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Tod im Mittelmeer

Über das Scheitern der europäischen Migrationspolitik

PlayAus Seenot gerettete Flüchtlinge im Mittelmeer
Tod im Mittelmeer | Video verfügbar bis 12.08.2023 | Bild: dpa / Sima Diab

Seit Wochen liegt die Lifeline fest – ein deutsches Rettungsschiff, betrieben von Freiwilligen. Aus fadenscheinigen Gründen wird Kapitän Claus-Peter Reisch die Ausfuhr aus dem Hafen von Malta verweigert. Europa macht ernst mit der Abschottungspolitik.

"Das ist eigentlich nicht, was ich mir unter Europa vorstelle, das ist die völlige Missachtung der Menschenrechte. Und das hat für meine Begriffe mit Humanität nichts mehr zu tun", erklärt Reisch.

Lifeline-Kapitän Reisch: Menschen "irgendwie entsorgt"

1500 Menschen starben 2018 vor der libyschen Küste. Allein 700 davon im Juni, dem ersten Monat, in dem zivile Rettungsschiffe nicht mehr rausfahren durften. Die Dunkelziffer: bis vier Mal so hoch. Libyen ist zur tödlichen Sackgasse geworden.

"Die Libyer fangen die Schwarzafrikaner auf der Straße ein, stecken sie in irgendwelche Camps und dann werden sie erst mal zu Zwangsarbeit herangezogen oder einfach gequält. Dürfen dann zu Hause während dieser Quälerei, während dieser Folter anrufen, um den Zurückgebliebenen klarmachen, dass sie Geld brauchen, sonst werden sie umgebracht. Und wenn dann kein Geld mehr kommt oder nichts mehr zu holen ist, werden sie halt irgendwann entsorgt", so Reisch.

In einem libyschen Flüchtlingslager zu landen bedeutet ein Tod auf Raten. Zehntausende Menschen werden hier misshandelt, gefoltert, vergewaltigt und teilweise als Sklaven verkauft. Die Lager werden von der EU mitfinanziert, die Zustände in Kauf genommen. Hauptsache, das Leid kommt Europa nicht nah. Doch wer irgendwie fliehen kann, der flieht.

Sie kennen das Meer nicht, können oft nicht schwimmen und ahnen auch nicht, dass den Booten der nötige Treibstoff für die Überfahrt fehlt. Werden die Flüchtlinge nicht von Schiffen wie der Lifeline gerettet, ist ihnen der Tod sicher.

Joseph Vogl: "So etwas wie eine fettige Moral"

Wer das Leid nicht spürt, kann theoretische Debatten führen, so wie es in Deutschland derzeit passiert.

"Wenn man diese Debatte überhaupt in moralische Begriffe fassen möchte, gibt es hier im Zentrum Europas, innerhalb Deutschlands, in deutschen Schreibstuben so etwas wie eine fettige Moral oder eine Moral des Speckgürtels. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass bestimmte konkrete Erfahrungen, bestimmte konkrete Umstände nicht an den eigenen Muskeln, nicht an das eigene Nervensystem herangelassen werden. Deswegen sind Verlautbarungen von Leuten, die im Handgemenge auf hoher See mit Flüchtlingen arbeiten, völlig anders orientiert, als diejenigen, die diesen Kontakt, wenn sie so wollen, fast anästhetisch fürchten", so der Philosoph Joseph Vogl.

"Diese Politik fürchtet schlicht Machtverlust“

Trotz anfänglicher Bedenken hat sich der Alltag der Deutschen durch die Präsenz der Geflüchteten kaum verändert. Und doch wächst seit 2015 der Hass auf Fremde beängstigend.

Filmaufnahmen von einer Pegida-Veranstaltung in Dresden. "Absaufen!" skandieren die Anhänger und meinen damit auch die Seenotretter von der "Lifeline". – "Absaufen, Absaufen – Nein, nein, nein! Nicht absaufen, wir brauchen das Schiff doch noch um die alle wieder zurückzufahren", heißt es da.

Auch etablierte Parteien übernehmen immer mehr Positionen von rechts außen. Joseph Vogl erkennt darin eine perfide Doppelmoral: "Ein Gutteil der Politik besteht darin, den Leuten einzureden, sie sollten endlich Sorgen und Ängste angesichts dessen, was hier passiert, haben. Und wenn sie es noch nicht haben, dann wird dieser Imperativ wiederholt. Und wenn es immer noch nicht fruchtet, dann werden Exempel statuiert, und wenn es immer noch nicht fruchtet, dann wird auf die Gefahr vom rechten Rand verwiesen, das ist nämlich die Gefahr, die diese Politik einzig und allein fürchtet. Diese Politik fürchtet nicht die Flüchtlinge in Deutschland, diese Politik fürchtet schlicht Machtverlust", so Vogl.

Zunehmender Widerstand

Die Morallosigkeit der Politiker gegenüber den Schutzsuchenden stößt immer mehr Bürger ab. An die 50.000 Menschen kamen in München zur Anti-CSU-Großdemonstration Ausgehetzt. Tosender Applaus für Kapitän Reisch.

"Die Situation der Seenotretter vor der libyschen Küste ist dramatisch. Es gab mal zwölf Schiffe, von den zwölf Schiffen sind nicht mehr viele übrig. Die Mission 6 von Mission Lifeline hat 450 Menschen in vier Rettungen das Leben gerettet. Ich kann erhobenen Hauptes dorthin gehen. Ich habe nichts falsch gemacht", so Reisch.

"Es ist gut möglich, dass sich manche Parteien verzockt haben"

Dem Ruf nach mehr Menschlichkeit folgen immer mehr Bürger. "Es ist gut möglich, dass sich manche Parteien – und dazu gehört die CSU– verzockt haben. Allerdings darf man nicht auf Gesinnungswandel rechnen, sondern Wechsel der politischen Strategie. Könnte tatsächlich mit einem Mal opportun sein, es könnten einige Opportunisten aus diesem Lager auf die Idee kommen, dass man Wahlen vielleicht nicht ausschließlich mit Flüchtlingen und Migrationsthemen gewinnt. Auf diese realistische Hoffnung auf politischen Opportunismus könnte man setzen", so Vogl.

Haft statt Hilfe?

Währenddessen sterben Menschen. Es sind die privaten Retter, die sich an die Pflicht erinnern, in Not zu helfen, obwohl das eigentlich Aufgabe der europäischen Regierungen wäre. Dieses Engagement nun auch noch zu verhindern, ist mehr als zynisch.

"Wir müssten tanken und die Crew einfliegen lassen. Wir könnten mehr oder minder sofort loslegen, wenn man uns ließe", so Reisch.

Doch man lässt ihn nicht. Stattdessen droht dem Kapitän ein Jahr Haft wegen eines angeblich falschen Flaggenzertifikats.

Europa macht sich weiter schuldig.

Bericht: Julia Benkert

Stand: 07.08.2018 11:18 Uhr

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