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"Trauer ist das Glück geliebt zu haben"

Star-Autorin Chimamanda Ngozi Adichie schreibt über den Tod

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Chimamanda Ngozi Adichie schreibt über die Trauer | Video verfügbar bis 19.09.2022 | Bild: hr

Diese Frau kickt das Patriarchat, von Lagos aus. Chimamanda Ngozi Adichie.

"Frauen kennen es, sich schuldig zu fühlen, wenn sie etwas für sich selbst wollen. Weil sie so sozialisiert sind, nichts für sich selbst zu wollen."

Eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Afrikas und: Feminismus-Superstar. "Die Männer müssen mitmachen", sagt sie. "Ein System, das so männlich dominiert, so Männer-bezogen und einfach insgesamt so männlich ist, können wir nicht ohne die Männer ändern."

Adichies Feminismus soll Spaß machen

"Ich habe einen Messias-Komplex, ich möchte die Welt retten. Ich weiß, wie lächerlich das klingt, aber es stimmt." "We should all be feminists!" – "Wir sollten alle Feministen sein!", sagte sie 2012 in ihrer berühmtesten Rede. Gesampled in einem Beyoncé-Hit geht ihre Definition von Gleichberechtigung um die Welt – seitdem ist Adichie: Pop.

Adichies Feminismus ist undogmatisch und soll durchaus Spaß machen.  Beim TED-Talk sagte sie: "Da Feminismus als unafrikanisch galt, beschloss ich, mich fortan ‚eine glückliche afrikanische Feministin‘ zu nennen. Ich war also eine glückliche afrikanische Feministin, die Männer nicht hasst und Lippenstift und High-Heels für sich selbst trägt. Das war natürlich Spaß, aber das Wort Feministin hat so viel negativen Ballast: ‚Du hasst Männer, du hasst BHs, du hasst die afrikanische Kultur‘ und so weiter."

Ein Popstar wollte sie eigentlich nicht sein, sagt sie – aber der Kampf für die echte, fundamentale Gleichberechtigung aller Geschlechter darf auch Glam haben. Wie sexistisch und rassistisch unsere Welt noch immer ist – es ist das Thema nahezu all ihrer Bücher.

Chimamanda Ngozi Adichie trifft Angela Merkel

Vor kurzem hat ihre Bekanntheit sie auch nach Deutschland gebracht. Anfang September kam es zu einer Begegnung, die sie sich sehr gewünscht hat: Bundeskanzlerin Angela Merkel, inmitten des Wahlkampfes, trifft Chimamanda Adichie. Zwei sehr unterschiedliche Frauen – im sehr persönlichen Gespräch.

"Ich fand es wirklich mutig von ihr, dass sie bereit war, ihr gewohntes Terrain zu verlassen und aus ihrer Komfortzone herauszukommen", sagt Adichie.

»Chimamanda Adichie Ngozi Adichie: "Wann war es besonders hart? In all den Jahren, wann hat sich die Verantwortung am schwersten angefühlt?"

Angela Merkel: "Am schwersten war es in der Euro-Krise. Und dann wurde ja mein Bild auch in den verschiedensten Facetten als die böse Frau dargestellt. Das war schwer."

Angela Merkel, die sich bisher nicht zur Feministin erklären wollte, wird an diesem Abend doch einige überraschen.

Angela Merkel: "Im Kern geht es doch darum, dass Männer und Frauen gleich sind im Sinne der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, am gesamten Leben. Und in diesem Sinne kann ich heute bejahend sagen: Dann bin ich Feministin."«

"Ich war natürlich sehr glücklich das zu hören", sagt Adichie. "Denn als ich anfing, über Feminismus zu sprechen, wollte ich genau das erreichen: Lasst uns das Wort zurückerobern. Und ja natürlich: Sie ist eine Feministin. Sie ist es einfach, oder?"

Ein Buch über die Trauer

Aber Chimamanda Adichie hat gerade noch einen anderen Kampf auszufechten – einen sehr persönlichen. Im vergangenen Jahr hat sie beide Eltern verloren. Das Treffen mit Angela Merkel ist ihr erster großer Auftritt seitdem: "Ich erinnere mich, dass ich dachte, wenn Daddy hier wäre oder nur eine SMS aus Nigeria geschickt hätte, es hätte mir Kraft gegeben. Es hat mir immer Kraft gegeben. Irgendwann auf der Bühne dachte ich: ‚Mein Gott, reiß dich zusammen. Weine nicht. Reiß dich zusammen!‘ Manchmal war ich wirklich sehr emotional."

"Trauer ist das Glück geliebt zu haben": Ihr neues Buch ist eine Liebeserklärung und der Versuch, der Endgültigkeit des Todes etwas entgegenzusetzen. Sie erzählt vom ersten Statistik-Professor Nigerias, dessen Bücher im Krieg verbrannt wurden und dessen häufigster Satz dennoch war: "Mir geht es gut, ich habe keine Probleme."

Chimamanda Adichie: "Ich wache plötzlich morgens auf und schaue mir ein Bild von mir mit meinen Eltern an und wir lachen darauf. Es war, als das Leben noch normal war. Im nächsten Moment zieht sich mein Magen zusammen und schmerzt. Und du erinnerst dich wieder, dass Trauer körperlich ist, es ist ein Schmerz des Körpers."

Der Glaube daran, das seine gerechtere Welt möglich ist

"Mein Vater ist der Grund, warum ich keine Angst davor habe, was Männer denken. Ich habe keine Angst vor der Missbilligung von Männern, hatte ich nie. Und ich glaube, es liegt an meinem Vater. Er hat mir erlaubt, anderer Meinung zu sein, ich denke, das ist wirklich wichtig. Und er hat mir zugehört."

Ihrem Vater hat sie zu verdanken, dass sie zu der Frau wurde, die sie heute ist, sagt Chimamanda Ngozi Adichie. Er gab ihr mit, was für sie unerschütterlich ist: den Glauben daran, dass eine gerechtere Welt für alle möglich ist. Und: das Patriarchat kicken, das sollten eben auch die Männer.

Beitrag: Katja Deiß

Chimamanda Ngozi Adichie "Trauer ist das Glück, geliebt zu haben"
80 Seiten, 16 Euro
S. Fischer, September 2021

Stand: 19.09.2021 23:05 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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