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Der Mensch hinter der Ikone

100. Geburtstag Sophie Scholl

PlayEin altes Foto von Sophie Scholl mit kurzen Haaren.
Der Mensch hinter der Ikone - 100. Geburtstag Sophie Scholl | Video verfügbar bis 11.04.2022 | Bild: picture alliance / Photo12/Archives Snark

Sophie Scholl – Sie wird bis heute zur Ikone stilisiert. Mit ihrem Kampf gegen das Nazi-Regime ist sie, geboren am 9. Mai 1921, bis heute ein Vorbild. Den Menschen dahinter kennen wir kaum. Wer war sie wirklich? Der Theologe und Historiker Robert M. Zoske hat eine Biografie über Sophie Scholl veröffentlicht. Er will sie als Mensch mit Widersprüchen und Zweifeln porträtieren, vor allem ihren inneren Konflikt zwischen Glauben und Nazi-Ideologie.

"Eine ganz normale junge Frau, die erst durch die Umstände zu einer besonderen Frau gemacht wurde," so beschreibt Biograf Robert M. Zoske Sophie Scholl. Sie sei zunächst eine "hundertfünfzigprozentige Nationalsozialistin" gewesen, vor der ihre Klassenkamerad*innen Angst gehabt hätten. "Aber so hundertfünfzigprozentig war sie nachher gegen den Nationalsozialismus", so Zoske. "Sie hat mit dem Wort gekämpft, aber sie hätte auch zur Waffe gegriffen."

"Sophie Scholl unsympathisch?"

Doch sie war keine Heilige. "Sophie Scholl: Es reut mich nichts" von Robert M. Zoske ist das Porträt einer widerständigen und vor allem widersprüchlichen jungen Frau. Der Biograf beschreibt sie als tiefgläubig und zweifelnd, willensstark aber auch herrschsüchtig. "Als ich mit meiner Lektorin das Buch besprach, habe ich gesagt, es gibt auch Züge bei Sophie, die sind nicht so sympathisch," so Zoske. "Sie schreckte ein bisschen auf, sagte 'Sophie Scholl unsympathisch?' Ja, sage ich, aber sie ist halt ein Mensch."

Der Autor Robert M. Zoske schaut in die Kamera.
Der Autor Robert M. Zoske hat eine Biografie über Sophie Scholl geschrieben. | Bild: C. H. Beck Verlag / Liese Giesekus / Frederika Hoffmann

Um Sophie zu verstehen, muss man ihre Herkunft genau betrachten. Geboren wird sie als Sofia im hohenlohischen Forchtenberg, wächst in Ulm auf, in einem protestantischen und musischen Elternhaus. Die Familie singt, liest, betet gemeinsam. Christliche Werte bestimmen den Alltag. Freiheit, Pflicht und Glauben sind das Dreigestirn, das Sophie leitet. Das alles findet sie beim "Bund Deutscher Mädel", der Jugendorganisation der Nazis. Sie tritt schon mit 13 ein.

"Etwas Neues schaffen, etwas Revolutionäres. Und das hat alle Scholl Kinder ganz stark angesprochen," erzählt Zoske. "Also auch Sophie. Und dann der Grundsatz der Nazis 'Jugend führt Jugend' war auch faszinierend für die Scholl Kinder."

Zoske: "Sie hat mit dem Wort gekämpft"

Sophie ist begeistert dabei, wird schnell Gruppenführerin. Antisemitismus und Nationalismus scheinen sie, die überzeugte Christin, nicht zu stören. Das blendet sie aus. Gleichzeitig ist sie unangepasst und macht verrückte Sachen. Wirft sich zum Baden in gefährlich strömende Flüsse. Sie will die Natur ganz und gar spüren.

"Susanne Hirzel, ihre Freundin, sagte, Sophie Scholl sei wie ein wilder Junge gewesen, und sie hätte mit diesem wilden Jungen Abenteuer erlebt, wie sie mit keinem anderen das sonst erlebt hätte," sagt der Biograf. "Immer wenn sie mit Sophie zusammen gewesen sei, hätte sie das Gefühl gehabt 'ich fliege'."

Sophie politisierte sich nur langsam

Hunderte von Briefen und Dokumenten hat Robert M. Zoske ausgewertet. Seine umfängliche, genaue Biografie zeichnet nach, dass Sophie sich nur langsam politisierte. Ihr Freund Fritz Hartnagel ist Wehrmachtsoffizier, so wie es ihr Bruder Hans auch werden will. Bis nach Kriegsbeginn bleibt Sophie beim BDM, wenn auch nur aus Pflichtgefühl, wie sie schreibt.

Aber nach und nach distanziert sich Sophie vom Nationalsozialismus, die Zweifel wachsen: Lieblingsdichter wie Heine gelten als "entartet". Und dann ihr Kriegshilfsdienst – den leistet Sophie in Blumberg im Schwarzwald. Die Nazis haben das kleine Dorf ruiniert, um dort Eisenerz abzubauen. Ohne Erfolg. Stattdessen: Zerstörte Natur, verarmte Menschen.

Ihr tiefer christliche Glaube führte sie

Das Cover von Robert M. Zoskes neuen Buch "Sophie Scholl: Es reut mich nichts".
"Sophie Scholl: Es reut mich nichts" ist die neue Biografie über Sophie Scholl von Robert M. Zoske. | Bild: NDR

"Also betet sie in ihrem Tagebuch und ringt mit Gott und versucht auch, ihre Position zu finden, was sie machen sollen, wo sie denn nun hingehen soll," beschreibt Zoske. "Denn der Nationalsozialismus zerbröckelt bei ihr als Ideal. Und was könnte stattdessen an diese Stelle treten? Und das wird dann immer mehr der christliche Glaube."

Ohne den christlichen Glauben wäre sie nicht in den Widerstand gegangen. Das ist 1941. Schon ein Jahr später wird Sophie tot sein. Aber in dieses letzte Jahr wirft sie sich mit Leib und Seele, hundertfünfzigprozentig eben. Sie schließt sich der "Weißen Rose" an. Freiheit, Pflicht und Glaube haben ein neues, ein großes Ziel: den Krieg beenden, Hitler stürzen.

"Freiheit" ist Sophies letztes Wort

"Es ist manchmal oder oftmals schwieriger und positiver zu bewerten, wenn jemand acht Jahre lang auf einem falschen Weg geht und dann noch zu sagen: es war verkehrt," so Zoske. "'Ich war begeistert für die Nazis, und jetzt will ich, dass die wegkommen. Jetzt will ich sogar, wenn ich könnte, würde ich sogar den Hitler erschießen', hat sie gesagt."

"Freiheit" ist ihr letztes Wort, kurz vor der Hinrichtung auf einen Anwaltsbrief gemalt. Mit ihrer Haltung in einer Diktatur kann Sophie Scholl Vorbild sein: für Mut und Mitmenschlichkeit. In einer Demokratie aber ist es empörend, wenn Menschen sich leichtfertig mit ihr vergleichen. Robert M. Zoske liefert in seinem Buch ein differenziertes Bild von der "Ikone" Sophie Scholl.

(Beitrag: Natascha Geier)

Sophie Scholl: Es reut mich nichts
Von Robert M. Zoske
Propyläen, 2020
ISBN: 9783549100189
Preis: 24 Euro

Stand: 11.04.2021 19:20 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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