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NFT-Kunst

Kurzer Hype oder Kulturrevolution?

PlayFoto von einem Handy, auf dessen Display das NFT-Logo zu sehen ist.
NFT-Kunst: 69 Millionen Dollar für eine Bilddatei | Video verfügbar bis 11.04.2022 | Bild: picture alliance / STRF / STAR MAX / IPx

"Salvator Mundi", der Weltenretter. Wie aus dem Nichts taucht es plötzlich auf, als letztes Meisterwerk Leonardo da Vincis. Das Publikum staunt. Der Kunstmarkt ist elektrisiert. Bei der Auktion 2017 in New York brechen alle Rekorde. In einem wahren Bieterrausch wird "Salvator Mundi" verkauft, für 450 Millionen US Dollar: das teuerste Kunstwerk aller Zeiten. Und nun ein neuer wahnwitziger Auktionsrekord. Ebenfalls bei Christie’s. Und zwar ganze 69 Millionen Dollar. Und das für eine Bilddatei.

Eine Grafik in weiß mit schwarzem Hintengrund.
NFT-Werke sind mit einem digitalen Echtheitszertifikat versehen, einem Non Fungible Token, und damit nicht kopierbar. | Bild: Screenshot

Der US-Künstler "Beeple" und sein digitales Werk "Everydays: the first 5000 days" hat die Kunstwelt in Aufruhr versetzt. Der Clou: Das Werk ist mit einem digitalen Echtheitszertifikat versehen, einem NFT (Non Fungible Token) und damit nicht kopierbar. Die Schwachstelle digitaler Kunstwerke, ohne Qualitätsverlust kopierbar zu sein, ist damit behoben. Manche sprechen von einer Revolution für digitale Kunst, aber ist die mediale NFT-Aufregung wirklich mehr als ein Hype?

"Mein Name ist Mike Winkelmann alias 'Beeple'. Ich bin ein Computerkünstler aus Charleston, South Carolina und ich habe die vergangenen 13 Jahre an einem Kunstwerk gearbeitet," stellt "Beeple" sich vor. "Everydays: the first 5000 days" entstand als Fingerübung, jeden Tag ein Bild, ein bisschen Science Fiction, ein bisschen Politik. Wüst, bunt und schrill.

69 Millionen Dollar für eine Bilddatei

Die NFT Expertin Anika Meier kuratiert derzeit die Ausstellung "The artist is online" mit aktueller Malerei, Skulptur und NFTs. "Der 'Beeple'-Verkauf bei Christie's ist besonders für digitale Künstlerinnen und Künstler wichtig, weil plötzlich digitaler Kunst derselbe Wert zugeschrieben wird wie Malerei und Skulptur," so Meier. Für Künstler*innen, sagt sie, seien die NFTs gut, denn endlich verdienen sie an ihrer Arbeit.

Anika Meier schaut auf ein Tablet in ihrer Hand.
Die NFT Expertin Anika Meier kuratiert derzeit die Ausstellung "The artist is online" mit aktueller Malerei, Skulptur und NFTs. | Bild: Screenshot

"Vorher war es so, wenn ich Arbeiten im Internet sehe, die kann ich mir auf mein Smartphone oder auf meinen Laptop laden," erklärt Meier. "Die ist so oft, wie man es möchte, im Netz. Sie kann prinzipiell nicht jedem gehören, aber man kann sie sich speichern und durch die neue Technologie NFT ist es möglich, dass jetzt genau wie bei Malerei oder Skulptur der Besitzer feststeht."

Computerkunst ist immer noch das Stiefkind der Kunstgeschichte: Das ZKM in Karlsruhe besitzt mit 9000 Werken die weltweit größte Sammlung computergenerierter Kunst. Auch diese ersten NFTs, genannt "CryptoPunks", von 2018. Damals 92 Dollar wert, heute 40 000.

NFT-Erwerb: Was also besitzt der Sammler?

"Bisher ist es so, dass digitale Kunst zwar eine Vergangenheit hat, aber keine Geschichte. Das kann sich möglicherweise auch durch die Aufmerksamkeit, die sich auf die NFTs richtet, gerade ändern," sagt Margit Rosen, Kuratorin am ZKM. "Es gibt Unterschiede zwischen dem, was im Moment im Hinblick auf NFT diskutiert wird und was wir in der Sammlung haben. Die NFTs leben sehr stark von populären Bildern, einem popkulturellen Referenzrahmen. Unsere Künstler befragen eher die Technologie selbst."

Margit Rosen, Kuratorin am ZKM, spricht in die Kamera.
"Bisher ist es so, dass digitale Kunst zwar eine Vergangenheit hat, aber keine Geschichte," so Margit Rosen, Kuratorin am ZKM. | Bild: Screenshot

Die Galerie Johann König in Berlin thematisiert das Verhältnis von analoger zu digitaler Welt. Der Künstler Manuel Rossner hat eine App entwickelt, mit der er seine digitale Kunst in realen Situation zeigen kann. Wer ein Werk mit NFT-Zertifikat kaufen möchte, kann dies in der virtuellen Galerie König tun. Besucher*innen klicken auf ein Bild und gelangen so zu einer Verkaufsplattform. Beim Erwerb wird das NFT, die digitale Besitzurkunde in der Blockchain gespeichert. Das Bild selbst bleibt auf dieser Plattform sichtbar. Was also besitzt der Sammler?

"Dieses eine NFT kann einer Person gehören. Und dann gibt es eben Kopien in Anführungszeichen, also Vervielfältigung dieser digitalen Datei," erklärt Anika Meier. "Die 'Beeple'-Collage beispielsweise, die hat man auch überall in den Medien gesehen. Sie war auf Instagram zu sehen, auf Twitter, überall. Und Sie gehört dieser einen Person, die sie gekauft hat. Und das ist bei Malerei genauso. Die ist dadurch nicht weniger interessant, nur weil es davon Kühlschrankmagneten gibt."

Der Haken: NFTs beanspruchen riesige Rechnerkapazitäten

Einen Haken hat die Sache allerdings. Erzeugung und Verkauf eines einzigen NFTs beanspruchen ungeheure Rechnerkapazitäten. Und damit etwa 100 Kilo CO2, soviel wie ein Flug von Hamburg nach München. "So sehr wir von generativer Kunst fasziniert sind, so klar ist auch, dass wir jetzt erst einmal mit dem Sammeln eine Pause einlegen, schlicht und einfach wegen der katastrophalen Energiebilanz," so Margit Rosen.

Ganz anders die renommierten Auktionshäuser. Sie legen jetzt erst richtig los. Diese NFTs von "PAK", einem mysteriösen Künstlerkollektiv, das nie persönlich in Erscheinung tritt, werden jetzt von Sotheby’s versteigert. Das britische Traditionshaus glaubt an den Marktwert der digitalen Kunst: "Die Tatsache, dass wir jetzt diese Kunst anbieten und Sotheby’s in den Markt eintritt, ist ein Brückenbau, von der digitalen Kunst, die eine Community vor allem in den sozialen Netzwerken hat, hinein in unseren traditionelleren Raum," so Sebastian Fahey, Geschäftsführer von Sotheby's Europa.

Ob digitale Kunst den Markt wirklich revolutionieren wird? Im Moment sieht es ganz danach aus.

(Beitrag: Andrea Richter)

Stand: 12.04.2021 10:04 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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