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Ein Land in der Krise

ttt über Geflüchtete, symbolische Politik und die Macht von Sprache

Play27.06.2018, Spanien, Tarifa: Migranten ruhen sich nach ihrer Rettung im Hafen der südspanischen Stadt Tarifa aus.
Geflüchtete, symbolische Politik und die Macht von Sprache | Video verfügbar bis 09.07.2023 | Bild: AP / Emilio Morenatti

Sommer 2018: Uns geht's doch gut, die Sonne scheint! Und trotzdem vermiest uns gerade etwas gewaltig die Stimmung. "Man kann beim Bäcker in der Schlange nicht unterscheiden, wenn einer mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen bestellt, ob das der hochqualifizierte Entwickler von Künstlicher Intelligenz aus Indien ist, oder ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer", so Christian Lindner, Bundesvorsitzender der FDP.

Dieser neue Ton macht sprachlos. "Anti-Abschiebeindustrie, Asyltourismus, Asyltourismus". Zur Erinnerung: Jeder sechste, der von Libyen die Fahrt übers Mittelmeer wagt, stirbt. "Asyltourismus" – solche Worte klingen nach – ja, nach was eigentlich?

"Diese Gesellschaft ist auf LSD gerade"

"Wenn man so was erlebt, auch in seiner Dynamik in den letzten Wochen und Monaten, dann denkt man tatsächlich unwillkürlich an die Zwischenkriegszeit zurück, ans Ende der 20er/30er-Jahre, an die Steigbügelhalter des Nationalsozialismus. Und selbst wenn man dann sagt: keine einfachen historischen Analogien, dann muss man auf jeden Fall sagen: Leute, wir müssen jetzt auf jeden Fall mal reden", sagt der Soziologe Stephan Lessenich.

Reden zum Beispiel darüber, dass längst viel weniger Menschen an unseren Grenzen ankommen: "Es wird ja an allen Stellen behauptet, Belastungsgrenzen wären erreicht, wir wären an der Grenze, wo jede weitere Zuwanderung hier das gesellschaftliche Leben zum kollabieren bringen könnte. Diese Gesellschaft ist auf LSD gerade, ist eine Selbstsuggestion", so Lessenich.

"Ich setze über Sprache fest, was wichtig ist"

Warum ist es plötzlich "common sense", dass Flucht das alles entscheidende Thema ist, von dem das Schicksal unseres Landes abhängt? "Ich setze über Sprache fest, was wichtig ist und was los ist, das heißt, ich kann über Sprache Wahrheiten schaffen, ständig. Und wenn ich über Sprache über mehrere Wochen und Monate eine Wahrheit in den Raum stelle, dass das größte Problem unseres Landes aktuell die Frage ist, nationales Eigeninteresse und wie viele Menschen dürfen bei uns Schutz bekommen und ich lasse mich darauf ein, das ständig mit starken Bildern so in den Raum zu stellen und es gibt auch keine starke Gegenwehr, dann wird das genau zur Regierungskrise, dann wird das zur politischen Frage des Tages."

Wie wirkmächtig das ist, kann man zum Beispiel an Begriffen sehen, die Geflüchtete in den Kontext von Naturgewalten setzen.

"Wir haben das mal im Labor nachgestellt und haben dem Menschen angeboten, über Schutzsuchende als Wasser zu denken, Flüchtlingswelle, Flüchtlingsstrom usw. oder als Menschen – Menschen auf der Flucht, Schutzsuchende, die zu uns kommen, und sie haben signifikante Verschiebungen gesehen in dem Moment – in dem sie auf die Wasser Metapher gehen, werden die Menschen eher gedrängt hin in die, ich sag, mal eher rechtspolitische Abschottungspolitik zum Thema", sagt Elisabeth Wehling, deren Forschungsbereich die politische Werte-, Sprach- und Kognitionsforschung ist.

Begrifflichkeiten, die den Weg ebnen für noch radikaleres Handeln: Dann wird es plötzlich ganz leicht über geschlossene Lager zu sprechen. Das alles passiert nicht zufällig. Dahinter stehen klare Machtinteressen und neue, rückwärtsgewandte Bündnisse.

"Die Ansage ist: Wir wollen eine andere Form von Demokratie. Wir wollen eine Demokratie, die sich nicht nach Menschenrechten richtet, sondern, die sich nach Interessen richtet, und wir wollen Partner in diesem neuen Weltbild schaffen, die uns nahe sind und das ist eher der ungarische Ministerpräsident Orban oder österreichische Kanzler Kurz. Und Söder hat ja gesagt, das ist das Ende des Multilateralismus, d.h. das ist ein Bruch in der Nachkriegsgeschichte und so kann man das auch erzählen" sagt der Spiegel-Journalist Georg Diez.

Medien schaffen Stimmung

Und die Medien? Die tun so, als würden sie einfach nur Volkes Stimme spiegeln, dabei machen sie selbst Stimmung. Als Beispiel: Ein Stern-Titelbild aus den vergangenen Wochen.

"Wir wissen aus der Kognitionsforschung, dass das Gehirn Dinge, die oben gezeigt werden, als positiv einordnet, und Dinge, die unten gezeigt werden, als negativ, und zwar signifikant. Das heißt, wir haben eine absolute Abwertung von der Figur Merkel in dieser und ihrer Flüchtlingspolitik, darüber hinaus verbildlicht als teuflische Gestalt. Ja, das rote, die Hölle, das Höllenfeuer geradezu ist in dem Bild natürlich auch mit inszeniert und oben ist das Helle, das Leuchtende, der Schein. Und was trennt die Sache? Was trennt uns, das zerrissene Land von dem Bösen und dem Guten? Die Menschen auf der Flucht. Es ist ein intensives Beeinflussen des vermeintlich objektiven Denkens über das Thema."

Und die Talkshows? Sie dienen als Echokammer. "Die Rolle der Talkshows ist doppelt problematisch, weil sie sich einerseits als ein Ersatzparlament aufführen, was sie nicht sind und sich gleichzeitig auch der Kritik enthoben fühlen, wenn sie seit drei Jahren massiv Meinung machen und sehr massiv den Diskurs in eine Richtung schieben, mit der polarisierenden Formulierung von Themen, die den Islam und Migranten immer nur als Problem darstellen", so Diez.

Das alles sickert in unseren Alltag ein und schafft neue Wahrheiten. Und wir dürfen nicht glauben, dass diese Eskalatationsschleife einfach so zu Ruhe kommt: "Diese Art von Verhärtung hat natürlich poitische Folgen. Wenn man den Diskurs so verschiebt, dass rassistische Argumente plötzlich möglich sind, dann haben auch rechte Parteien die Möglichkeit, den Diskurs noch weiter nach rechts zu verschieben", so Diez.

Andere Geschichten erzählen

Müssen wir das einfach hinnehmen? Nein. Wir müssen die eigene Sprachlosigkeit überwinden: "Ich glaube, es hängt alles mit den Erzählungen zusammen, welche Vorstellung von Menschen man vermitteln will. Gerade in diesen Wochen ist die Meldung gekommen, dass ein Viertel der Geflüchteten in den Arbeitsmarkt gefunden hat. Da gibt es tatsächlich Geschichten zu erzählen und es würde mich tatsächlich interessieren, wo arbeiten diese Menschen, wie geht’s denen heute?“, so Diez.

Es kommt darauf an, dass wir andere Geschichten erzählen: von Menschen, die hierher fliehen und von dem Land, in dem sie ankommen. Geschichten von Leid und Glück, die Empathie möglich machen. Geschichten, die die Politik aufnehmen kann. Aber auch wir in unserem Alltag. Etwa dann, wenn wir mit anderen über Geflüchtete diskutieren.

"Man muss einfach genauso konkret ansetzen können und sagen okay, stell dir vor du bist auf der Flucht, du verlässt deine Heimat nicht freiwillig, wo kommst du her? Ach so, du kommst aus Poppenbüttel, okay, stell dir vor, das gibt’s nicht mehr, alles was du da kennst, dein Bäcker, dein Friseur, deine Nachbarn, die Hälfte vielleicht tot, die andere Hälfte irgendwie über die Welt verstreut, jetzt kommst du irgendwo an, du weißt, deine Heimat ist passé. Deine Heimat ist passé. Die gibt es nicht mehr. Und du suchst – ja was suchst du denn? Du suchst als nächstes erst mal Essen und bisschen Schutz, aber du suchst auch eine Art neue emotionale Anbindung, weil deine Heimat gibt es nicht mehr. Und dann kommst du in ein Klima, in dem dir gesagt wird: 'Geh doch zurück' und fragst dich 'ja wohin denn zurück'. “ Wie muss sich das denn anfühlen für so jemand? Und da denk ich mir, da fühlt man doch mit. Also so konkret muss man‘s machen", so Wehling.

Und das ist nicht naiv. Denn auch Empathie gehört zu unseren Werten. Und Mitgefühl ist nicht weniger rational als Angst.

Autor: David Gern

Stand: 09.07.2018 08:47 Uhr

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