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Die Geschichte des rechten Terrors

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Die Geschichte des rechten Terrors | Video verfügbar bis 05.04.2021 | Bild: BR

Juni 2019: Regierungspräsident Walter Lübcke wird von Neonazis vor seinem Haus in der Nähe von Kassel regelrecht hingerichtet. Oktober 2019: der Anschlag auf die Synagoge in Halle. Terror, live ins Netz gestreamt. Februar 2020: Ein rechter Verschwörungstheoretiker erschießt in Hanau neun Menschen.

Eine kaum vorstellbare Reihe rassistisch motivierter Anschläge. Doch der Terror kommt nicht aus dem Nichts. Die Kontinuität rechter Gewalt geht zurück bis zum Ende des Nazi-Regimes. "Die Deutschen haben nie das große Erschrecken an sich herangelassen – die meisten jedenfalls nicht –, was wir mit so vielen unschuldigen Menschen angerichtet haben", sagt der Journalist Niklas Frank. "So dass für mich eine direkte Linie geht von – nach dem Krieg – der missglückten Entnazifizierung bis hin zur AfD und den ganzen rechtsterroristischen Sachen. Das ist für mich ganz klar."

Dauerhafte neonazistische Strukturen nach dem Krieg

Niklas Frank
Niklas Frank | Bild: BR

Niklas Frank ist der Sohn von Hans Frank, Reichsminister unter Hitler und Generalgouverneur von Polen. Einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust. Aussagen führender AfD-Politiker erinnern ihn direkt an seinen Vater.

Der Nazi-Terror war nie weg. Schon unmittelbar nach dem Krieg etablierten sich dauerhafte neonazistische Strukturen. Die Wiking-Jugend konnte ungehindert über 40 Jahre lang die kommenden Generationen rechter Terroristen ausbilden, bis sie 1994 verboten wurde. Weder Behörden noch die Öffentlichkeit nahmen die militanten rechten Netzwerke ernst. Bis heute.

Gideon Botsch
Gideon Botsch | Bild: BR

"Der Informationsstand in der Öffentlichkeit über Rechtsterrorismus ist absolut unangemessen", sagt Gideon Botsch von der Universität Potsdam. "Vor allem, wenn man es in Kontrast setzt zu den ganzen Komplexen Baader-Meinhof, Rote Armee Fraktion, Stadtguerilla, linken Terrorismus. Ich sage immer ein bisschen überspitzt: Von Gudrun Ensslin kennen wir jeden Kassiber, aber von den wichtigsten rechtsterroristischen Tätern kennt die Öffentlichkeit nicht einmal die Taten, geschweige denn die Namen."

1959, antisemitische Schmierereien an der Synagoge in Köln. Polizei und Behörden sind durchsetzt mit alten NSDAP- und SS-Kadern. Sie behindern jede Aufklärung über rechte Strukturen. "In den Fünfzigerjahren haben sich Untergrundgruppen gebildet, sogenannte Werwolf-Gruppen", sagt die Journalistin Andrea Röpke. "Es gab Waffendepots. Es wurden Wehrsportübungen durchgeführt. Und diese Gruppierungen, die das im Untergrund gemacht haben, die haben über Jahrzehnte hinweg weitestgehend unbehelligt agieren können."

Oktoberfest-Attentat im September 1980 – 13 Menschen sterben

September 1980, ein junger Neonazi verübt auf dem Münchner Oktoberfest den schrecklichsten Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. 13 Menschen sterben. Die Behörden legen sich sofort auf Gundolf Köhler als Einzeltäter fest. Seine Verbindungen zur rechtsradikalen Szene werden kaum durchleuchtet. Und das, obwohl Köhler Mitglied der Wiking-Jugend war – und bei der Wehrsportgruppe Hoffmann, einer neonazistischen Privatarmee, für die nationale Revolution übte.

Andrea Röpke
Andrea Röpke  | Bild: BR

"Wir würden auf jeden Fall im Rückblick auf die meisten Terrorakte von rechts, die in den letzten Jahrzehnten geschehen sind, tatsächlich davon reden, dass es keine Einzeltäter sind", sagt Andrea Röpke. "Sondern dass sie sich radikalisiert haben in militanten Spektren, dass sie Hass-, Feinbilder, Ideologien, Strategien übernommen haben. Und dann tatsächlich vom Wort zur Tat geschritten sind."

