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Antisemitismus hier und  heute

Die Historikerin Deborah Lipstadt über den Anschlag von Pittsburgh

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Antisemitismus hier und  heute | Video verfügbar bis 11.11.2023 | Bild: dpa / Giorgio Onorati

Samstag, 27. Oktober. Ein Mann stürmt die "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh und tötet elf Menschen. Es ist der bislang schwerste antisemitische Anschlag in der Geschichte der Vereinigten Staaten. "Ich war schockiert, aber ich war nicht überrascht, denn auf Worte folgen Taten", sagt Deborah Lipstadt, Historikerin und Holocaust-Forscherin.

Die Folgen von Trumps Rhetorik

Deborah Lipstadt ist die renommierteste Holocaust-Forscherin der USA. Doch die Historikerin blickt nicht nur in die Vergangenheit, sondern analysiert auch die Gegenwart. Nach dem Attentat kam Donald Trump nach Pittsburgh. Viele Juden protestierten gegen seinen Besuch. Ihr Vorwurf: Trumps Klima des Hasses habe zu dem Anschlag geführt. "Ich weiß nicht, ob Donald Trump ein Antisemit ist. Ich denke, er ist keiner. Aber es ist die falsche Frage: Die Frage, die sich stellt, lautet: Tut er Dinge, die solchen Leuten grünes Licht geben? Gibt er den Antisemiten die Erlaubnis?", so Lipstadt. 

Auch Trumps Aussage nach den Ausschreitungen in Charlottesville im August 2017 – "es gebe gute Leute auf beiden Seiten" – sei so ein grünes Licht gewesen. Trumps Rhetorik ermutige Antisemiten und Rassisten, so Lipstadt.

Neuer Antisemitismus?

Bekannt wurde die Historikerin, als sie sich im Jahr 2000 vor Gericht gegen den Holocaust Leugner David Irving durchsetzte. Heute kämpft sie gegen die, wie sie es nennt, "soften Lügen" der Populisten und anderer Leugner. Ihr aktuelles Buch heißt: "Der Neue Antisemitismus". Aber was ist überhaupt neu am Antisemitismus?

"Der Neue Antisemitismus – er ist neu und zugleich nicht neu. Er ist neu, wie wir ihn heute von der Rechten, von der politischen Rechten erleben, so wie in Pittsburgh – und wir erleben ihn auch von links", antwortet Lipstadt.

"Israelkritik ist kein Antisemitismus"

Jeremy Corbyn, Chef der Labour-Partei in Großbritannien, drücke mehr als nur ein Auge zu, solange Antisemitismus mit linker Israel-Kritik einhergeht, schreibt Lipstadt. Auch die Aktionen der BDS-Kampagne, die international zum umfassenden Boykott gegen Israel aufruft, wie etwa gegen Produkte der Firma SodaStream, seien als antisemitisch einzustufen. "Israelkritik ist kein Antisemitismus", so Lipstadt, "aber wenn Israel das einzige Land ist, das etwas falsch gemacht hat. Wenn man nur Israel boykottiert, aber nicht China, das schlimmster Menschenrechtsverletzungen beschuldigt wird, und weitere Länder. Dann stimmt etwas nicht, dann ist etwas aus dem Gleichgewicht."

Ein Teil des europäischen Antisemitismus kommt heute von muslimischer Seite, wie der Angriff auf einen Kippa-Träger in Berlin zeigt. Solche Attacken als Reaktion auf Israels Politik im Nahen Osten zu entschuldigen, davor warnt Lipstadt. Antisemitisches Verhalten müsse immer vehement geahndet werden. Doch manche Regierungen, wie die von Victor Orban in Ungarn, bedienen gezielt antisemitische Klischees. Polens Staatsführung verfolgt eine verklärte Geschichtspolitik.Was, wenn Regierungen ihrer Pflicht, Antisemitismus zu bekämpfen, nicht nachkommen?

"Im Angesicht des Bösen gibt es keine Neutralität"

"Wenn wir nicht erwarten können, dass unsere politische Führung diese Entwicklungen verurteilt, wenn wir nicht erwarten können, dass sie sagt, dass es gefährlich ist, dann müssen wir es selbst tun. Und das fängt zu Hause an, in der Schule, auf der Straße . Im Angesicht von Verfolgung ist Schweigen Mittäterschaft, im Angesicht von Verfolgung ist niemand nur ein Zuschauer. Im Angesicht des Bösen – und sei es ob die Menschen für oder gegen das Böse sind – gibt es keine Neutralität" sagt Lipstadt.

Deborah Lipstadt sensibilisiert mit ihrem Buch die Leser dafür, genau hinzuschauen, sich zu informieren und in den politischen Diskurs einzubringen, um Lügen durch Fakten widerlegen zu können: "Das Buch ist wirklich als ein Weckruf gedacht. Wir haben dieses Problem und wir alle sollten uns darum Sorgen machen. Denn es beginnt vielleicht mit den Juden, aber es endet nicht mit ihnen", sagt die Historikerin.

Bericht: Sven Waskönig

Deborah Lipstadt "Der neue Antisemitismus"
Übersetzt von Stephan Pauli
304 Seiten, 24,00 Euro
Berlin Verlag, November 2018

Stand: 30.08.2019 00:43 Uhr

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