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Der Roman "Zuflucht Havanna" rekonstruiert tragische Schiffspassage

PlayZuflucht Havanna: Die Geschichte der dramatischen Irrfahrt des Passagierdampfers St. Louis
Zuflucht Havanna: Die Geschichte der dramatischen Irrfahrt des Passagierdampfers St. Louis | Video verfügbar bis 28.04.2020 | Bild: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

13. Mai 1939: In Hamburg haben 937 deutsche Juden das Glück und lassen sich auf einem Kreuzfahrtdampfer einschiffen. Die "St. Louis" soll sie nach Kuba bringen, weg von Nazi-Deutschland, weg von Verfolgung und Todesangst. Kuba, die rettende Insel ...

"Es war wirklich eine Reise ins Ungewisse", erinnert sich die Zeitzeugin Gisela Sternberg. Und der Zeitzeuge Phil Freund ergänzt: "Wir waren in einer fast ausweglosen Situation. Wir wussten nicht wohin. Keiner wollte uns."

Kuba lässt Flüchtlinge nicht an Land

Der deutsche Luxusliner "St. Louis" im Juni 1939 im Hafen von Havanna.
Der deutsche Luxusliner "St. Louis" im Juni 1939 im Hafen von Havanna. | Bild: dpa

In Havanna angekommen, wurde das Schiff in der Bucht gestoppt. Die kubanische Regierung ließ die Flüchtlinge nicht an Land. Zwar hatte jeder Passagier 150 Dollar für sein Visum gezahlt, doch inzwischen hatte der Präsident die Landungserlaubnis für ungültig erklärt. Die ehemalige Schiffspassagierin Sternberg wunderte sich damals, warum sie so weit außerhalb des Hafens bleiben mussten. "Wir warteten und warten. Und die kubanischen Beamten sagten ´mañana, mañana´. Doch dieser Morgen kam nicht", so Freund.

In Freiheit und doch gefangen. Es begann ein verzweifeltes Hoffen, der Kapitän verhandelte, das jüdische Joint Distribution Committee appellierte an die Weltöffentlichkeit.

Kuba als Ort der Hoffnung

Diesem weitgehend vergessenen Drama hat der kubanische Autor Fernando Remírez de Estenoz einen voluminösen Roman gewidmet. Es ist ein Buch über das Jahr 1939, in dem die Karibikinsel für die vielen Flüchtlinge aus Europa zur Hoffnung auf Rettung wurde. "Vor dem Jahr 1939 hat Kuba Schätzungen zufolge mehr als 14.000 deutsche Flüchtlinge aufgenommen, die übergroße Mehrzahl davon waren deutsche und österreichische Juden. Wenn man diese Zahl in Bezug auf die damalige Bevölkerung Kubas betrachtet, kann man sagen, dass Kuba proportional die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. Es war für Kuba immer selbstverständlich, Flüchtlinge und Emigranten mit offenen Armen aufzunehmen", so der Autor Remírez.

Drama mit realen Personen der Zeitgeschichte

Der kubanische Autor Fernando Remírez de Estenoz.
Der kubanische Autor Fernando Remírez de Estenoz. | Bild: ttt

Auf dem Kreuzfahrtschiff treffen Menschen zusammen, die traumatisiert von Verfolgung und nun voller Zuversicht sind. Im Zentrum des Romans zwei junge Liebende, deren Glück von dem Einreise-Dekret des kubanischen Staates abhängt. Doch dort haben die Wirtschaftskrise und die Zuwanderung aus dem spanischen Bürgerkrieg eine Blockade-Stimmung geschaffen. Remírez erzählt das Drama der Schiffsflüchtlinge mit realen Personen der Zeitgeschichte, die er mit der Fantasie eines Romanciers animiert. "Praktisch alle Figuren dieses Romans, ob Deutsche, Kubaner oder Amerikaner, gab es wirklich. Sie alle hatten, und dies kann ich belegen, Einfluss auf das Schicksal der St. Louis-Flüchtlinge", so Remírez.

Hetze gegen die Schiffspassagiere

Deutsche Agenten, auch das erzählt Remírez, versuchen auf Kuba zum Antisemitismus aufzuhetzen. Würde die Aufnahme der Flüchtigen scheitern, wäre es ein propagandistischer Triumph, der zeige, dass keiner die Juden haben wolle. Remírez dazu: "Es gibt sogar Berichte darüber, dass Fotografen des Nazi-Propagandaministeriums Fotos von besonders elend aussehenden Passagieren der St. Louis machten. Einige von ihnen kamen ja direkt aus den Konzentrationslagern. Diese Fotos wurden dann weltweit eingesetzt, um zu zeigen, dass die Passagiere der St. Louis eine Art ´Abschaum´ der Gesellschaft wären."

Verzweifeltes Hoffen im Havanna der 30er-Jahre

Havanna
Der Hafen von Havanna heute.  | Bild: ttt

Der 500-Seiten-Roman taucht ein in das Havanna der 30er-Jahre: eine Vergnügungsoase der amerikanischen Oberschicht und ein Warteraum von Zuflucht suchenden und Einwanderern aus aller Welt. Im Hotel Nacional residierte damals ein amerikanischer Mafia-Boss, der zugleich als Kopf der sogenannten "Kosher Nostra" galt: Meyer-Lansky, selbst jüdischer Herkunft. Remírez macht aus ihm eine schillernde Romanfigur, die mit großzügigen Geldspenden versucht, die deutschen Flüchtlinge zu retten.

Nach einer Woche verzweifelten Hoffens muss die St. Louis abdrehen. Bevor sie zurück nach Europa fährt, nimmt sie zunächst Kurs auf die USA – als letzte Hoffnung, doch Präsident Roosevelt ist im Wahlkampf und kann keine Flüchtlingsdebatte brauchen.

Kapitän setzt sich für Schiffsflüchtlinge ein

Remírez sieht in seinem Buch auch Parallelen zur Jetztzeit: "Gerade passieren wieder ähnliche Dinge. Natürlich ist die Situation heute nicht dieselbe. Aber vielleicht ist mein Buch eine Mahnung, dass Ereignisse, die damals zu Verfolgung führten, sich heute nicht wiederholen."  

Einer, der sich um die Rettung der jüdischen Flüchtlinge mit all seiner Kraft bemühte, war Kapitän Schröder: ein NSDAP-Mitglied. Er bringt die "St. Louis" schließlich nach Antwerpen. Dort werden die Passagiere von verschiedenen Ländern aufgenommen. Die meisten überleben den 2. Weltkrieg. 254 Passagieren der "St. Louis" aber gelingt das nicht. Sie werden Opfer des Holocaust.

Buchtipp
Fernando Remírez de Estenoz: "Zuflucht Havanna"
Nora Verlag, 514 Seiten
ISBN: 9783865574459

Autor: Reinhold Jaretzky

Stand: 29.04.2019 16:10 Uhr

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Mitteldeutscher Rundfunk
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