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Denken in einer schlechten Welt

Muss Kultur die Welt verändern?

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Denken in einer schlechten Welt  | Video verfügbar bis 02.09.2023 | Bild: DR

Sie werden immer lauter, sorgen für viel Beachtung und sind bestens organisiert. Rechte Hetzer und Populisten, die vermeintlich simple Antworten liefern. Und auf die humanitären Fragen unserer Zeit nur mit Ausgrenzung, Ängsten oder Hass reagieren.

"Wir leben in einer Welt der intellektuellen Orientierungslosigkeit. Es ist eine prä-faschistische Zeit. Eine Epoche, wo faschistisches Denken von der extremen Rechten wieder in unserer Gesellschaft aufsteigt", sagt Geoffroy de Lagasnerie.

"Es gibt eine ethische Forderung an alle Intellektuelle"

Er begehrt gegen das politische Rollback auf. Geoffroy de Lagasnerie. Philosophieprofessor, links, provokativ. In seinem aktuellen Buch "Denken in einer schlechten Welt" schreibt er: Schuld an der Krise haben auch die Intellektuellen, weil sie sich zu sehr rausgehalten haben. Und: Schöne, autonome Kunst sei überflüssig. Sie nutze niemandem.

"Das, was man Hochkultur nennt, ist einfach nur Unterhaltung für das Bürgertum. Eine Schubertsonate ist für mich genau das gleiche wie ein Mission-Impossible-Film. Reine Unterhaltung. Und deshalb uninteressant", so Lagasnerie.

Seine Forderung an alle Denker: Werdet aktiv, in Gruppen, auf der Straße. Er selbst schließt sich regelmäßig Demonstrationen an. Müssen sich die Intellektuellen in diesen Zeiten wieder mehr einmischen? Gegen Nationalismus, gegen Rassismus? "Es gibt eine ethische Forderung an alle Intellektuelle. Sie sollen ihre eigene Arbeit überdenken, um die Welt weniger schlecht zu machen", so Lagasnerie.

Eine radikale Abkehr von der Wertfreiheit des Denkens und des Schreibens. Muss Kunst also nur noch politisch sein?

"Ein Imperativ des Handelns und des engagierten Schreibens"

Ilija Trojanow gilt als politischer Autor, auch wenn er diesen Begriff nicht mag. Sich engagieren, klar. Und zwar mit Büchern und Texten. Für ihn geht es darum, die eigene Rolle als Autor zu verstehen.

"Die Frage für mich ist eigentlich auf den Punkt gebracht: Gibt es überhaupt unpolitisches Schreiben? Ich glaube nicht. Es gibt politisch bewusstes Schreiben und apolitisches Schreiben. Das apolitische Schreiben bedeutet aber, dass man bewusst die Augen verschließt vor sozioökonomischen Zusammenhängen", so Trojanow.

Apolitisch schreibt er nicht. Dafür über Fehler in der Entwicklungshilfe, Flucht, Diktaturen. Trojanow will mit solchen Themen zu einem Umdenken beitragen. Statt zu emotionalisieren wie die Neue Rechte geht es ihm darum, vernünftig zu handeln: "Insofern ist die Frage: Wären wir nicht in der Lage, eine viel gerechtere und viel friedlichere Welt zu errichten? Und wenn man diese Frage so wie ich mit ja beantwortet, dann ergibt sich daraus ja geradezu ein Imperativ des Handelns und des engagierten Schreibens", so Trojanow.

"Die Zeit, sich bedeckt zu halten, ist vorbei"

Ein Imperativ, den auch sein italienischer Kollege Roberto Saviano einfordert. Im Juli rief er die Denker seines Landes auf, nicht zu Komplizen der Regierung zu werden. Seit seinem Mafia-Enthüllungsbuch "Gomorra" lebt der Autor unter Polizeischutz. Mafiöse Tendenzen hat er auch Innenminister Salvini vorgeworfen. Der Rechtspopulist will ihm den lebensnotwendigen Personenschutz entziehen.

Savianos Kollegen schweigen größtenteils. Er selbst sieht in Italien die Demokratie gefährdet und mahnt: "Schriftsteller! Angriffe auf das Buch, das Denken, das Wissen sind alltäglich geworden. Beteiligt euch. Vorsicht führt hier nicht zur Rettung. Die Zeit, sich bedeckt zu halten, ist vorbei. Wenn ihr euch nicht beteiligt, bedeutet das, dass ihr einverstanden seid mit dem, was passiert. Es gibt nur Komplizen oder Rebellen", so Saviano.

"Eine Sprache, die nicht von den Rechten vereinnahmt werden kann"

Stellung beziehen, das ist für Geoffroy de Lagasnerie wichtiger denn je. Denn die Grenze des Akzeptierbaren, des Sagbaren werde gerade verschoben: "Das Vokabular eines Teils der Linken hat sich auf besorgniserregende Weise dem Vokabular der Rechten angenähert. Bestimmte Worte machen die Runde: wie zum Beispiel 'Volk' oder Nationalinteressen. Die Aufgabe von Intellektuellen muss sein, eine Sprache zu entwickeln, die nicht von den Rechten vereinnahmt werden kann. Ein Vokabular für unsere Gesellschaft, das nicht mit rechtem Gedankengut einhergeht", so Lagasnerie.

Riesendemo mit fünf Millionen Menschen

Und gleichzeitig: die schweigende Mehrheit mobilisieren, für eine liberale, demokratische Gesellschaft zu kämpfen. Das ist auch das Ziel des Schriftstellers Jonas Lüscher. Er plant mit dem Philosophen Michael Zichy eine Riesendemo mit fünf Millionen Menschen. Mitte Oktober sollen in ganz Europa Kundgebungen stattfinden, für mehr Menschlichkeit. Gegen Hass und Nationalismus. Es wird Zeit, wieder für die Demokratie auf die Straße zu gehen, sagt auch Lagasnerie. Er hat dabei vor allem die Jugend im Blick.

"Einfluss nehmen"

"Ich werde nicht die Denkmuster von Macron, von Merkel oder Theresa May ändern. Aber ich kann Einfluss nehmen auf Juraabsolventen, auf junge Journalisten, auf Studenten der Politik- oder Sozialwissenschaft, auf junge Aktivisten. Und diese werden in 20 Jahren an der Macht sein und können dann hoffentlich alles anders machen", sagt Lagasnerie.

Lagasnerie provoziert, ja, aber er hat Recht. Die Zeit, sich zurückzuziehen, abzuwarten oder zu schweigen, ist vorbei. Und das gilt für uns alle. Damit die übertönt werden, die den Eindruck erwecken wollen, die Mehrheit zu sein.

Beitrag: Simon Broll

Geoffroy de Lagasnerie "Denken in einer schlechten Welt"
Übersetzt von Felix Kurz
120 Seiten
Verlag: Matthes & Seitz Berlin

Stand: 18.05.2019 06:42 Uhr

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