SENDETERMIN So., 13.03.22 | 23:25 Uhr | Das Erste

Die ganze Welt in einem Clip

Die Ausstellung "The World of Music Video" in der Völklinger Hütte

PlayBillie Eilish in ihrem Video zu "Bad Guy"
Die Ausstellung "The World of Music Video" | Video verfügbar bis 13.03.2023 | Bild: Billie Eilish / UMG

Beyoncé und Jay-Z – Ikonen der Schwarzen Popkultur – reihen sich eben mal selbst ein, in die doch sehr weiße Ikonografie des Louvre. Heavy Baile aus Brasilien tanzt durch die europäische Kunstgeschichte. Der Rapper Lil Nas X treibt so einiges mit queeren Fabelwesen. Und: Billie Eilish Unfug mit Männerklischees.  

Ein immer noch unterschätztes Genre

"The World of Music Video" heißt die neue Ausstellung in der Völklinger Hütte. Irgendwo zwischen Kunst, Werbung, Mode und Film sind Musikvideos immer schon Zeichen ihrer Zeit, sagt Kurator Ralf Beil: "Es ist ein Genre, das immer noch manchmal ein bisschen unterbewertet ist, das ein bisschen abgetan wird. Man kann so ein Filmchen auf YouTube gucken. Und hier geht es wirklich darum, das Genre als Kunst- und Kulturform par excellence wahrzunehmen und auch als Gesamtkunstwerk zu sehen."

Wie beim Gesamtkunstwerk Billie Eilish. Die auf überholten Geschlechterrollen rumreitet. Für Sonja Eismann vom feministischen Missy-Magazin ein sehr zeitgenössisches Spiel: "Einerseits macht sie sich dieses Mackergehabe, was es heute ja immer noch gibt, ironisch zu eigen, indem sie mit viel Tamtam auftritt – und gleich mal mit dem Stiefel durch die Leinwand tritt. Und andererseits macht sie sich aber auch genau darüber lustig, dass es eben heute immer noch dieses Bedürfnis gibt, so aufzutreten."

"Ganz starke Bilder – aber auch wirklich von Kunst imprägniert", so Kurator Ralf Beil. "Maurizio Cattelan ist da zu nennen. Und das ist in ganz vielen Fällen so. Wir haben Hieronymus Bosch, Erwin Wurm – also ganz viele Namen der Kunstgeschichte, die wirklich sehr bedeutsam sind. Die dann einverleibt werden von den Musikern und Regisseuren und dann gleichzeitig auch etwas ganz starkes Neues ergeben."

Popgeschichte im Weltkulturerbe

Etwas ganz Neues ergibt sich aber auch schon durch den bloßen Ort, den Kontext der Ausstellung. Die Völklinger Hütte: Weltkulturerbe, das einzige vollständig erhaltene Eisenwerk verschmilzt Vergangenheit und Gegenwart. Die Blütezeit der Industrialisierung mit dem heutigen Spätkapitalismus, den die Videos auch abbilden, und die Fragen, die gesellschaftlich gerade verhandelt werden.

Sonja Eismann: "Ich liebe es, wenn Menschen über Beyoncé-Videos diskutieren und sich fragen, in wie weit wird da jetzt auf die Black Lives Matter-Bewegung angespielt, wie weit geht es um Yoruba Mystik, inwieweit bezieht sie sich auf ihre Ahninnen und Ahnen, in wieweit ist das Cultural Appropriation, was bedeutet "Black Capitalism" in dem Zusammenhang. Das sind Fragen, die ich auf einer politischen, soziologischen Ebene höchst spannend finde, über die man aber oft nicht mit so vielen Leuten reden kann."

Musikvideos: Konzentrierte Gegenwart

Lil Nas X, der Rapper aus dem christlich-republikanisch geprägten Süden der USA, dreht in seinem Video den Hip-Hop auf pink. Und bricht mit einem Rap-Tabu: Homosexualität. "Ich freue mich jedes Mal, wenn ein männlicher Hip-Hopper in einem Glitzerfummel auftritt oder im kurzen Rock", sagt Eismann, "weil das ja auch sehr viele Vorurteile, die es gegenüber HipHop als inhärent machistisch gibt, einfach widerlegt. Das ist ein Feuerwerk an Zeichen, das einfach Spaß macht, und – das darf man nicht vergessen – für die Leute, die das vielleicht im stillen Kämmerlein von einem abgeschiedenen Ort aus betrachten, auch wirklich lebensrettend sein kann."

Über 80 Videos aus 30 Ländern zeigen völlig unterschiedliche Entwürfe von Identitäten und Sexualitäten. Aber man darf sich nicht täuschen lassen von der Diversität in den Videos, sagt Sonja Eismann: "Wir achten jetzt ganz genau darauf, wie Musiker und Musikerinnnen vor der Kamera und in Texten dargestellt werden, aber die wenigsten Leute wissen, wer Videos produziert und wie es überhaupt dazu kommt und wer sich in dem Business durchsetzt und wer die Budgets kriegt, die ja in den letzten Jahren auch immer umkämpfter wurden. Man gibt ja nicht mehr so viel Geld aus wie damals in den 80er und 90ern für ein Madonna oder Michael-Jackson Video. Und das ist alles etwas, das viel zu oft unter dem Radar fliegt."

Pop, der die Welt verhandelt. Konzentrierte Gegenwart.

Beitrag: Sarah Plass

Ausstellung "The World of Music Video"
Weltkulturerbe Völklinger Hütte
Bis 16.10.2022

Stand: 13.03.2022 20:00 Uhr

4 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@ard.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 13.03.22 | 23:25 Uhr
Das Erste

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste