SENDETERMIN So, 08.07.18 | 22:45 Uhr | Das Erste

Es wird Zeit, die Weichen zu stellen

Richard David Precht und die Wege in eine bessere Zukunft

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Während sich die Politik mit lauthals vorgetragenen, rückwärtsgewandten Forderungen auseinandersetzen muss, mit geschlossenen Grenzen, rassistischen Denkweisen, neuem Nationalismus – in dieser Zeit des bedrohlichen gesellschaftspolitischen "Zurück" entwirft Richard David Precht eine Utopie: Die Utopie einer besseren Gesellschaft, ein Entwurf für die Möglichkeiten des zukünftigen Zusammenlebens.

Er sagt: "Die Digitalisierung bedroht alles, was ist" und er meint alles. Das Leben, wie wir es kennen. Radikale Veränderungen liegen vor uns, der Sprung in die nächste Epoche. Sein Vergleich – die erste industrielle Revolution. Sie ließ die Lebensverhältnisse der Menschen explodieren, brachte uns Demokratie und unfassbaren Reichtum: "Der große Unterschied besteht darin, dass in der ersten industriellen Revolution die körperliche Leistung des Menschen durch Maschinen ersetzt worden ist. Und was jetzt passiert im '2nd machine age' ist, dass die Intelligenzleistung ersetzt wird. Die Folge wird tatsächlich sein, dass in vielen algorythmisierbaren Berufen wie bei Versicherungen, bei Banken, bei Steuerberatern, bei Justitiaren in Firmen eine Massenarbeitslosigkeit eintritt, wie die Bundesrepublik seit ihrer Gründung keine gehabt hat", so Precht.

Richard David Precht: Migration ist nicht die größte Gefahr

"Abgleiten in eine kybernetische Diktatur"

Tatsächlich? Solche Szenarien halten wir vorerst lieber für übertrieben. Ideen? Gesellschaftliche Zukunftsentwürfe? Keine Chance. Unsere Weltsicht wird ja gerade geflutet von rechtem Rückwärtsdenken.

"Ich glaube aber nicht, dass das die Demokratie bedroht", fährt Precht fort. "Sondern die große Bedrohung der Demokratie besteht darin, dass wir abgleiten könnten in eine kybernetische Diktatur. Wir erleben das durch den Staat gemacht in China, in letzter Zeit auch sehr stark in Indien. Beide Länder sind auf dem Weg dazu, kybernetische Diktaturen zu werden, in denen die Menschen zu 100 Prozent kontrolliert, überwacht und gesteuert werden. Und bei uns ist es halt nicht in erster Linie der Staat, der das macht – ich weiß gar nicht, was der Staat macht – aber in erster Linie sind es die mächtigen Digitalkonzerne, die eine Macht auf sich versammeln, die ungesund ist und die in diesem Ausmaß in der Geschichte der Menschheit einzigartig ist. Und ich glaube, der größte Angriff, den unsere Demokratie gegenwärtig erleidet, ist dieser Angriff, der aus dem Silicon Valley kommt. Es ist nicht die Tatsache, dass bei uns nationalistische Töne angeschlagen werden, die werden auch irgendwann wieder verwehen."

"Wir müssen ein positives Menschenbild dagegen setzen"

Die Sehnsucht nach dem "Zurück" hält Precht für ein Symptom der Angst vor der kommenden neuen Zeit. Einer Zeit, in der viele Menschen überflüssig werden, digitale Konzerne unsere Gedanken lesen, ihr Menschen- und Fortschrittsbild in unsere Köpfe pflanzen – totalitär, ungerecht und smart.

"Die Menschen fühlen sich doch völlig allein gelassen bei der Frage, wie sieht das Leben in 20 Jahren aus? Es gibt überhaupt keine politische Erzählung darüber, wie es aussieht, es gibt nur technische Erzählungen, dass wir immer mehr mit Maschinen verschmelzen und irgendwann die Roboter die Weltherrschaft antreten. Das will doch kein Mensch. Also müssen wir eine humane politische Utopie dagegen setzen. Wir müssen ein positives Menschenbild dagegen setzen. Wir müssen aus einer Welt rauskommen, in der wir anfangen, Menschen für defizitäre Computer oder schlecht arbeitende Roboter zu halten. Und das tut alles wahnsinnig dringend Not und daraus nehme ich meine persönliche Energie, zu überlegen, wie kann man das, was an Menschen besonders schätzens- und liebenswert ist, in der Zukunft bewahren und wie kann man eine humane Gesellschaft aufbauen", so Precht.

