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"Lebensmelodien"

Nur Ben Shalom und das Nimrod Ensemble

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Nur Ben Shalom und das Nimrod Ensemble | Video verfügbar bis 01.11.2025 | Bild: rbb

In dem Projekt "Lebensmelodien" geht es um Werke, die in der Zeit des Holocausts, zwischen 1933 und 1945 komponiert oder gesungen worden sind. Mehr als 300 Werke aus dieser Zeit will Nur Ben Shalom mit seinem Nimrod Ensemble in den kommenden Jahren aufführen und die Geschichten von den Menschen, die diese Melodien in den Ghettos oder Lagern gesungen haben, erzählen. Ben Nur Shalom kommt aus Israel und lebt in Berlin. Seine Lebensmelodien sind ein außergewöhnliches Projekt, unterstützt vom Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung. "ttt" stellt einige dieser Lebensmelodien vor und spricht mit Nur Ben Shalom über Hoffnung, die Musik einem für einen kurzen Augenblick geben kann.

Melodien, die Lebensgeschichten erzählen

Für die jüdische Gemeinde in Wischnitz in der damaligen Bukovina war die Melodie, die Nur Ben Shalom auf der Klarinette spielt, ein Teil ihres Lebens, sie war es sogar noch in dem Moment als die Familien nach Auschwitz deportiert worden. Kurz bevor sie ermordet wurden, haben sie diese Melodie angestimmt. Gemeinsam, wie Überlebende erzählen. Eine "Lebensmelodie" nennt sie deswegen Nur Ben Shalom.

"Ich denke, wenn Menschen diese Melodien gesungen haben, haben sie nach Kraft gesucht. Sie haben nach etwas gesucht, das ihnen Halt gibt. Und diese Musik, diese Stücke gaben ihnen eine Art Kraft zum Leben.", sagt der Klarinettist. "Und wenn es dann diese schrecklichen Momente und furchtbaren Situationen gab, dann konnten sie für eine Minute in Gedanken an einen schönen Ort flüchten."

Der Klarinettist Nur Ben Shalom
Der Klarinettist Nur Ben Shalom erzählt Geschichten mit "Lebensmelodien" | Bild: rbb

An Werke, die in der Zeit zwischen 1933 und 1945 komponiert, gesungen oder gespielt worden sind, will Nur Ben Shalom gemeinsam mit seinem Nimrod Ensemble erinnern. "Diese Musik ist voller Hoffnung, voller Zuversicht. Und ich denke, das gehört zum Judentum. Selbst in verzweifelten Situationen können sie darin auch noch etwas Gutes sehen, trotz des Schreckens."

Vor zwölf Jahren kam er aus Tel Aviv nach Berlin, um Klarinette zu studieren und ist geblieben. Geschichte so sagt er, sei hier überall spürbar, auch die, die nicht mehr ist. Besinnen auf das, was einmal war – das ist es, was er mit seinen "Lebensmelodien" will. Denn: "Diese Musik ist eine Erinnerung an die Vernichtung der Juden. Und jede Melodie, "Lebensmelodien", wie wir sie nennen, hat eine Geschichte. Es geht um eine Person oder eine Familie oder eine jüdische Gemeinde in einem bestimmten Moment. Es ist immer eine private Geschichte. Aber andererseits, wenn Sie all diese kleinen Geschichten nehmen, bekommen sie eine größere Erzählung – von der Kultur der jüdischen Identität jener Zeit."

Er selbst kommt aus einer Familie von Holocaust-Überlebenden, sein Großvater versteckte sich als Jugendlicher neun Monate lang in einem Erdloch und überlebte als einziger einer großen österreichischen Familie. "Ich bin sicher, hoffe es, dass er mit dem, was wir hier machen zufrieden und einverstanden wäre."

Musik anstelle von Rache

Der Brief von Tante Salomea
Kurz vor ihrem Tod beschreibt die Tante des Musikers den Massenmord der NS-Zeit – und fordert Rache | Bild: rbb

Mit Überlebenden ist er in Kontakt, auch in Archiven recherchiert er nach Kompositionen, und den Lebensgeschichten dahinter. Mehr als 300 vergessene Werke hat er gefunden. Am Anfang stand für ihn auch seine Tante Salomea. Sie liebte es Klavier zu spielen, eine mutige Frau, kurz bevor sie ermordet wurde, hat sie einen Brief an ihre Familie geschrieben. "Meine Teuren" steht da. Auf zwölf Seiten schreibt sie vom Massenmord, wie Menschen deportiert, hingerichtet werden – ein Aufschrei gegen die Unmenschlichkeit. Am Ende fordert sie Rache.

"Wir können ihr nicht die Rache geben, die sie wollte.", sagt Nur Ben Shalom. "Aber vielleicht ist das, was ich hier mache oder vielleicht die Tatsache, dass ich hier in Deutschland, in Berlin lebe und mich mit klassischer Musik und jüdischer Musik dieser Zeit beschäftige, vielleicht könnte das eine Umwandlung der Rache sein."

Die Probe findet in der evangelischen Apostel Paulus Kirche in Berlin statt – in den kommenden zwei Jahren soll es hier, in Synagogen, Moscheen oder Schulen Konzerte geben – "Lebensmelodien", die von Menschen und ihren Hoffnungen, ihrem Glauben, ihrem Schicksal erzählen.  "Und dann ist da die Frage, was machen die Menschen mit diesen Melodien nach dem Konzert? Was machen die Musiker oder das Publikum, das dieses Konzert gehört hat? Vielleicht sagen sie ja: "Oh, ich liebe diese Melodie! Ich würde sie gerne in meiner Klasse unterrichten." Oder: "Ich möchte sie meinen Kindern zu Hause vorspielen und ihnen die Geschichte der Menschen dahinter erzählen", das wäre wunderbar – so geht die Erinnerung weiter."

Autorin: Christine Thalmann

Stand: 02.11.2020 11:54 Uhr

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So., 01.11.20 | 23:05 Uhr

Produktion

Rundfunk Berlin-Brandenburg
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