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Ein Plädoyer für den Zweifel

Siri Hustvedts Essay "Die Illusion der Gewissheit"

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Ein Plädoyer für den Zweifel | Video verfügbar bis 05.08.2023 | Bild: dpa

Siri Hustvedt im Garten ihres Hauses in Brooklyn – sie ist nicht nur Literatin, sondern auch ein leidenschaftlicher Forschergeist in Sachen Neurologie und Biologie. In ihrem neuen Buch stellt sie die Frage: Wie hängen Körper und Geist zusammen? Was sagt die Wissenschaft dazu? Die Antworten sind kompliziert. Zwangsläufig.

"Ich musste feststellen, nachdem ich mich intensiv mit Hirnforschung beschäftigt und Tausende und Abertausende von Artikeln gelesen habe, dass die Neurowissenschaften auf problematischen Denkmodellen beruhen. Lange Zeit stützten sie sich auf Modelle, die auf René Descartes zurückgehen. Das heißt, sie behandelten Körper und Geist wie zwei völlig verschiedene Dinge", so Hustvedt.

Klare Grenzen und saubere Trennlinien

Die meisten Hirnforscher würden heute zustimmen, dass Körper und Geist zusammen gehören, dennoch wirken die alten Denkmuster nach. Nicht nur in der Wissenschaft. Bis heute ist die Vorstellung von klaren Grenzen und sauberen Trennlinien auch im alltäglichen Leben präsent. Fremdes wird ausgegrenzt, Vermischungen als Unordnung empfunden. Diese Denkweise prägt noch immer Gesellschaften, ganze Nationen.

"Die Vorstellung, dass Grenzen sauber gehalten werden müssen, dass man sie achten und sorgfältig pflegen soll, ist wahrscheinlich ein starkes, zutiefst menschliches Bedürfnis", sagt Hustvedt.

"Die Ängste vor 'Verunreinigung'"

Grenzen als Schutz für den Volkskörper. Das Fremdartige als Verunreinigung – solche Denkweisen setzen sich immer weiter durch, gerade in Amerika.

"Die Ängste vor Verunreinigung, diese Vorstellung vom 'Anderen' als eine Art Krankheit, die die Gesellschaft bedroht, darüber wird in den USA kaum diskutiert. Dabei hat der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten schon während des Wahlkampfs von 'Verunreinigung' gesprochen. Er wiederholt das noch heute auf all seinen Kundgebungen: 'Baut eine Mauer', oder 'Bringt sie hinter Gitter!'", sagt die Autorin.

"Es ist ein Fehler ist, das Gehirn isoliert zu betrachten"

In dem Essayband "Die Illusion der Gewissheit" bezieht sich Siri Hustvedt auf zahlreiche Studien und führt aus, dass Grenzen in Wahrheit fließend, uneindeutig sind. Selbst die Erkenntnisse der Genforschung, lange Zeit unangezweifelt, bröckeln: Heute weiß man, dass Gene nicht schicksalhaft wirken, sondern sich unter Umwelteinflüssen verändern. Hustvedt zeigt auf: Körper und Geist lassen sich nicht trennen. Unser Gehirn ist eben formbare Biomasse.

"Die moderne Erforschung unseres Bewusstseins und unserer Denkstrukturen beruhten lange auf einem Modell, nach dem der Geist und das Gehirn genauso funktionierten wie ein Computer. Heute erkennen viele – längst nicht alle – Wissenschaftler, dass es ein Fehler ist, das Gehirn isoliert zu betrachten. So, als sei das Hirn allein das menschliche Subjekt. Der Mensch besteht aus einem ganzen Körper. Er ist ein biologisches System, das in einer Umgebung mit anderen existiert. Wir Menschen sind Tiere, die nicht alleine leben oder überleben können", so Hustvedt.

"Das ist die Trump-Fantasie"

Das beginnt schon mit der Mutter, auf deren Fürsorge wir angewiesen sind. Sprache, Bewusstsein und Intelligenz entwickeln wir nur im Kontakt mit anderen! Doch diese tiefe Bindung an andere macht auch Angst.

„Diese schreckliche Furcht vor Abhängigkeit, unserer menschlichen Realität, die niemand bestreiten kann, hat immer eine prägende Rolle im westlichen Denken gespielt. Wir müssen endlich dieses Dogma beenden, diese Utopie von einem isolierten, unabhängigen, autonomen Menschen. Das ist die Trump-Fantasie, dass wir als Erwachsene geboren werden, uns selbst großziehen und auf niemanden angewiesen sind. Und überhaupt alles alleine können. So ein Quatsch!" , sagt sie lachend.

"Roboter mit Bewusstsein und eigenen Gefühlen – eine Illusion"

Zur Zeit hegen Wissenschaftler die Ambition, die Welt durch perfekte Roboter und künstliche Intelligenz zu verbessern. Roboter, die wie Menschen agieren. Auch nur eine Illusion, sagt Hustvedt: "Diese spezielle Phantasie von einem Roboter mit Bewusstsein und eigenen Gefühlen – ich bezweifle, dass sie sich umsetzen lässt. Oder dass wir ewig leben, weil wir unseren Geist in eine Maschine heruntergeladen haben!"

Siri Hustvedts inspirierendes Buch ist ein Plädoyer für den Zweifel – an liebgewonnenen Ideen und vermeintlichen Wahrheiten.

Bericht: Hilka Sinning

Siri Hustvedt "Die Illusion der Gewissheit"
Rowohlt 2018

Stand: 18.05.2019 05:03 Uhr

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