Auch 36 Jahre nach dem Oktoberfest-Attentat haben die bayerischen Behörden offenbar nichts gelernt. Beim Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum 2016 sprechen sie konsequent von einem "Amoklauf". Erst drei Jahre später – auf massiven öffentlichen Druck hin – erklären sie, dass es sich um eine rassistisch motivierte Tat handelt.

Deutsche Neonazis suchen Anschluss an das britische Blood&Honour-Netzwerk

In den Neunziger Jahren internationalisiert sich die Szene. Deutsche Neonazis suchen Anschluss an das britische Blood&Honour-Netzwerk, den Kampfverband Combat 18 und die White Supremacy-Bewegung in den USA. Das Konzept des "führerlosen Widerstands" wird zum Modell für den deutschen NSU. Über Skinhead-Strukturen gelingt es, eine rechte Popkultur zu etablieren und gewaltbereite Jugendliche zu mobilisieren.

"Man konnte schon Ende der Neunziger Jahre sehr deutlich feststellen, dass der Weg – die Vorstellung, was man zu tun hat – wegging von 'Wir verprügeln Ausländer mit Springerstiefeln und Baseball-Keulen' hin zu 'Wir nehmen Sprengstoff und Waffen mit Schalldämpfer und Zielfernrohr'", sagt Gideon Botsch.

Jetzt geht die Saat auf. Täter wie der von Halle holen sich ihre Motivation aus dem Internet. Hetzschriften vom großen Bevölkerungsaustausch, von der Bedrohung der weißen Rasse, von der jüdischen Weltverschwörung.

Führende AfD-Politiker demonstrierten gemeinsam mit rechten Schlägern

Aussteiger wie Felix Benneckenstein, ehemals einer der Anführer der Kameradschaft Süd, bestätigen, dass viele in der Szene das Gefühl haben: Jetzt sei die Zeit reif.

Felix Benneckenstein
Felix Benneckenstein | Bild: BR

"Man hat sich jahrelang erzählt in der Neonazi-Szene – das weiß ich aus eigener Erfahrung: Irgendwann kommt der Tag, da werden wir das Ruder in die Hand nehmen und dann kommt diese Kampfzeit", sagt Felix Benneckenstein. "Man hat sehr, sehr viele, unzählige Neonazis jahrelang darauf vorbereitet, dass so eine Zeit kommen würde. Man hat sie, meiner Meinung nach, früher damit vertröstet. Und jetzt haben sie natürlich das Gefühl, wo radikale Parolen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, die sie von ihren eigenen Neonazi-Treffen kennen, dass jetzt diese Zeit gekommen ist, wo ein Krieg beginnt."

Die Strukturen vermischen sich. Im Sommer 2018 demonstrieren in Chemnitz führende AfD-Politiker gemeinsam mit rechten Schlägern und mutmaßlichen Terroristen. Schon in den Tagen davor war es zu Hetzjagden gegen vermeintliche Migranten gekommen.

Andrea Röpke recherchiert seit dreißig Jahren in der Szene. Sie filmte auch in Chemnitz, und konnte so nachweisen, dass der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke dort mitten unter den Demonstranten war.

"Das ist das Gefährliche daran, dass wir eine große Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung haben", sagt Röpke. "Dass der Diskurs soweit nach rechts verschoben wurde, dass man wieder Begrifflichkeiten wählt, auch aus den Reihen der AfD, von 'Umvolkung' spricht, tatsächlich 'Der große Austausch' mittlerweile so gängig geworden ist."

Nach jedem Anschlag ist das Blumenmeer groß. Aber Blumen reichen nicht. Denn die Ideologie der Täter erreicht einen erschreckend großen Teil der Bevölkerung. Und sie war nie weg. Im Untergrund war die Wiederkehr des Dritten Reichs immer das große Ziel. Aber wir haben es nicht ernst genommen. Das rächt sich jetzt.

Autor: Joachim Gaertner

Niklas Frank: Auf in die Diktatur! Ein Wutanfall. Dietz-Verlag. 12 Euro.

Andreas Speit, Jean-Philipp Baeck (Hg.): Rechte Ego-Shooter. Christoph Links Verlag. 18 Euro. (mit einem Aufsatz von Andrea Röpke)

Stand: 29.05.2020 12:43 Uhr

Sendetermin

So., 05.04.20 | 23:30 Uhr
Das Erste

Produktion

Bayerischer Rundfunk
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