"Jetzt die Weichen stellen"

Eine humane Gesellschaft. Precht will sie gar nicht retten. Sein Argument: Nie waren die Chancen größer, eine humane Gesellschaft zu schaffen. Zum ersten Mal in der Geschichte könnte mit der digitalen Revolution ein Menschheitstraum wahr werden. Die Produktivität der Technik steigt derart, dass die Menschen ohne lästige Arbeit selbstbestimmt und in Wohlstand leben könnten: "Ich sage, dass wir jetzt eine realistische Chance haben, gute Ideen durchzusetzen, weil durch die technische Revolution die Karten neu gemischt werden. So rum", sagt er.

Bedingungsloses Grundeinkommen

Macht wird neu verteilt – Produktion und Arbeit verändern sich radikal. Eine andere Art von Wirtschaft schafft eine andere Art von Gesellschaft, sagt Precht. Welche Gesellschaft das sein wird, hängt davon ab, wie wir jetzt die Weichen stellen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1500 Euro gehört für ihn zu einer humanen Gesellschaft, in der es für Viele keine Erwerbsarbeit mehr gibt.

"Und deswegen glaube ich, muss der Grundgedanke der zukünftigen Gesellschaft sein, den Zustand, zeitweilig keiner Erwerbsarbeit nachzugehen, aufzuwerten. Und die dafür günstigste Idee scheint mir ein Grundeinkommen zu sein. Beim Grundeinkommen ist es aber so, dass jeder das als Sockel bekommt, den jeder als Grundrecht erhält und deswegen auch nicht an Bedingungen geknüpft werden kann – dann ist es kein grundrechtlicher Sockel mehr. Mein Wahlrecht ist auch nicht an Bedingungen geknüpft und ich damit sehr, sehr vielen Menschen die Chance gebe, nicht mehr aus Angst und größter Not eine Arbeit machen zu müssen, sondern vielen die Gelegenheit gebe, in Ruhe darüber nachzudenken, was sie wirklich wollen, zumal sie das was sie dann dazu verdienen auch behalten können", so Precht.

Finanztransaktionssteuer zur Verteilung des von Maschinen erarbeiteten Reichtums

Ein Traum? Der Philosoph begibt sich in die Niederungen der Ökonomie und fordert eine Finanztransaktionssteuer zur Verteilung des von Maschinen erarbeiteten Reichtums. Unmöglich, sagen viele Ökonomen. "Im Zuge der Digitalisierung werden wir Umbrüche erleben, die so gewaltig sind, dass die Einführung einer Finanztransaktionsteuer ja nun wirklich das Geringste in diesem ganzen Theater sein wird. Und ich glaube, dass man mit der Einführung einer Finanztransaktionssteuer in Deutschland Wahlen gewinnen kann, nicht einzig und allein damit, aber als innovative Idee zur Finanzierung des Sozialstaates – zur Mitfinanzierung, am Anfang wird der ja nur teilfinanziert dadurch, ich glaube, das wäre ein sehr attraktives Wahlprogramm und ich wundere mich, dass die Sozialdemokraten sich das nicht trauen", so Precht.

Es wäre der erste Schritt in eine neue Form des Wirtschaftens. Wenn Erwerbsarbeit rar wird, kann die Besteuerung von Arbeit das Gemeinwesen sowieso nicht mehr finanzieren. Und auch die Wertschätzung der Menschen sollte nicht mehr davon abhängig sein, ob sie sich ökonomisch bezahlt machen.

"Den Kapitalismus zivilisieren"

Dazu Precht: "Deswegen glaube ich, liegt die Zukunft darin, eine neue Form von Kapitalismus zu erfinden, in der mehr sozialistische Momente enthalten sind als bisher, also den Kapitalismus zu zivilisieren. Im Grunde genommen ist die ganze Geschichte des Kapitalismus von seinen Anfängen bis heute eine Geschichte seiner Stück für Stück Zivilisierung. Da er gerade wieder dabei ist, aus den Fugen zu geraten, tut eine solche Zivilisierung auch dringend not."

Richard David Precht hat vielleicht ein zu optimistisches Geschichtsbild. Aber er traut sich, die grundlegenden Ideen für die wichtigste, anstehende Debatte vorzulegen.

Autorin: Edith Lange

Richard David Precht: "Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft"
288 Seiten, € 20,00
Goldmann Verlag, April 2018

Stand: 10.07.2018 16:23 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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