SENDETERMIN So., 13.12.20 | 23:20 Uhr | Das Erste

"Law not War"

Warum der 100-jährige Benjamin Ferencz sein Leben lang für Gerechtigkeit kämpft

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Die Wahl ist verloren, doch der Kampf geht weiter. Demokratisch abgewählt – doch der Noch-Präsident missachtet die Rechtmäßigkeit des Ergebnisses. Die nationalistischen "Proud Boys" rufen den bewaffneten Widerstand aus – ihnen hatte er gesagt: Haltet euch zurück, und haltet euch bereit! Und Biden könne nach drei Wochen im Amt "shot" sein. Erschossen?

Ein Präsident, der auch nach der Abwahl lieber den Bürgerkrieg riskiert als demokratische Prozesse zu akzeptieren. Er stellt sich neben Recht und Gesetz. Ein unerträglicher Machtmissbrauch – für Benjamin Ferencz. "Recht – nicht Krieg – ist die Antwort!", sagt er. "Und: Gib' niemals auf, niemals!" Niemals aufgeben – sagt ein Jahrhundert-Zeuge. Einer, der die Welt verändert hat. Mit seinem Einsatz für Gerechtigkeit.

Er sah, wie der Krieg aus Menschen Massenmörder macht

Machtmissbrauch. Den hat Benjamin Ferencz von seiner dunkelsten Seite gesehen: "Ich habe den Horror des Krieges erlebt. Als Befreier vieler Konzentrationslager. Das war meine Aufgabe. Und der Horror, den ich gesehen habe, war unbeschreiblich. Aber ich kann Euch sagen, es wird wieder Horror, wenn es in Zukunft Krieg geben sollte."

Als US-Soldat hat Ferencz im Zweiten Weltkrieg gekämpft. Der heute 100-jährige landete in der Normandie, erhielt hohe Auszeichnungen. Nach der Befreiung der Konzentrationslager sammelte er Beweismaterial für die Kriegsverbrechen der Deutschen. Mit nur 27 Jahren wurde er 1947 Chefankläger in einem der Nürnberger Nachfolgeprozesse. Er wollte: Gerechtigkeit! Und zeigte, wie der Krieg aus normalen Menschen Massenmörder machte.

"Ich war Chefankläger im 'Einsatzgruppen-Prozess' in Nürnberg – nachdem der Hauptkriegsverbrecherprozess vor dem Internationalen Militärgericht beendet war", erzählt Ferencz. "Ich habe 22 führende Nazis angeklagt für den Mord an mehr als einer Million Juden. Ich habe die Beweisführung nach zwei Tagen abgeschlossen und alle von ihnen überführt. 13 von ihnen wurden zum Tode verurteilt." Verurteilt nach amerikanischem Recht.

"Donald Trump argumentierte wie ein Nazi"

Seitdem lebt er für die Aufklärung und Verurteilung von Kriegsverbrechen. Und wendet sich in Interviews, Vorträgen oder Büchern wie seinem aktuellen vor allem an die Jugend. Unermüdlich. "Ich habe keine Sehnsucht nach Ruhestand", sagt Ferencz. "Ich kann mich nicht zur Ruhe setzen, ich muss arbeiten, bis ich umfalle. Mein Ziel war immer, mit den jungen Leuten zu reden. Vergesst die Alten. Nehmt die Jungen, es ist eure Welt. Und Ihr seid in einer gefährlicheren Lage, als ich es jemals war."

Denn ausgerechnet sein Präsident, der wichtigste Mann der westlichen Welt, hat Staaten wie Nord-Korea und Iran nicht nur mit Krieg gedroht, sondern mit ihrer völligen Auslöschung. "Er sagte zu Nordkorea: 'Wenn Ihr vorhabt, uns oder unsere Nachbarn oder Verbündeten anzugreifen – dann werden wir Euch völlig zerstören.' Und ich sagte: 'Was reden Sie da, Mr. President? Wie zerstören Sie ein Land? Machen Sie, was die deutschen 'Einsatzgruppen' taten? Lassen sie antreten und erschießen? Millionen von Menschen?' Präventive Selbstverteidigung ist keine Selbstverteidigung. Und der Präsident der Vereinigten Staaten – kein Witz – argumentierte genauso wie einer der führenden Nazis? Da war mir nicht wohl dabei."

Wenn Donald Trump Sätze sagt, wie "Folter wirkt nicht? Glaubt mir, sie wirkt, ok?!" ist das für jemanden wie Ferencz unerträglich. Weil er dafür gekämpft hat, dass wir so etwas hinter uns lassen können. Er hat sich jahrzehntelang für die Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs eingesetzt, der Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verurteilt. "Ich habe härter als irgendjemand sonst, lebend oder tot, dafür gearbeitet", sagt Ferencz. "Und dieser Präsident sagt: 'Wir brauchen so ein Gericht nicht! Schafft es ab. Wenn ihr vorhaben solltet, einen Amerikaner zu verhaften und wegen Kriegsverbrechen anzuklagen, dann werden wir ihn befreien und sogar einen Krieg führen, wenn nötig.'"

Ferencz kämpft weiter – für Gerechtigkeit und Frieden

Die Grausamkeiten, die er im Krieg gesehen hat, sind sein Antrieb sein Leben lang. "Nach den Erfahrungen, die ihr in Deutschland gemacht habt, was in einem Krieg passiert: reicht das nicht für den Rest der Welt, zu sagen, dass wir unter keinen Umständen Waffengewalt nutzen werden, um unsere Streitigkeiten zu klären.

Wenn man tolerant und barmherzig ist, wird man erkennen, dass die Fähigkeit zum Kompromiss mit Feigheit nichts zu tun hat. Sondern, dass sie nötig ist, um eine friedliche Welt zu haben."

Die Weisheiten eines 100-Jährigen. Er kämpft nach wie vor, als sei er nicht 100, sondern 27 Jahre alt – wie seinerzeit als Chefankläger in Nürnberg. "Ich erwarte nicht, dass ich ewig lebe", sagt Ferencz, "aber hoffentlich kann ich meine Botschaft hinterlassen: Recht, nicht Krieg ist die Antwort. Ich wünsche Euch alles Gute!"

Bericht: Alex Jakubowski

Benjamin Ferencz: "Sag immer Deine Wahrheit: Was mich 100 Jahre Leben gelehrt haben"
160 Seiten, 17 Euro
Heyne Verlag, November 2020

Stand: 13.12.2020 23:20 Uhr

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