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Ausbeutung für den Kinderwunsch

Sofi Oksanens Thriller "Hundepark"

PlayDer Thriller "Hundepark" von Sofi Oksanen steht auf einer Schaukel.
Ausbeutung für den Kinderwunsch - Sofi Oksanens Thriller "Hundepark" | Video verfügbar bis 09.01.2023 | Bild: Screenshot

Das Geschäft mit der Sehnsucht nach einem Kind boomt und in der Ukraine sind weder Eizellspenden noch Leihmutterschaft verboten. Immer mehr ungewollt Kinderlose aus ganz Europa reisen dorthin. In der Ukraine sind deshalb fruchtbare Frauen sehr gesucht: Hellhäutig, makellos– und für kleines Geld verfügbar! Und genau das trifft zu auf die Hauptfigur in "Hundepark", dem neuen Roman der finnischen Bestseller-Autorin Sofi Oksanen.

"Es ist definitiv am billigsten dort an ein weißes Baby zu kommen," so Sofi Oksanen. "Das fing an mich zu irritieren, und ich fragte mich: Die Ukraine ist eigentlich ein europäisches Land, wie ist das überhaupt möglich, dass dort Ethik- und Familienrecht so ungeklärt-liberal gehandhabt werden." Die Geschichte ist prototypisch: Eine Frau, die weg will aus der Ukraine, die Cash braucht und deshalb ins Babybusiness einsteigt: Erst spendet sie Eizellen, dann wird sie zur Agentin für eine "Kinderwunsch-Agentur", wählbar ist dort auch das Geschlecht des Babys.

Oksanen: "Wie ist das überhaupt möglich?"

Sofi Oksanen spricht in die Kamera.
Die Bestseller-Autorin Sofi Oksanen beleuchtet in ihrem neuesten Roman "Hundepark" eine bisher im verborgenen stattfindende Tragödie. | Bild: Screenshot

"Und die Kunden haben alle möglichen Wünsche! Vielleicht sogar solche, die sie anfangs gar nicht hatten, aber sobald sie anfangen diese eine perfekte Kandidatin auszuwählen werden Ansprüche geweckt, wie auf Dating-Portalen. Nur, dass die Frauen hier nur Körper sind," erklärt Oksanen. Ein Kontakt der Eizellenspenderin zu ihren Kunden ist verboten. In diesem Thriller kommt es jedoch anders: In einem "Hundepark" in Helsinki taucht eine Spenderin auf, die einem "ihrer" biologischen Kinder gefährlich nahekommt. Oksanen geht es um Ausbeutung: die der Frauen – und um die der Ukraine, "um den langen Arm der Geschichte".

"'Snischne' ist eine Kleinstadt in der Ostukraine, und es ist der Geburtsort vom Vater meiner Protagonistin. Das ist da, von wo die Rakete abgefeuert wurde, die das malaysische Flugzeug abgeschossen hat. Genau da, wo heute der russische Einmarsch droht. Und der Umbruch, den diese Gegend damals erlebte, hat viel zu tun mit dem Krieg," so Oksanen. Zu Sowjetzeiten schlug hier "das Herz des Kohleabbaus" und die Bergleute wurden als "Helden der Arbeit" gefeiert. Aber davon hatten sie am Ende nichts. Alles wurde geplündert und die Oligarchen bereicherten sich.

Traumata durch die Sowjetära

"Inzwischen wurden viele von dort vertrieben, Familien, die wegen es Krieges Haus und Hof verlassen mussten und das treibt immer mehr Frauen dazu als Eizellspenderinnen oder Leihmütter zur Verfügung zu stehen, Frauen, die Geld brauchen, um ihre Familien zu ernähren. Deshalb: Je mehr wir darüber erfahren – über diese osteuropäischen Geschichten – umso besser ist es," so die Schriftstellerin.

Virtuos verflechtet Oksanen mehrere Handlungsstränge und Orte in Osteuropa, zeigt, dass die Traumata durch die Sowjetära längst nicht enden wollen, wie Entwurzelung und Enttäuschung den Krieg in der Ukraine befeuern, und wie, inmitten der Gefechte, eine ausbeuterische Babyindustrie entstanden ist, die von der Not der Frauen profitiert. Was Europa ignoriert.

"Sowjetunion als Kolonialmacht"

"Das erinnert mich an die Sowjetunion als Kolonialmacht, denn: Bevor diese Umstände Aufmerksamkeit erfahren, müssen sie als 'wichtig' erachtet werden. Und was als 'wichtig' gilt, ist eine Frage der kulturellen Wertschätzung. Mir scheint, dass auch westeuropäische Länder das Leben der Osteuropäer einfach als nicht wichtig genug wertschätzen." Der Roman von Sofi Oksanen hat das Zeug dazu uns die Augen zu öffnen!

Nicht nur angesichts der Bedrohung durch den russischen Einmarsch, ein erschreckend aktuelles Buch.

(Beitrag: Susan Loehr)

Hundepark
Von Sofi Oksanen
KiWi, 2022
ISBN: 978-3-462-00011-5
Preis: 23 Euro

Stand: 09.01.2022 19:53 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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