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"Gehört der Islam zu Deutschland?"

Warum das die falsche Debatte ist

PlayBlick auf die  Abubakr Moschee in Frankfurt am Main
"Gehört der Islam zu Deutschland?" | Video verfügbar bis 03.06.2023 | Bild: dpa / Boris Roessler

Gehört der Islam zu Deutschland? Diese Frage und das erbitterte Ringen um sie sind inzwischen zum Dauerbrenner der öffentlichen Debatte geworden. Welche Antwort man auch immer für die richtige halten mag: Ist die Frage an sich nicht schon falsch gestellt?

Religionen als Machtschaukampf

"In dieser Debatte wird ja andauernd von Religionen geredet, die sich miteinander vertragen sollen. Ich finde es ungeheuerlich. Es geht hier nicht um Religion, es geht um Politik", sagt die Publizistin Alice Schwarzer.

Und was macht die? Sie hängt in bayrischen Schulen und Amtsstuben wieder Kruzifixe auf. Als ginge es um einen Exorzismus: "Man benutzt tatsächlich im Moment diese Religionen als Machtschaukampf, um zu zeigen, wer ist in diesem Land Chef", so die Autorin Jagoda Marinić.

Grundgesetz und Religionsfreiheit

Eigentlich ist die Sache doch klar: Wir leben in einem Land mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Alle Religionen haben darin ihren Platz, betont der Rechtsphilosoph und Verfassungsrechtler Horst Dreier: "Also das Grundgesetz kennt keine Unterscheidungen zwischen Religionen, die zu Deutschland passen und die nicht zu den Deutschland passen. Es sagt in Artikel 4, dass alle Religionen und alle Weltanschauungsgemeinschaften grundrechtliche Freiheiten genießen."

Religionsfreiheit ist die eine Seite, aber gibt es andererseits nicht die Verpflichtung des Staates zur religiösen Neutralität? Diejenigen, die jetzt Kreuze in Schulen und Ämtern aufhängen wollen, begründen das damit, dass unser Land vor allem christlich geprägt sei. Das stimmt: "Nur führt das nicht dazu, dass das Christentum, das historisch ein starker Faktor gewesen ist, jetzt in der gegebenen verfassungsrechtlichen Situation in irgendeiner Weise einen Vorrang hätte gegenüber anderen Religionen", so Dreier.

Der Staat sollte sich raus halten

Daher ist entscheidend für das friedliche Zusammenleben, dass sich der Staat raus hält und neutral bleibt. "Je mehr religiöse Gemeinschaften wir kriegen, je vielfältiger, je heterogener das wird, desto wichtiger ist es, dass der Staat sich nicht identifiziert. Weil sonst die Bürger sagen müssen, der Staat steht ja dieser Religionsgemeinschaft viel näher als uns. Und wir dachten immer, wir sind alle Bürger eines Staates", fährt Dreier fort.

Ausgrenzungsdebatte

Die Debatte über die Religion ist zu einer Ausgrenzungsdebatte geworden. Genau das trägt aber nicht zu einer funktionierenden Integration bei: So erlebt es auch der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide bei seinen Studenten: "Allein zu hinterfragen, gehört der Islam dazu, gehört er nicht dazu, polarisiert, weil unabhängig davon, wie die Antwort auf die Frage ist, auch wenn die Antwort am Ende positiv ist: ja, er gehört dazu, allein das zu hinterfragen kommt so an, als würde man fragen, ob diese jungen Menschen, die hier aufgewachsen sind, dazugehören oder nicht."

Jagoda Marini leitet das interkulturelle Zentrum in Heidelberg. Sie kritisiert: Wir sprechen kaum noch über Integration, es geht nur noch um "DEN Islam": "Man sieht gerade bei Jugendlichen, wenn ich sage, du kommst aus einer bestimmten Ecke der Welt, dann interpretieren andere sofort eine bestimmte Religiosität in sie hinein, also sie sorgen eigentlich dafür, dass eine Identifikation dieser jungen Menschen mit der Religion stattfindet und auch eine Auseinandersetzung. Statt dass man sagt: OK, wer bist du, was wollen wir gerne machen, was tust du gern, wer interessiert dich, welche Bücher liest du? Fragen wir sofort: An welchen Gott glaubst du?"

Lebenswirklichket auf das Religiöse reduziert

Zuerst wird die ganze Lebenswirklichkeit von Menschen auf das Religiöse reduziert – und anschließend die Zugehörigkeit dieser Menschen zu unserem Land in Frage gestellt. Das spielt gerade den radikal-Religiösen in die Hände, die sich ohnehin wünschen, dass sich alle Muslime ausschließlich über ihrer Religion definieren.

