SENDETERMIN So., 19.09.21 | 23:05 Uhr | Das Erste

Sex mit Autos, verletzte Körper und kaputte Väter

Der sensationelle Cannes-Preisträgerfilm "Titane" kommt jetzt in die Kinos

PlayTitane
Sex mit Autos und kaputte Väter: der Film "Titane" | Video verfügbar bis 19.09.2022 | Bild: Titane Diaphana

Alexia steht auf Autos. Ja, sie steht so richtig auf Autos. Hat Sex mit ihnen. Was für ein Trip!

"Titane" von Julia Ducournau wurde diesen Sommer in Cannes mit der "Goldenen Palme" ausgezeichnet. Nicht nur sie konnte es kaum glauben, denn es ist ein brutaler Film, der Grenzen sprengt: von Identität, Geschlechtern, Körpern und Sexualität.

Bei der Preisverleihung sagte Julia Ducournau: "Ich danke der Jury, dass sie mit diesem Preis anerkennt, dass die Welt mehr Diversität braucht. Und danke, dass ihr die Monster zulasst."

Ebenso unglaublich: Das wichtigste Filmfestival der Welt gibt es schon seit 74 Jahren – und Ducournau ist erst die zweite Frau, die es gewonnen hat. "Ich bin die Zweite! Auf der Bühne spürte ich eine unglaubliche Energie für die Zukunft. Ich fragte mich, wer wird die dritte Frau sein, wer die vierte, die fünfte? Wie werden sie sich fühlen? Und wie wird sich die Filmlandschaft dadurch verändern?"

"Ihr ungezügelter Todestrieb und ihr Verlangen brechen aus ihr heraus"

Alexia versucht es auch mit menschlichen Liebhabern. Doch jeder, der ihr zu nah kommt, muss sterben. "Die Idee ist, dass Alexia einen Background hat, in dem sie nie gesehen wurde", sagt Julia Ducournau. "Ihr Vater sieht sie im Film immer nur indirekt an. Und das ist wahrscheinlich der Grund, dass ihr jegliche Konturen fehlen. Mit fehlenden Konturen meine ich, dass ihr Todestrieb und ihr Verlangen völlig ungezügelt aus ihr herausbrechen: als Gewalt. Als Kind sehnte sie sich nach einem Blick, der aber nie kam. Und das ist für mich der gewalttätigste Moment des Films: dass der Vater seine Tochter niemals ansieht."

Ein Unfall – und Alexia bekommt die titelgebende Titanplatte implantiert. "Es geht nicht einfach um den Autounfall", so Ducournau. "Es geht um eine Übertragung, die sie macht. Als der Unfall passiert, ist es das Auto, das auf sie reagiert, nicht der Vater. Es geht darum, zu zeigen, dass sie bei dem Auto eine stärkere Verbindung fühlt. Ihr Vater lehnt sie ab. Bei ihm ist nichts zu holen. Keine Liebe. Nichts. Und es ist traurig, dass sie glaubt, bei einem Auto, in dem sie einen Unfall hatte, sei mehr Liebe zu finden als bei ihrem Vater, mit dem sie den Unfall hatte."

Eine Verwandlung und ein neuer Vater

Schließlich wird Alexia von der Polizei gesucht und taucht unter. Sie nimmt die Identität eines schon lange vermissten Jungen an. Die Verwandlung gelingt, weil der Vater des Jungen sie bei sich auf aufnimmt: der Feuerwehrmann Vincent.

"Zu Beginn ist Vincents Charakter unglaublich düster", erzählt Ducournau. "Seine Fantasien sind unglaublich düster. Sie sind morbide, weil er durch Alexia versucht, die Toten zu erwecken. In Alexias Neurose bildet er einen Gegenpol zu ihrem biologischen Vater. Aber das bedeutet nicht, dass er zu Beginn besser ist."

Die Trivialität von Körper und Geschlecht

Vincents alternder Körper erfüllt nicht länger seine Vorstellungen von Männlichkeit. Steroide sollen helfen. "Ich wollte das Publikum dazu bringen, die Bedeutungslosigkeit von Geschlechtern für die eigene Identität anzuerkennen. Der Film zeigt letztlich zwei Menschen, die gegenseitig die Essenz des anderen akzeptieren, so wie es in der Liebe der Fall ist. Was zählt ist, dass der andere Mensch da ist, egal was er ist."

"Die Trivialität von Körpern ist etwas, das mich sehr bewegt. Denn das ist etwas, das wir als Spezies teilen. Genau wie die Unzufriedenheit mit unseren Körpern. Ich glaube, dass wir mehr sind als wir denken. In allem, was wir uns vorstellen können, auch bei den Geschlechtern. Wir können uns entwickeln und verändern. Das ist eine unglaublich optimistische Idee, dass wir Teil eines Kreislaufs sind und uns zu etwas Stärkerem entwickeln können, solange wir unsere Vorstellung von Perfektion aufgeben. Denn wir sind nicht perfekt."

Das ist das Sensationelle an "Titane": Dass er zeigt, wie sich verletzte Körper in ein Feld der Zärtlichkeit verwandeln.

Beitrag: Agata Pietrzik

"Titane", Frankreich/Belgien 2021, Regie: Julia Ducournau
Deutscher Kinostart: 7. Oktober 2021

Stand: 19.09.2021 23:05 Uhr

5 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

So., 19.09.21 | 23:05 Uhr
Das Erste

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste