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Apokalypse oder Himmelreich?

Was passiert wirklich, wenn sich der Bitcoin durchsetzt?

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Was passiert wirklich, wenn sich der Bitcoin durchsetzt? | Video verfügbar bis 19.09.2022 | Bild: Warner

Es beginnt als fantastisches, funkelndes Versprechen: Bitcoin. Ein digitales Zahlungsmittel, das allen zur Verfügung steht. Das dazu beiträgt, dass die Mächtigen entmachtet werden: Banken, Finanzinstitute, Tech-Giganten, Amazon, Google, sogar autoritäre Staaten. Das sehr schnell sehr reich machen kann.

"Wenn wir uns überlegen wie das Internet die Welt verändert hat: Wie sah die Welt noch vor 20 Jahren aus? Wie sieht sie heute aus? Dann ist es, glaube ich, nur ein blasser Schimmer dessen, was die Blockchain-Technologie und der Bitcoin an Veränderungen mit sich bringen werden." Das sagt Ijoma Mangold, kulturpolitischer Korrespondent bei "Die Zeit".

Das Zauberwort: Dezentralisierung

Die Blockchain ist die bahnbrechende Technologie, die Bitcoin zugrunde liegt. Sie macht Bitcoin zur transparenten Währung. Alle Transaktionen werden sofort im globalen Netzwerk abgelegt – als eine für immer unveränderliche "Kette von Blöcken". Jeder neue Block kontrolliert den vorherigen. Diese "Blockchain" garantiert, dass jeder Bitcoin einzigartig ist – nicht kopiert, manipuliert werden kann. Es braucht dafür keine zentralen Stellen wie Banken mehr.

Mangold: "Es ist ein Prozess, der etwas mit einer grundsätzlichen Verschiebung der Machtstrukturen zu tun hat. Unser ganzes Finanzsystem, unser Banken- und Finanzsystem so wie wir es kennen, ist deswegen so stark und so mächtig und so einflussreich, weil wir es bisher gebraucht haben, um solche Zahlungsverkehre abzuwickeln. Durch die Blockchain-Technologie sind die in gewisser Weise obsolet geworden."

Dezentralisierung ist das Zauberwort. Keine Finanzinstitute mehr, keine zentralisierten Marktplätze wie Amazon, aber auch keine Zentralbanken, keine Staaten, die diese neue Währung kontrollieren können. Niemand reguliert, niemand verdient mit.

Quasireligiöse Verehrung des Bitcoin-Erfinders

Die Geschichte von Bitcoin beginnt 2009. Die Idee ist so einzigartig und unglaublich, dass die Unterstützer mit quasi-religiöser Euphorie darauf reagieren. Als Schöpfer dieser Kryptowährung wird das Phantom Satoshi Nakamoto genannt. Niemand weiß, wer er oder sie ist.

Tom Hillenbrand ist der Autor des Buchs "Montecrypto". Er sagt: "Die Heiligen dieser Krypto-Bewegung wie Satoshi Nakamoto, der unbekannte Bitcoin-Erfinder, wird auch häufig tatsächlich abgebildet wie ein Heiliger. Mit Heiligenschein und mit einem Lamborghini, der über der Hand schwebt und solche Sachen. Das ist natürlich immer ironisch, aber gleichzeitig finde ich, kann man da schon rauslesen, wie stark die Überzeugung ist, dass man damit nicht nur reich wird, sondern dass es die Welt besser macht."  In Budapest haben die Bitcoin-Jünger jetzt eine Statue des Gründers enthüllt

"Zum Beispiel gibt es da diese Formulierung von der unbefleckten Empfängnis des Bitcoins", erzählt Ijoma Mangold, "weil der Gründer Satoshi Nakamoto vermutlich die ersten 900.000 Bitcoins selbst gemined hat. Und wir wissen bis heute nicht, wer er ist. Wir wissen nicht, ob er oder dieses Kollektiv noch lebt. Aber er hat jedenfalls – und das ist das Einzige, was wir wissen – er hat von diesen 900.000 Bitcoins, die ihn zu einem der reichsten Menschen der Welt machen würden, bis heute, also auch zehn Jahre später, nicht einen verschoben. Und dass der Bitcoin in diesem Sinne mit einer solchen Reinheit zur Welt gekommen ist, das hat etwas Schönes. Und da kann man manchmal fast religiöse Gefühle haben, wenn man das sieht. Aber das ist nicht gut. Das sollte man nicht, in der Tat."

Bringt der Bitcoin eine gerechtere Welt?

Es wird nie mehr als 21 Millionen Bitcoins geben. Für Ijoma Mangold macht auch das seine Schönheit aus. Aber: Bitcoin ist in diesem Sinne eine deflationäre Währung. Und das birgt eine Gefahr.

Jon Danielsson, Direktor des "Systemic Risk Centre” an der London School of Economics sagt: "Ich will nicht, dass der Bitcoin erfolgreich ist. Es ist wichtig, dass wir die Menge des Geldes in der Wirtschaft kontrollieren, so dass die Herstellung von Geld der ökonomischen Aktivität entspricht. Manchmal brauchen wir mehr Geld. Manchmal brauchen wir weniger Geld. Auf diese Weise schaffen wir stabile Preise. Mit Bitcoin hätten wir eine Deflation, bei der die Preise kontinuierlich fallen würden. Und wir wissen aus der Vergangenheit, dass anhaltende Deflation soziale Unruhen verursacht. Das hilft den Reichen und schadet den Armen und denjenigen, die arbeiten."

Superreiche können sich von den so begrenzten Bitcoins sehr schnell sehr viele sichern, kritisiert der Ökonom Jon Danielsson. Die Kursentwicklung macht sie rasant reicher. Das sei Unsinn, sagen Bitcoin Befürworter. Bitcoin sorge dafür, dass gerade die Ärmsten der Welt leichter zu mehr Geld kommen. Wer in Europa arbeitet und an seine Familie in Afrika Geld überweisen will, muss es nicht mehr über teure Dienstleister verschicken, die hohe Gebühren verlangen.

In El Salvador ist der Bitcoin bereits gesetzliches Zahlungsmittel, gleichwertig zum US-Dollar. "Am Finanzsystem teilzunehmen ist im Wesentlichen ein Privileg wie man heutzutage zu sagen pflegt, des globalen Nordens", sagt Ijoma Mangold. "Zwei Milliarden Menschen auf dieser Erde verfügen über kein Bankkonto. Und wenn sie über kein Bankkonto verfügen, sind sie auch nicht Teilhaber der Weltwirtschaft als solcher. Hingegen brauchen sie nur ein altes Nokia – das ist immer der Vergleich, der dann herangezogen wird – sie brauchen nur so ein altes Nokia-Handy. Das reicht aus, um ihre Bitcoins verschieben zu können."

Die "Bitcoin-Aristokraten"

Wir erleben gerade schon, dass Bitcoin ein Spielzeug der Superreichen ist. Elon Musk verkündete erst, dass man seine Teslas mit Bitcoin zahlen könne, um das wieder zu dementieren. Sein Hin und Her auf Twitter jagte den Kurs des Bitcoin rauf und runter.

Hinter Bitcoin stehe kein realer Gegenwert, sagen die Kritiker. Die Bitcoin-Großbesitzer seien asoziale Tunichtgute. Jon Danielsson sagt: "Diese Leute, die Bitcoin investieren, diese Multi-Milliardäre und Trillionäre werden schließlich das ganze Geld besitzen. Sie sind die Aristokraten des 21. Jahrhunderts. Diese Leute werden nahezu alles besitzen und sie werden damit machen können, was sie möchten. Ich nenne sie also die Bitcoin-Aristokraten. Sie haben nichts geleistet, außer sehr früh zu kaufen und zu spekulieren. Sie haben keinen Beitrag zur Gesellschaft in irgendeiner Form geleistet. Also genauso wie die Aristokraten in den alten Zeiten."

Eine hyperkapitalistische Dystopie?

Mit dem Bitcoin ist eine Ideologie verbunden – derer, die sich weniger Staat wünschen: Libertäre, meist weiß, vermögend. Eine hyperkapitalistische Dystopie.  

"Es ist gefährlich", sagt Tom Hillenbrand. "Wenn wir es laufen lassen und nicht regulieren, dann kann es einen Point of no Return geben, wo es einfach alle benutzen – ob der Staat es will oder nicht. Und das ist gefährlich. Weil es dem Staat potenziell fast alle seine Handlungsmöglichkeiten nimmt. Wenn ein Staat keine Steuern erheben kann, dann gibt es keine Schulen mehr, keine Straßen, keine Armee. Das ist dann alles hinfällig. Also ein Staat, der keine Einnahmen mehr erheben kann: Das ist dann das Ende des Staates."

Jon Danielsson:"Wenn sich Bitcoin schließlich durchsetzt, würde eine Handvoll Menschen das ganze Geld besitzen. Wir würden Ungerechtigkeit in einem Ausmaß sehen wie nie zuvor. Es wäre eine furchtbare Welt, in der wir dann leben würden, weil die extrem reichen Bitcoin-Aristokraten die gesamte Gesellschaft kontrollieren würden. Und das wäre keine Welt, in der ich leben wollte."

Bitcoin als Idee hat große utopische Kraft. In El Salvador brennen die ersten Bitcoin-Automaten. 

Beitrag: Andreas Krieger

Stand: 19.09.2021 23:05 Uhr

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