"Ich habe diese Erfahrung sehr oft gemacht in Gesprächen mit Jungs in den Parks: Ganz Stolz mir den Koran aus der Tasche oder aus dem Rucksack geholt haben, gezeigt: Ja, mit dem Koran in der Hand oder bei uns sind wir stark, wir fühlen uns dann sicher. Auf meine Frage hin: Ja, was liest du drinnen, welche ist deine Lieblingsstelle im Koran? – kam immer wieder die Antwort: Ich weiß es nicht. Ich kann kein Arabisch und auf Deutsch lese ich den Koran nicht. Ich habe es halt nur so bei mir. Das ist typisch für eine so ausgehöhlte Identität. Solche Identitäten sind aber auch gefährlich für die Rekrutierung in salafistische oder fundamentalistische Milieus, weil sie einfach auf der Suche sind, sie sind auf der Suche nach einem sicheren Wir-Gefühl, so Khorchide.

"Eine unsichere Identität braucht ein Feindbild"

Eine solche Identifikation mit dem Islam hat mit echter Religiosität genauso wenig zu tun, wie das aktuelle Aufhängen von Kreuzen mit dem Christentum. Religion wird inhaltsleer, und kann – ohne ihre ethischen Werte – eine Gesellschaft spalten: "Eine ausgehöhlte, unsichere Identität braucht aber ein Feindbild, konstruiert im Gegenüber ein Feindbild, um sich über die Ab- und Ausgrenzung zu definieren. Man ist nicht imstande zu sagen, was bin ich, was macht mich aus. Ich kann nur sagen, was ich nicht bin", so Khorchide.

Freiheiten als Markenzeichen von Demokratien

Dabei haben wir doch demokratische, freiheitliche Werte, die uns verbinden – jenseits des Religiösen. Über diese Werte müssen wir endlich reden.

"Wir sind eines der zivilisiertesten, erfolgreichsten Länder weltweit, weil wir diese Freiheiten zum Markenzeichen dieser Demokratien gemacht haben. Diese Idee der Aufklärung, des Rationalen, der Auseinandersetzung, des Arguments, der Freude am Argument, auch das sozusagen zur DNA zu erklären, die wir verteidigen und wir gestalten das so, dass es so attraktiv ist, dass sich auch Menschen, die hier einwandern, dem nicht entziehen können – zumal ich davon ausgehen muss, dass viele, die hierherkommen, genau deswegen hergekommen sind, weil sie davon angezogen waren", so Marini.

"Räume aufmachen"

Für die Demokratie gilt es zu werben. Aber alle müssen von ihren Werten gleichermaßen profitieren können. Es geht um Chancengleichheit, Zugang zu Bildung und Kultur. " Werte werden durch Erfahrung angeeignet. D.h. wenn wir wollen, dass junge Menschen sich unsere demokratischen Grundwerte aneignen, müssen wir Räume aufmachen, in denen diese jungen Menschen diese Werte erleben, erfahren und so die Möglichkeit haben zu erfahren, was das ist, wenn wir von demokratischen Grundwerten reden", sagt Khorchide.

"Über Jahrzehnte weggeguckt"

Zu unseren Werten zu stehen, heißt aber auch sie zu verteidigen. Auch gegenüber denen, die sie zum Beispiel im Namen des Islam ablehnen. "Wir, wir haben da über Jahrzehnte weggeguckt und haben uns übrigens schuldig gemacht, finde ich, in erster Linie nicht an uns selbst, sondern an den Muslimen. Die haben wir allein gelassen und haben sie diesen Radikalen ausgeliefert. Wir müssen in die Communities gehen, wir müssen sagen: 'So geht das nicht. Wir sind hier ein Rechtsstaat, wir haben die Gleichberechtigung der Geschlechter, wir haben Religionsfreiheit, man kann gläubig sein oder auch nicht und das, überhaupt, ist Privatsache'. Ich glaube, das ist das Wichtigste, woran wir uns jetzt erinnern müssen. Aber ich sehe mit einem enormen Unbehagen, dass auch die Politik immer nur von Religion redet", sagt Schwarzer.

Keine Instrumentalisierung von Religion

In dieser Debatte nur von Religion zu reden, ist unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung wirklich unwürdig. Und den Religion gegenüber auch. "Religionsfreiheit, die nicht instrumentalisiert wird, für Zwecke die außerhalb der Religion sind: Das wäre eine wahnsinniger Erfolg, wenn wir das auf breiter Ebene durchsetzen würden", so Dreier.

Denn dann können auch die Religionen zu ihrem Kern zurückfinden: zu Spiritualität, Ethik und Nächstenliebe.

Autor: David Gern

Stand: 04.06.2018 08:30 Uhr

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