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Von der Mitte an den Rand

Wohnungslosigkeit in Deutschland

PlayEine Obdachlose schläft auf einem alten Sofa, das auf einem Bürgersteig in Berlin steht.
Von der Mitte an den Rand: Wohnungslosigkeit | Video verfügbar bis 12.01.2021 | Bild: picture-alliance/dpa / Wolfram Steinberg

Noch gibt es in Deutschland keine Zeltstädte wie etwa in Los Angeles, in denen Wohnungslose leben und schlafen – und sich jeden Morgen für ihren Job fertig machen. Denn auch wenn diese Menschen arbeiten, können sie sich keine Wohnung leisten. Doch die Gefahr, dass es in Deutschland auch bald solche Zelte geben wird, wächst: Auch bei uns steigen die Mieten, muss immer mehr vom Einkommen für Wohnungen aufgewendet werden, sind selbst Angehörige der Mittelschicht von Wohnungslosigkeit bedroht. Und wie viele das tatsächlich betrifft, weiß so richtig keiner. Denn es gibt keine bundesweite Statistik. Das soll sich zwar ändern – aber verlässliche Zahlen gibt es erst 2022. Zu spät, sagt die renommierte Soziologin Jutta Allmendinger, denn es sei dringend geboten, über Wohnungslosigkeit zu forschen – auch, um die richtigen politischen Antworten auf das Problem zu finden. "ttt" spricht mit ihr über Wohnungsnot und Obdachlosigkeit – und trifft zwei Betroffene, die wohnungslos und in einer Sammelunterkunft untergekommen sind.

Wenn es kein Zuhause mehr gibt

Hund Spooky ist eine der wenigen Konstanten in ihrem Leben. Silke, die eigentlich anders heißt, lebt seit mehr als einem Jahr ohne Wohnung. "Alle sagen, ich gehe nach Hause, zum Beispiel. Ich war jetzt mit meiner Familie Heiligabend auch Essen, beziehungsweise um Weihnachten herum. Und die sind natürlich alle in ihre Wohnung nach Hause gefahren. Und das war dann schon ein komisches Gefühl. Das macht es, glaube ich, schlimm."

In einer Übernachtungsstätte vom Roten Kreuz hat Silke Unterschlupf gefunden. Ein Zimmer ist für Frauen reserviert. Jeden Morgen muss sie das Bett neu beziehen. Denn der Schlafplatz ist nicht garantiert. Wer bleiben darf, entscheidet sich täglich nach Bedürftigkeit. "Es ist schon merkwürdig, wenn du nie weißt, wer kommt noch mit dir ins Zimmer", erzählt sie. "Wir hatten auch schon Situationen, da waren hier so merkwürdige Leute untergebracht, dass ich gesagt habe, ich schlafe draußen. Ich halte das nicht aus."

Silke hat allein zwei Töchter großgezogen. Als diese auszogen, wurde sie depressiv, gab ihren Job in der Gastronomie auf. Es kam zur Zwangsräumung. Alle Versuche, eine neue Wohnung zu finden, sind bislang gescheitert.

Wohnungslosigkeit häufig erster Schritt zur Obdachlosigkeit

Jutta Allmendinger
Die Soziologin Jutta Allmendinger forscht zu Wohnungsnot. | Bild: NDR

"Wenn ich ständig Angst um meine Sicherheit hätte. Wenn ich überhaupt nicht wüsste, wo ich mich im Privaten überhaupt aufhalten könnte. Dann wäre das eines der schlimmsten Dinge überhaupt für mich", sagt Jutta Allmendinger. Die Soziologin erforscht Wohnungsnot. Sie unterscheidet zwischen Obdachlosen und Wohnungslosen. Obdachlose leben auf der Straße – Wohnungslose in Heimen, öffentlichen Unterbringungen oder schlafen bei Bekannten auf der Couch.

"Die Wohnungslosigkeit wird, glaube ich, noch massiver unterschätzt als die Obdachlosigkeit", so Allmendinger. "Die Wohnungslosigkeit ist ja oft nur der erste Schritt in die Obdachlosigkeit." Wie viele Menschen in Deutschland wohnungslos sind – also über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügen – kann man nur schätzen: 2018 sollen es laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe 678.000 Menschen gewesen sein. Tendenz steigend.

