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Wahrheit und Legende

200. Geburtstag von Heinrich Schliemann

PlayPorträt von Heinrich Schliemann
Wahrheit und Legende: Heinrich Schliemann | Video verfügbar bis 09.01.2023 | Bild: picture alliance / Heritage-Images

Er war ein Weltenbürger und blieb Zeit seines Lebens seiner Heimat Mecklenburg verbunden. Er war Multimillionär und skrupellos, er strickte schon zu Lebzeiten an seiner eigenen Legende. Seine archäologischen Entdeckungen sind epochal, dabei ist er einer der Ahnenherren aller Raubgräber: Heinrich Schliemann. Geboren vor 200 Jahren in ärmlichen Verhältnissen, erwarb er als Selfmademan ein beachtliches Vermögen, bereiste die Welt, lernte Sprachen und hatte am Ende drei Staatsbürgerschaften.

Doch Schliemann nimmt es mit der Wahrheit selten genau. Er ist ein Mythomane. Im mecklenburgischen Ankershagen wächst er auf. Träumt angeblich schon als 6 Jähriger von Troja. Im Haus seiner Kindheit liegen heute Kopien seines "Priamos-Schatzes". Die Originale sind in Moskau. Sie wurden 1945 von der Roten Armee geraubt. Schliemann selbst raubte den Schatz aus Troja.

Der Mythomane Schliemann

Ein Foto von Schliemann Frau. Sie trägt den "Schatz des Priamos".
Das Bild von Schliemanns Frau ist bis heute ikonisch. | Bild: Screenshot

Rüstem Aslan leitet heute die Ausgrabungen am Hisarlik Hügel in der Türkei. Hier gräbt Schliemann ab 1871 nach Troja. Zunächst illegal und völlig planlos. Die Erlaubnis kommt später, unter einer Bedingung: Alles wird 50:50 geteilt. "Schliemann hat sich bewusst gegen die Genehmigung, gegen die Regeln verhalten. Der schmuggelt von Anfang an. Er verhält sich nicht korrekt," so Rüstem Aslan. Als Schliemann Gold findet, posaunt er in die Welt: Ich habe den "Schatz des Priamos". Falsch: Die Stücke sind noch viel älter. Er inszeniert seine Frau mit dem Schmuck. Ihr Bild ist bis heute ikonisch. Schliemann behauptet, sie sei beim Fund dabei gewesen. Aber sie war in Athen.

In der Gennadius-Bibliothek liegt sein Privatarchiv. Wahrheit und Fiktion sind bei Schliemann kaum zu unterscheiden. Briefe und Tagebücher belegen die Tricksereien. "Sie erzählen, wie er die Objekte aus Troja entfernte, sie nach Athen brachte. Und wie er später mit verschiedenen Ländern verhandelte," so die Archäologin und Historikerin Natalia Vogeikoff-Brogan. Der "Schatz des Priamos" besteht aus 8.000 Einzelteilen. Eigentlich gehört davon nur die Hälfte Schliemann. Doch er schmuggelt alles in seine Wahlheimat Athen. Ein dreister Vertragsbruch. Selbst die Ausfuhr seiner Hälfte des Schatzes war illegal.

Aslan: "Er verhält sich nicht korrekt"

"Nach dem damaligen Antikengesetz sollte er nichts rausnehmen. Das heißt, er ist Besitzer aber im Grunde genommen sollte, nach dem damaligen Gesetz, alles im Osmanischen Reich bleiben," erzählt Aslan. Schliemann, der Raubgräber, befürchtet seine Verhaftung und bittet den US-Botschafter in Konstantinopel um Hilfe. In einem vertraulichen Brief gratuliert der Amerikaner zum geglückten Coup. Das osmanische Hofmuseum sei doch sowieso nur eine "absurde" Ansammlung.

"Sie verdienen die antike Objekte nicht. Sie respektieren sie nicht. Der Gedanke dahinter: Wir müssen sie nehmen und in Großbritannien, Frankreich, Deutschland zeigen. Das war die Mentalität im 19. und zu einem Großteil auch im 20. Jahrhundert," beschreibt Vogeikoff-Brogan. In Athen, bei seiner Familie, fürchtet Schliemann um seinen Schatz. Er versteckt ihn an mehreren Orten. Unter anderem in der École francaise d'Athènes. Dafür verspricht er den Franzosen, die Sammlung später an den Louvre in Paris zu geben. Tatsächlich droht Unheil. Die Osmanen wollen alles beschlagnahmen. Allerdings vergeblich. "Natürlich längst bei Seite geschafft, als die Polizei kam", triumphiert Schliemann in einem Brief.

Ein verschollener Schatz

Die Ausgrabungen am Hisarlik Hügel in der Türkei.
Die Ausgrabungen am Hisarlik Hügel in der Türkei: Hier gräbt Schliemann ab 1871 nach Troja. | Bild: Screenshot

"Das Bild, das sich das Osmanische Reich überhaupt nicht für die antiken Sachen interessiert hat, muss revidiert werden," so Aslan. Am Ende zahlt Schliemann dem insolventen Osmanischen Reich 50.000 Goldfranken und darf alles behalten. Doch er weiß lange nicht, was er mit dem Schatz machen will. Er bietet die Sammlung Griechen, Engländern und Russen an. Nur eines steht fest: "An Deutschland gebe ich sie nicht". Dort fühlt er sich nicht ausreichend gewürdigt. 1881 vollzieht er eine Kehrtwende, überlässt alles "dem Deutschen Volke zu ewigem Besitze und ungetrennter Aufbewahrung". Nach dem Krieg ist der Schatz weg. Verschollen wie das Bernsteinzimmer.

Anfang der 90er gibt Boris Jelzin zu: Wir haben ihn! Der "Schatz des Priamos" war jahrzehntelang versteckt im Geheimdepot des Moskauer Puschkin-Museums. Bis er 1996 wieder öffentlich ausgestellt wird. Seither streiten Deutsche und Russen. 2013 kommt es fast zum öffentlichen Eklat bei einer Ausstellungseröffnung in St. Petersburg. Russland blockt das bis heute ab. Aber wie könnte ein Kompromiss aussehen? "Vielleicht andere Rhetorik, andere Gedanken, postkoloniale Gedanken entwickeln. Das heißt, die Kulturgüter, wenn es im idealen Fall möglich ist, warum nicht an den Fundort zurückgeben?" schlägt Aslan vor.

Troja, Athen, Berlin, Moskau – Schliemanns Schatz ist schon viel herumgekommen. Wäre das nicht die Lösung? Ihn weltweit reisen lassen und ausstellen! ttt über einen Besessenen, der es mit der Wahrheit und den Fakten nicht ganz so genau nahm.

(Beitrag: Heiko Kreft)

Stand: 09.01.2022 19:50 Uhr

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