SENDETERMIN So., 13.03.22 | 23:25 Uhr | Das Erste

Auch nur eine Droge!

Michael Pollan über Kaffee und andere psychoaktive Pflanzen

PlayVolksdroge Kaffee
Kaffee und andere psychoaktive Pflanzen | Video verfügbar bis 13.03.2023 | Bild: HR

Die Welt, dieser schwierige Ort. Das Leben, oft kaum zu begreifen. Das normale Bewusstsein: manchmal eine Zumutung.

In allen Kulturen gibt es das Bedürfnis, dieses Bewusstsein zu sprengen. Das Denken zu erweitern. Oder die Wahrnehmung zu schärfen. Dabei helfen uns bewusstseinsverändernde Pflanzen. „Von Zeit zu Zeit trifft ein psychoaktives Pflanzenmolekül auf ein Gehirn und dabei entsteht etwas Frisches und Wundervolles“, sagt der Schriftsteller Michael Pollan. „Das kann entweder eine wissenschaftliche Erfindung sein, eine Erkenntnis – oder eine literarische Metapher. Etwas, das den Lauf der kulturellen Evolution verändert.“

Upper, Downer und Outer

Michael Pollan ist Wissenschaftsjournalist und Professor an der Berkeley-Universität. Er hat bahnbrechende Bücher über Botanik, gutes Essen und LSD geschrieben. Zuhause an der San Francisco Bay begleitet er in Berkeley die neueste Medizin-Forschung zu Psychedelika. Jetzt beleuchtet er diese drei Substanzen kritisch: Kaffee, Mohn und Kaktus. Aufputschen, vom Schmerz befreien, das Bewusstsein schärfen!

„Die drei Pflanzen, auf die ich hier schaue“, erzählt Pollan, „gehören zu verschiedenen Kategorien psychoaktiver Pflanzen. Opium ist ein Beruhigungsmittel, ein ‚Downer‘. Koffein ist stimulierend, ein ‚Upper‘. Und Meskalin aus dem Peyote-Kaktus nenne ich einen ‚Outer‘, ein Halluzinogen. Sie alle erzählen eine andere Geschichte.“

Koffein: Treiber zivilisatorischen Fortschritts

„Clean“ sind wir fast nie. 90 Prozent der Menschheit genießt Koffein, unsere tägliche Droge. Auch in Tee und Softdrinks steckt es. Pollan hat drei Monate für dieses Buch darauf verzichtet – und weiß, warum er gerne rückfällig geworden ist: „Auf geistiger Ebene erlaubt es uns, fokussierter zu werden. Dieses ‚egoistische Bewusstsein‘ zu erreichen. Menschen erledigen ihre Aufgaben leichter, Koffein verbessert das Gedächtnis, die Ausdauer, das alles ist nachgewiesen. Außerdem erlaubt Koffein uns, dass wir uns von dem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus zu befreien.“

Der Kaffee kam und die Moderne begann. Erst seit dem 17. Jahrhundert in Europa lichtete sich mit ihm der Alkoholschleier über dem Kontinent, befeuerte Koffein die Industrielle Revolution. Regelmäßige Nachtschichten wurden möglich, Dauerproduktion, das sichere Bedienen von Maschinen. Koffein hilft dem Kapital. Deshalb förderten auch die Arbeitgeber es und führten die Kaffeepause ein. Das Zeitalter der Vernunft, die Industrialisierung und das Digitalzeitalter – mit Kaffee kickt alles erst so richtig.

„Man kann mit Sicherheit sagen“, so Pollan, „dass Kaffee diese Veränderungen befördert hat. Es ist sehr interessant, sich mal die Denker der Aufklärung anzuschauen. Die waren echte Kaffee-Bestien. Voltaire trank 72 Tassen pro Tag und hat ja auch einiges erledigt bekommen. Balzac – berühmt für exzessiven Kaffee-Konsum – hielt es für unmöglich, ohne Kaffee zu schreiben. Er war so abhängig, dass er das Wasser im Kaffee für überflüssig hielt. Zum Schluss aß er nur noch den Kaffeesatz.“

