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Eine Hymne – Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa im Porträt

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Eine Hymne – Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa im Porträt | Video verfügbar bis 23.08.2021 | Bild: Joachim Gern

Gerade erscheint ein neuer Roman von Olga Grjasnowa. "Der verlorene Sohn" heißt er und in ihm erzählt die 35-Jährige von Jamalludin, dem Sohn eines mächtigen Imams, der im Kaukasischen Krieg den Russen als Geisel übergeben wird. Jamalludin wird an den Hof des Zaren gebracht, wächst in St. Petersburg auf. Beeindruckend kenntnisreich, packend und mit großer erzählerischer Wucht beschreibt Olga Grjasnowa diese wahre Geschichte aus dem Kaukasischen Krieg. "ttt" hat die Autorin, die in Baku geboren wurde und zu Recht zu den erfolgreichsten Stimmen der gegenwärtigen Literatur gehört, getroffen. Eine Hymne auf eine großartige Erzählerin. 

Olga Grjasnowas neuester Roman

Roman "Der verlorene Sohn"
Roman "Der verlorene Sohn" | Bild: Das Erste

Es gibt wohl kaum jemanden in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, der so großartig erzählen kann wie Olga Grjasnowa. Ihre Romane sind klug, fesselnd. Wer sie liest, für den öffnet sich jedes Mal eine neue Welt. Gerade kommt Olga Grjasnowas neuester Roman aus der Druckerei. "Der verlorene Sohn" hat sie ihn genannt. "Ehrlich gesagt, das ist immer der schlimmste Moment. Jetzt kann man nichts mehr ändern. Das fast wie so ein Grabmal", erzählt die Schriftstellerin. Olga Grjasnowas Roman spielt im 19. Jahrhundert. Sie erzählt von Jamalludin, dem Sohn von Imam Schamil, einem der bekanntesten Führer im Kaukasus. Schamil verteidigt sein Reich gegen die russische Armee. Als es kaum noch einen Ausweg gibt, wird der Neunjährige als Geisel nach St. Petersburg gebracht. Er wächst unter der Obhut des Zaren auf. Der historische Stoff – eine Parabel auf die Frage, was macht uns zu dem, der wir sind. "Ich glaube, das ist immer noch die ganze Frage nach der Zugehörigkeit und die Frage nach: Wie wird man eigentlich gesehen, wie wird man eigentlich wahrgenommen, wenn man eine bestimmte Herkunft mitbringt. Oder: was Herkunft ist? Wie weit ist das Ganze konstruiert? Was ist da dran und wie geht man damit um? Welche Freiheit hat man, sich weiter zu entwickeln, wenn man das denn möchte?", so die Schriftstellerin.

Die Frage nach der Herkunft

Schriftstellerin Olga Grjasnowa
Schriftstellerin Olga Grjasnowa  | Bild: Das Erste

Der Roman beginnt an dem Morgen, als Jamalludin seine Familie verlassen muss. "Du musst stark sein, mein Kleiner. Sei stolz. Sei mein Stolz, sei ein Sohn deines Vaters", diese Worte gibt ihm die Mutter mit auf den Weg. Sie glaubt ihn bald wieder zu sehen, doch es ist ein Abschied für immer. In St. Petersburg lässt Zar Nikolai ihm eine militärische Ausbildung zukommen. Jamalludin verkehrt am Hof, spricht Russisch, Französisch und vergisst seine Muttersprache. Ist er Russe? Ist er immer noch Sohn seiner Eltern? Im Roman heißt es: "Jamalludin beneidete seine Freunde. Sie waren sich ihres Lebens und ihrer selbst sicher." "Wenn man immer wieder als jemand, der nicht zugehörig ist, gelesen wird oder wenn man immer wieder darauf aufmerksam gemacht wird, dann kann man sich auch nicht wirklich wohlfühlen. Das ist auch so mit dieser Frage 'Woher kommst du denn?', die wahnsinnig nett gemeint ist. Und wo Leute immer sagen: Aber das interessiert mich doch. Wenn man dann nachfragt, wo kommen Sie denn eigentlich her, dann ist es ein großer Eklat, dann heißt es, das ist mir zu privat", so Grjasnowa weiter.

Die Schriftstellerin Grjasnowa

Schriftstellerin Olga Grjasnowa im Theater
Schriftstellerin Olga Grjasnowa im Theater | Bild: Das Erste

Sehr feinfühlig erzählt Olga Grjasnowa in ihren Romanen, sie beobachtet genau und scheint eine tiefe Kenntnis vom dem zu haben, was Menschen ausmacht. Sie wird in Aserbaidschan geboren. Mit elf Jahren kommt sie nach Deutschland. Ihre Großmutter, eine Jüdin musste vor der deutschen Wehrmacht aus Weißrussland fliehen. Eine Geschichte, die Olga Grjasnowa geprägt hat. "Ich glaube, worum es mir tatsächlich geht, das ist die staatlich organisierte Gewalt. Das ist der Augenblick, in dem ein Regime oder eine Regierung oder auch nur ein Individuum beschließt, Gewalt anzuwenden. Und das ist nicht nur, wie es jetzt in Belarus geschieht, wo das Regime in Kauf nimmt: Wir lassen Menschen bei Demonstrationen sterben. Wir tun jetzt einfach alles dafür, um unsere Macht zu erhalten, sondern das ist auch das, was gerade an unseren EU-Außengrenzen passiert. Wenn die griechische Regierung nachgewiesener Weise beschließt, dass man die Migranten wieder ins Meer zurückschiebt und sie dort aussetzt", so die Schriftstellerin.

Ihre Romane für das Theater adaptiert

Proben im Berliner Ensemble zu "Gott ist nicht schüchtern"
Proben im Berliner Ensemble zu "Gott ist nicht schüchtern" | Bild: Das Erste

Gleich ihr erster Roman "Der Russe ist einer der Birken liebt" wird euphorisch aufgenommen. Für das Theater adaptiert. Auch "Gott ist nicht schüchtern", ihr Bestseller Roman kommt jetzt auf die Bühne. Proben im Berliner Ensemble. Wieder geht es ihr um Menschen, deren Leben durch staatlich organisierte Gewalt zerbricht. Die Geschichte spielt in Damaskus, beginnt im Jahr 2011 während der Proteste gegen das Assad Regime und erzählt von der Gewalt, davon wie das Morden und Foltern bis heute kein Ende finden. "All das passiert eigentlich in vollem Wissen um die Konsequenzen. Und trotzdem gibt es eine Übereinkunft, dass wir so tun, als ob es noch eine gewisse Fairness der Zivilisation gäbe, als ob das bei uns nicht möglich wäre, ist man ganz weit weg davon. Die anderen sind Diktaturen, aber wir selber sind eine Demokratie. Aber trotzdem lassen wir das alles zu. Und das ist, glaube ich, das, was mich immer wieder aufs Neue fasziniert", erzählt Olga Grjasnowa.

Ihr neuer Roman endet damit, dass ihr Held in den Kaukasus zurück geholt wird. Seine Mutter ist gestorben, er selbst wird nie wieder ankommen und zerbricht, weil es sowohl seinem Vater als auch dem Zaren nur um die Macht und nicht den Meschen geht. Wie präzise und konsequent Olga Grjasnowa diese Geschichte erzählt ist beeindruckend. "Der verlorene Sohn" – ein großartiger Roman – fesselnd und voller Weisheit.

Autorin: Julia Riedhammer

Stand: 24.08.2020 08:36 Uhr

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Rundfunk Berlin-Brandenburg
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