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Ein junger Mann flieht vor dem Krieg in Syrien und landet in der umkämpften Ostukraine

Der Film "This Rain Will Never Stop"

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Der Film "This Rain Will Never Stop" | Video verfügbar bis 13.03.2023 | Bild: Alina Gorlova

Die Region Donbass in der Ost-Ukraine, vor dem russischen Angriffskrieg. Schauplatz des Dokumentarfilms "This Rain Will Never Stop". Es ist ein Film über den Krieg. Der in den östlichen Gebieten schon seit 2014 allgegenwärtig ist. Der Film – bereits jetzt ein historisches Dokument.

Gedreht hat ihn die Regisseurin Alina Gorlova. Wir erreichen sie in Kiew – der schwer umkämpften Hauptstadt: "Mein Film ist gerade fertig – und schon jetzt bin ich nicht mehr dieselbe, die diesen Film gemacht hat. Alles ist anders. Die Welt von damals gibt es nicht mehr." Irgendwo in dieser Stadt, vor der russische Panzer stehen, engagiert auch sie sich im Freiwilligendienst. Wo genau sich das Hilfszentrum befindet, darf sie aus Sicherheitsgründen nicht sagen. "Ich bin in meinem Auto vor … das kann ich nicht sagen. Wir leisten von hier aus humanitäre Hilfe, versorgen die Zivilbevölkerung und auch die Armee so gut es geht. Wir versuchen uns irgendwie selbst zu organisieren, denn die Lage ist echt hart", sagt Alina Gorlova.

Vom Krieg in den Krieg

2018 filmt sie an einem Checkpoint zwischen dem ukrainisch kontrollierten und dem Separatistengebiet. Entlang der Konfliktlinie im Osten spitzt sich die Situation schon damals zu. Hier lernt sie Andriy Suleyman kennen. Er arbeitet beim Roten Kreuz. Der 20-jährige floh vor dem Krieg in seiner Heimat Syrien in die Heimat seiner Mutter, die Ostukraine – wo ihn der Krieg wieder einholt.

Filmszene aus "This Rain Will Never Stop":

Der IS ist nicht in diesem Bereich?
- Nein, nicht dort, wo meine Familie lebt.

Warten Sie, ist es im Norden? Sind sie Kurden?
- Ja, ja.

Das ist also die Opposition? Richtig?
- Das hängt von Ihrer Perspektive ab.

Nun, für die syrische Regierung.
- Jeder kämpft für sich.

Ich sage ja nur, Kurden leben in der Türkei, im Irak und in Syrien.Und Sie stören all diese Länder.

"Der Film hat sich letztlich selbst erzählt", sagt Gorlova. "Wir folgten nur den realen Geschehnissen. Und haben gemerkt: da steckt etwas Größeres dahinter." Andriys Geschichte weist weit über ihn selbst hinaus. Der Film schafft ein universelles Nachdenken über Krieg an sich.
Paraden des ukrainischen Militärs: Faszination und Befremden zugleich. Diese Szene, sagt Gorlova, bekomme heute eine ganz andere Bedeutung. "Vor dem Angriffskrieg haben viele Leute, vor allem im Ausland gesagt: Das ist ja Militarisierung. Aber jetzt sehen wir, dass es genau diese Soldaten sind, die uns vor der verrückten russischen Armee beschützen."

Die bewusste Entscheidung, zu bleiben

Beide Heimatländer von Andriys Familie sind vom Krieg gefangen. Der Vater telefoniert oft mit der Familie, die heute über viele Länder verstreut ist. Andriys Eltern entscheiden sich 2014, trotz des neuen Konflikts, zu bleiben. Auch Andriy. Flüchten oder nicht? Was das bedeutet, ist schwer in Worte zu fassen.

Filmszene aus "This Rain Will Never Stop":

Du könntest nach Deutschland gehen, um die Ausbildung abzuschließen. Oder?
- Das stimmt.

Deine Onkel wollten ihre Kinder nach Europa schicken. Du wolltest dort hin.
- Ja, das ist wahr.

Wenn man Alina Gorlova heute danach fragt, warum Andriy damals blieb, ist die Antwort eindeutig. "Ich denke, ihm geht’s genau wie mir", sagt sie. "Ich möchte mein Land nicht verlassen. Ich möchte nicht in Polen oder Deutschland leben. Ich liebe diese Länder, die Menschen dort. Aber wir haben unsere eigene Heimat. Wir haben unser eigenes Land. Wir wollen nicht weg. Die ukrainischen Geflüchteten, die das Land gerade verlassen – das ist nicht ihre Wahl! Ich glaube, Andriy hat sich entschieden zu bleiben, weil er hier wusste, was er machen soll. Wo er arbeiten soll. Dass er Freunde hat."

Warum der Wille zu kämpfen?

Andriy, erzählt sie noch, ist ok. Er sei im Donbass, aber in einer anderen Stadt. Seine Nachrichten seien kurz.  Damals, in der "alten Welt", war sie dabei, als er seinen Onkel in einem irakischen Flüchtlingscamp besucht. Sie wolle, dass die Zuschauer im Film erleben, wie Krieg nachwirkt, die Psyche gefangen hält. Und wie Krieg und Frieden sich abwechseln.

"Mir war es einfach wichtig zu erzählen, dass es ein Kreislauf ist", sagt die Filmamacherin. "Und den durchlaufen wir von Beginn an in unserer Geschichte, seit der Antike. Und konnten ihn bis heute nicht durchbrechen. Immer wieder startet die Menschheit Krieg. Das bedeutet womöglich, dass es etwas ist, das wir in uns tragen."

Warum Krieg, wenn unsere Sehnsucht der Frieden ist? Warum der Wille zu kämpfen? Für ein Land, für die Liebe? Das sind die Fragen des Films und es sind die Gedanken, die Gorlova jetzt nachts umtreiben. Für Antworten sei jedoch gerade nicht die Zeit, sagt sie: "Wir, meine Freunde und ich, haben beschlossen, bis zum Ende zu bleiben. Und ich hoffe, dass wir – das ist wirklich meine große Hoffnung – dass wir unsere Gebiete zurückerobern können. Das ist unser großer Traum. Ich danke Euch sehr. Alles wird gut."

Beitrag: Katja Deiß

"This Rain Will Never Stop", Regie: Alina Gorlova, Erstveröffentlichung 2020
Deutscher Kinostart: 24. März 2022

Stand: 13.03.2022 20:00 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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