Abhängigkeit auf Rezept

Wir sind leidenschaftlich abhängig von Koffein, aber der psychoaktive Stoff wird nicht als „Droge“ bewertet, weil er unserer Gesellschaftsform dient, sagt Pollan. Deshalb ist er legal. Andere Pflanzen werden als Bedrohung gesehen, deswegen sind sie illegal. So zum Beispiel Schlafmohn, Opium, jahrtausendelang als Arznei genutzt und gepriesen. In Form von Heroin aber extrem zerstörerisch. Drogenmissbrauch ist ganz real, und der Schutz davor sehr wichtig, so Pollan. Doch: während Fahnder weltweit den Mohnanbau kriminalisieren, hat eine der größten Drogenkrisen in den USA ganz legal stattgefunden.

„OxyContin“, ein Opioid. Jahrzehntelang von der Pharmaindustrie als harmloses Schmerzmittel vermarktet: Abhängigkeit auf Rezept. Ein Milliardengeschäft. Über 100.000 Tote US-Amerikaner pro Jahr. „Die Regierung hat genau in die falsche Richtung geschaut“, sagt Michael Pollan. „Sie hätten den Konzern Purdue Pharma ins Visier nehmen müssen, der die Vorteile des Präparats überbewertet und die Risiken heruntergespielt hat. Begleitet von einer großen Werbekampagne. So wurden zig Tausende Amerikaner in die Abhängigkeit getrieben.

Nicht die illegale Drogenwelt hat die größte Gesundheitskrise in den USA ausgelöst, sondern die ganz legale Pharmaindustrie!“ Unser Umgang mit Drogen ist unehrlich. Dabei gehören sie zum Menschsein dazu.

Halluzinogene zur Heilung kollektiver Traumata

Meskalin zum Beispiel, die am längsten genutzte psychoaktive Substanz in Texas und Mexiko, seit über 6000 Jahren! Gewonnen aus dem Peyote-Kaktus. Streng verboten. Pollan hat es zu Recherchezwecken probiert. Er sagt: „Meskalin öffnet die Tore der Wahrnehmung, wie Aldous Huxley es formulierte. Durch Meskalin strömt so viel mehr Information auf dich ein – so viel Farbe, Stofflichkeit, Licht. Dann wird dir bewusst: sonst nimmst du nur einen Bruchteil der Welt wahr!“

Peyote ist selten und indigenen Amerikanern heilig. Nur Native Americans ist das Halluzinogen erlaubt. Pollan hat an einer Zeremonie teilgenommen und erlebt: es wird überwacht und klar dosiert eingesetzt: zur Heilung kollektiver Traumata, ausgelöst durch Vertreibung und Völkermord. „Halluzinogene sind nach westlicher Auffassung nur zerstörerisch. Tatsächlich sind sie immer wichtig gewesen für das Überleben der indigenen Kultur und den Zusammenhalt der Community.“

Naturgeschichte der menschlichen Vorstellungskraft

Pollan will mit seiner Arbeit dazu beitragen, dass psychoaktive Substanzen gesellschaftlich neu bewertet werden. Manches, was wir für harmlos halten, kann gefährlich sein. Anderes kann – im kontrollierten Rahmen und richtig dosiert – ein „Segen“ sein, schreibt Pollan.

Ein stolperndes Gehirn, ein leuchtendes Gefühl – oder die klärende Kraft von Koffein – haben unsere Kultur geprägt: „Es gibt eine Naturgeschichte der menschlichen Vorstellungskraft, und die wurde in Schlüsselmomenten von der Pflanzenchemie geschrieben.“ Wie tief wir mit dieser Natur verwoben sind, und wie sie unsere Kultur geprägt hat – nicht weniger erforscht dieses Buch. Ein guter Trip.

Beitrag: Brigitte Kleine

Michael Pollan "Kaffee Mohn Kaktus: Eine Kulturgeschichte psychoaktiver Pflanzen"
432 Seiten, 28 Euro
Verlag Antje Kunstmann, 5. April 2022

Stand: 13.03.2022 20:00 Uhr

5 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@ard.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 13.03.22 | 23:25 Uhr
Das Erste

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste