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Oskar Roehler erzählt vom Erwachsenwerden in der westdeutschen Provinz

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Oskar Roehler erzählt vom Erwachsenwerden in der westdeutschen Provinz | Video verfügbar bis 29.03.2021 | Bild: imago-images / Sebastian Gabsch

"Der Mangel" heißt der neue Roman des Schriftstellers und Regisseurs Oskar Roehler. Wie viele seiner Filme und Bücher, so handelt auch der Roman von persönlichen Erinnerungen. "Der Mangel" erzählt von einer Gruppe von Kindern, die in den frühen 60er Jahren in einer Neubausiedlung im Zonenrandgebiet aufwächst. Die Väter sind wortkarge Sudetendeutsche, die den Krieg erlebt haben. Die Kinder haben weder Fernsehen noch Radio, es mangelt an Geld, Sicherheit und Geborgenheit. Später flüchtet sich der Ich-Erzähler in die Kunst. ttt hat Oskar Roehler getroffen und spricht mit ihm über den Werdegang einer ganzen Generation.

Roman "Der Mangel"

In normalen Zeiten würde Oskar Roehler vielleicht eine Filmpremiere feiern. Oder vor Publikum aus seinem neuen Buch lesen. Aber jetzt bleibt er zu Hause, so wie alle. "Was machen wir im Moment? Wir müssen ums Überleben kämpfen. Firmen werden abgewickelt, Jobs gehen verloren. Leute können ihre Miete nicht bezahlen. Wir müssen mit dieser Front fertig werden. Das kostet Kraft.", sagt Oskar Roehler.

Schriftsteller und Regisseur Oskar Roehler
Schriftsteller und Regisseur Oskar Roehler | Bild: Das Erste

Der Roman "Der Mangel" spielt in einem katholischen Dorf in Bayern, im Zonenrandgebiet. In einer trostlosen Neubausiedlung oberhalb des Ortes voller Baustellen, wo Sudetendeutsche und Vertriebene aus Pommern ihre Eigenheime errichten, in den frühen 60er Jahren. Hier wächst der Ich-Erzähler des Buchs auf. Ein kleiner Junge, der sich wie ein Fremder fühlt. Als Außenseiter. "Ich begebe mich mit dem Kind auf die Suche nach einer bestimmten Wahrheit, aber auch nach einer Suche von einer fast aussichtslosen Suche nach Geborgenheit, Sicherheit und Zukunft.", erzählt Oskar Roehler. 

Mangel als existentielles Lebensgefühl

Der Roman "Der Mangel" spielt in einem katholischen Dorf in Bayern.
Der Roman "Der Mangel" spielt in einem katholischen Dorf in Bayern. | Bild: Das Erste

Roehler schöpft aus seinen Erinnerungen: Er verbrachte seine Kindheit in einem fränkischen Dorf. Im Buch mangelt es den Kindern an allem: Die Familien müssen die Häuser abzahlen. Es gibt kein Fernsehen, kein Telefon, kein Spielzeug – und das in Zeiten des Wirtschaftswunders. Deutschland ist im Kaufrausch. Doch die Parole "Wohlstand für alle" gilt nicht für die Männer in der Siedlung. Der einzige Luxus, den der Vater sich leistet, ist ein Opel Rekord. Damit ist er als Vertreter für Modell-Eisenbahnen unterwegs. Manchmal fährt der Sohn mit, doch der Überfluss in den Spielwarenläden und Kaufhäusern verstört ihn. Er sehnt sich zurück in die Kargheit des Dorfs. "Ich beschreibe den Mangel als existentielles Lebensgefühl, aber gar nicht mal negativ. Es gibt dieses Beispiel, dass die Kinder in ihren umgenähten steifen, Mänteln, die noch aus Pommern oder Dresden stammen, in den Schnee gehen und mit dem Schlitten diese irrsinnig lange Rodelbahn bauen und dann in phantasmagorische Zustände kommen.", so Roehler weiter.

Die Macht der Fantasie

 "Der Mangel" von Oskar Roehler
"Der Mangel" von Oskar Roehler | Bild: Das Erste

Nicht materielle Werte versetzen die Kinder in einen Rausch, sondern ihre eigene Fantasie. Und ein paar Bücher. Zum ersten Mal sieht der Ich-Erzähler Bilder der Alten Meister. Er versteht sie ohne Mühe. Die Gestalten auf der Leinwand erinnern ihn an die tumben Bewohner unten im Dorf. Er begreift, was eine Kreuzigung bedeutet. Ein Schlüsselereignis. "Wenn du das als Kind erfährst und aufnimmst, und sonst aber nix hast, dann wirst du immer wieder sagen, bitte zeig mir Kunst, bitte zeig mir Literatur, bitte lies mir was vor!", erzählt Oskar Roehler. Die Kunsterlebnisse wirken nach bis in die 80er Jahre, als der Ich-Erzähler – ähnlich wie der Romanautor – in Westberlin lebt. In prekären Verhältnissen, unbeheizten Hinterhofwohnungen. Er will Schriftsteller werden. "Das war dieser extrem desolate Lebenszustand in Berlin, wo man versucht hat zu schreiben, aber einem eigentlich jedes Mittel, jede Handhabe fehlte, das eigentlich zu machen, weil A hatte man überhaupt kein Geld, B hatte man auch gar keine Ahnung. Weil es eine unheimliche Anstrengung ist, selbst Kunst zu machen.", so der Romanautor.

Die meisten der einstigen Spielkameraden aus der Siedlung sind einen anderen Weg gegangen. Jahre später trifft er sie wieder. Viele kaufen in Billigläden ein und ernähren sich von Chips und Fertigpizza – noch ein Schlüsselerlebnis, das er im Buch beschreibt: "Weil das schon schockierend war mitzubekommen, dass eine ganze Generation einem völlig falschen Begriff von Konsum geopfert wurde." Es ist seine eigene – Roehler porträtiert sie mit ätzender Kritik, dann wieder in poetischen, beinahe surrealen Sprachbildern. Absolut lesenswert.  

Autorin: Hilka Sinning

Stand: 29.03.2020 22:40 Uhr

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Rundfunk Berlin-Brandenburg
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