Als Günther Holzheu in Hamburg strandete, passte sein Leben in einen Koffer. Er ist ausgebildeter Steinsetzer, hat immer gearbeitet. Ein Herzinfarkt warf ihn aus der Bahn. Dass ihn sein Arbeitgeber nicht versichert hatte – auch. "Ich habe ein normales Leben gehabt. Bin gut ausgekommen", erzählt er. "Finanziell ging es mir nicht besonders, aber es war alles in Ordnung. Alles im grünen Bereich. Ich konnte mir alles leisten, was ich wollte. Auch mal Kurzurlaube, das ging alles noch. Aber jetzt ist das alles vorbei."

Wohnungslosigkeit zunehmend aus Mitte der Gesellschaft

Wohnungslosigkeit droht zunehmend Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Den typischen Obdachlosen gibt es nicht. Biografien werden brüchiger, auch von Menschen, die anscheinend fest im Sattel sitzen. "Wir haben ja, wenn man armen Leuten begegnet, immer so den sofortigen Impuls zu sagen, da sind sie selbst dran schuld. Sie sind arbeitsfaul, sie saufen und so weiter und so fort. Das kann man jetzt natürlich bei Leuten, die eine Ausbildung gemacht haben, die einem normalen geregelten Berufsleben nachgehen, überhaupt nicht unterstellen", so die Soziologin Allmendinger.

Silke besucht ihre Freundin Odile. Als deren Ex-Freund sie aus der Wohnung warf, landete auch sie auf der Straße. Schlief auf der Parkbank. Trotzdem ging sie jeden Morgen weiter zur Arbeit. "Ich habe ganz normal meinen Job gemacht", sagt sie. "Und danach, wenn ich frei gehabt habe, bin ich nur noch spazieren gewesen, so was. Und versuch' mal – rauszukommen, das ist schwierig." Eineinhalb Jahre war Odile obdachlos. Sie fand schlicht keine Wohnung, die sie bezahlen konnte. Obwohl sie als Reinigungskraft in einem Hotel ein festes Einkommen hatte. "Man tut das einfach. Man tut einfach zur Arbeit zu gehen. Das war für mich immer meine Kraft", erzählt sie.

Geschätzt knapp 10 Prozent der Wohnungslosen sind erwerbstätig. (Quellen: Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg e.V. und Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe) "Wir sehen, dass wir diese Form von erwerbstätigen Obdachlosen hier zunehmend haben", sagt Allmendinger. "Und dieses liegt daran, dass wir immer mehr in selbständige Beschäftigungsverhältnisse reingehen, in solche Gigs, wo eines auf das andere folgt und in dem Moment, wo man dann mal für eine kürzere oder längere Zeit ohne Auftrag dasteht, man relativ schnell das Atelier nicht mehr, den Schreibtisch nicht mehr zahlen kann, die Wohnung nicht mehr zahlen kann und in solche Situationen auch abrutscht."

Wohnungsarmut nimmt zu

Wohnungsarmut nimmt zu – wie sehr, lässt sich bislang kaum ermitteln. Denn es fehlen belastbare Zahlen. Die braucht es für fundierte Forschung und erst recht für Handlungsanweisungen an die Politik. "Wir können aus so einem Druck heraus viel stärker einen Imperativ darauf legen, dass endlich wieder mit dem sozialen Wohnungsbau massiv gearbeitet wird", sagt Allmendinger. "Diese ganze Investitionskrise, die wir haben – also wir haben ja ganz viele freigegebene Wohnungen, die einfach nicht gebaut werden. Uns fehlen die Zahlen, um einen entsprechenden Druck auszuüben und diesen Druck mit konstruktiven Maßnahmen zu versehen."

2022 will die Bundesregierung das erste Mal eine Wohnungslosen-Statistik vorlegen.

(Beitrag: Stefan Mühlenhoff)

Stand: 12.01.2020 20:42 Uhr

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