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Einblick in die Seele des Bösen

Ein Roman erzählt die Flucht des KZ-Arztes Josef Mengele

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Einblick in die Seele des Bösen | Video verfügbar bis 02.09.2023 | Bild: picture alliance / abaca / Roses/ANDBZ/ABACA

Der französische Schriftsteller und Journalist Olivier Guez hat über Josef Mengele geschrieben: Es ist die Geschichte der Flucht einer der großen Schreckensgestalten des 20. Jahrhunderts, des "Todesengels von Auschwitz", der medizinische Versuche an Lagerinsassen, bevorzugt an Zwillingen, durchführte und 400 000 Menschen in die Gaskammern führte. Mengele war besessen davon, eine überlegene Rasse für das Deutsche Reich zu züchten. Sein wissenschaftlicher Ehrgeiz bedeutete für die Opfer ein qualvolles Todesurteil.

Ein Buch aus Mengeles Perspektive

Mengele wurde nie gefasst. Aber warum? Und wie konnte jemand mit dieser Schuld weiterleben? Das wollte der französische Schriftsteller Olivier Guez wissen und hat ein Buch über ihn geschrieben. Guez versetzt uns hinein in die Welt des Josef Mengele. Schreibt aus Mengeles Perspektive. 30 Jahre Flucht – und das ist das Spannende – erzählt als Roman.

"Ich hätte eine 600 Seiten-Biografie von Mengele schreiben können, niemand hätte das gelesen, oder vielleicht ein paar Historiker, ein paar Leute. Ich wollte auch, dass fast alle Leute diese Geschichte kennen können", sagt der Autor.

"Das Verschwinden des Josef Mengele" ist in Frankreich bereits ein Bestseller – und jetzt auf Deutsch erschienen.

"Er ist ein so kleiner Mensch, das war fast eine Überraschung"

Olivier Guez, Sohn eines aus Tunesien eingewanderten Arztes mit spanischen und italienischen Wurzeln und einer tschechisch-deutschen Mutter, ist in Straßburg aufgewachsen und hat sich viel mit der NS-Geschichte und der Aufarbeitung dieser Zeit beschäftigt. Für seinen Tatsachenroman recherchierte er akribisch, reiste, sammelte Fakten. Bekam so einen Einblick in die Seele eines Mannes, der promovierter Mediziner und gebildet war. Und dennoch ging er auf in dem inhumanen System, wurde willfähriger Mitarbeiter des Tötungsapparates.

"Er ist schwach, er ist ein so kleiner Mensch, das war fast eine Überraschung. Er ist der perfekte Beamte dieses Konzentrationslager-Systems. Und wenn das System verschwindet, ist er niemand", sagt Guez.

"Eine Mücke – ein Vollstrecker niederer Aufgaben"

Olivier Guez beginnt seinen Roman mit Mengeles Überfahrt 1949 nach Argentinien. Buenos Aires wird damals zum Sammelbecken für Faschisten aus ganz Europa. Funktionierende Netzwerke, eigene Kneipen – Starkult. Dort trifft Mengele bald auf Adolf Eichmann. Guez schreibt, der kenne ihn nicht mal – für Eichmann sei Mengele nur einer von vielen KZ-Ärzten. "Eine Mücke – ein Vollstrecker niederer Aufgaben".

Entspannte Zeit im Exil

Olivier Guez hält sich streng an Fakten: beschreibt, wie bürgerlich und sorglos Mengele in den 50er Jahren lebte, er stand sogar im Telefonbuch. Eine entspannte Zeit im Exil. Reue oder Schuld kommen anscheinend nicht auf. Im Gegenteil. Die Altnazis träumen vom Vierten Reich. Beschützt von Präsident Peron, der hofft mit ihrer Hilfe aus Argentinien eine Weltmacht zu machen. Einblicke in abgehobene Machtfantasien. Und Guez zeigt, warum die Naziverfolgung kurz nach Kriegsende kaum mehr eine Rolle spielte.

"Nach zwei oder drei Jahren gab es eine ganz neue Priorität. Es war dieser Kampf zwischen Amerika und der UdSSR. Und Deutschland war in der Mitte. Und natürlich haben in Deutschland viele ehemalige Kriminelle diesen Kalten Krieg genutzt um ein neues Leben anzufangen", so Guez.

Das Todeurteil für Eichmann ändert alles

Doch dann 1960. Dieses Jahr ändert alles: Adolf Eichmann wird entführt, in Israel vor Gericht gestellt. Von da an wird Mengele ein anderer. Das Todesurteil Eichmanns vor Augen, hat er ständig Angst, auch gefasst zu werden: "Nach dem Prozess wird der Krieg anders gesehen. Es ist die Ermordung der Juden, es ist das KZ-System, es ist Auschwitz, und dann ist natürlich zu der Zeit Mengele zu einer Figur geworden", sagt Guez.

"Ich habe es fast genossen diese Geschichte zu erzählen"

"Ein Getriebener, der über die Erde irrt, wer ihm begegnet, wird ihn töten", schreibt Guez.

Josef Mengele flüchtet nach Paraguay, dann in den brasilianischen Dschungel. Angstzustände, Paranoia, Einsamkeit bestimmen sein Leben. Eine Irrfahrt mit gefälschten Pässen. Es ist dieser Blick in die Psyche Mengeles, der das Buch so packend macht. Guez beruft sich auf Augenzeugenberichte und Dokumente: "Ich habe es fast genossen diese Geschichte zu erzählen. Die Ende von Mengele. Das wahre Ende von Mengele. Und diesen Mythos zu zerstören", so Guez.

Der kultivierte Bürger, der stolze Nazi – tief gefallen – aller Lebenslust beraubt. In Deutschland aber wird er zum "Todesengel"“, in den 60ern medial zum Inbegriff des Bösen. "Nicht aufzufinden" sei er, schneller als alle, die ihn suchen – trotz Kopfgelds und "Medien-Jagd". Er wird zum gewieften Naziverbrecher, der es sich mit falscher Identität gut gehen lassen soll.

Ein Leben ohne Schuldgefühle

Dabei – und auch das führt uns Guez' Roman noch einmal vor Augen – haben die deutschen Justizbehörden die Suche nicht zielgerichtet verfolgt. Von 30 Jahren in Südamerika wurde Mengele nur drei Jahre lang gesucht, so Guez.

1979 ertrinkt Mengele nach einem Schlaganfall. Seine Familie hat ihn bis zum Tod finanziell unterstützt. Schuldgefühle soll er nie gehabt haben.

Beitrag: Katja Deiß

Olivier Guez "Das Verschwinden des Josef Mengele"
Übersetzt von Nicola Denis
224 Seiten, € 20,00
Aufbau Verlag, August 2018

Stand: 18.05.2019 06:42 Uhr

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