexuellen Neurosen stellen wird? Es wäre bitter nötig. 

(Beitrag: Lennart Herberhold)

Stand: 29.09.2019 18:09 Uhr

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