SENDETERMIN So., 13.12.20 | 23:20 Uhr | Das Erste

Recht versus Gewissen

Das große Filmprojekt "Feinde" von Bestsellerautor Ferdinand von Schirach

PlayFerdinand von Schirach: "Feinde"
„Feinde" von Ferdinand von Schirach – Recht versus Gewissen | Video verfügbar bis 13.12.2021 | Bild: ARD Degeto/Moovie GmbH/Stephan Rabold

Die Entführung eines Mädchens. Lisa von Bode aus wohlhabender Familie. Eine Lösegelderpressung. So beginnt der ARD-Film "Feinde".

Der Ermittler Peter Nadler, gespielt von Bjarne Mädel, ist seit Jahrzehnten Polizist. Er ist der Leiter der Sonderkommission Lisa. "Die Figur hatte für mich von Anfang an so eine Traurigkeit, die ihn auch drückt", sagt Mädel. "Weil er weiß, er ist schon mal zu spät gekommen, er konnte Menschen nicht retten, verspürt er jetzt diesen enormen Druck zu handeln." Wie viel Zeit ihnen diesmal bleibt, wissen sie nicht. Es gibt Hinweise auf den Täter: ein Sicherheitsmann der Familie. Doch sie finden keine Beweise. Und der Verdächtige schweigt. Stundenlang.

Nadler: "Sagen Sie mir wo sie ist."
Kelz: "Was?"
Nadler: "Herr Kelz, ich bin zu lange in dem Beruf. Ich weiß, dass Sie es waren."

"Wir müssen ihn zwingen. Wir machen ihm Angst. Solche Typen haben immer Angst", sagt Nadler schließlich zu seiner Kollegin.

Was passiert, wenn wir das eigene Gewissen über das Recht stellen?

"Wir stellen uns ja instinktiv auf die Seite desjenigen, der das Kind retten will", sagt Ferdinand von Schirach. "Und unsere Gefühle sind bei ihm. Und wir finden es spontan richtig. Und tatsächlich ist es aber grundfalsch und führt ins Verderben."

Das, wozu Nadler sich gezwungen sieht, verbietet ihm das Gesetz. Es ist die Verfilmung einer Geschichte von Bestsellerautor Ferdinand von Schirach. Ein realer Fall hatte ihn nicht losgelassen: die Entführung des Bankierssohns Jakob von Metzler im Jahr 2002. Die Ermittler nahmen damals den Verdächtigen Magnus Gäfgen fest. Ihm wurde Gewalt angedroht, damit er verrät, wo sein Opfer ist. Der Fall löste eine Debatte über Folter in Ausnahmefällen aus. "Ehrlich gesagt hat es mich wahnsinnig überrascht. Ich habe gedacht, dass es eine solche Diskussion nicht geben kann", so von Schirach. "Ich dachte irgendwie, wir sind gefestigter an diesem Punkt." Der Film setzt genau hier an. Was passiert, wenn wir das eigene Gewissen über das Recht stellen? Heiligt der Zweck die Mittel? Wie weit darf man gehen, um ein Menschenleben zu retten?  Oder darf auch der Fürchterlichste niemals angetastet werden? Wie unsere Verfassung das festschreibt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Es geht von Schirach darum, diese Fragen zu diskutieren.  

"Die Frage, die Grundfrage, ist: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wie soll eine Gesellschaft aussehen? Wollen wir eine Gesellschaft haben, in der verschiedenes Recht für verschiedene Arten von Menschen gelten? Je nachdem, ob sie Feinde oder Freunde dieser Gesellschaft sind."

Zwei Filme, zwei Perspektiven

Es ist ein besonderes Filmprojekt. Denn es gibt einen zweiten Film, der die gleiche Geschichte erzählt. Nur diesmal aus seiner Perspektive: des Strafverteidigers, gespielt von Klaus Maria Brandauer.

"Ich heiße Konrad Biegler und verteidige seit über 30 Jahren Menschen vor Gericht. In dieser langen Zeit habe ich nie einen nur guten oder einen nur bösen Menschen kennengelernt."

Seine Strategie: Der Angeklagte soll im Prozess schweigen, denn so lange es keine Beweise gibt, kann ihm nichts nachgewiesen werden. Kann er den Polizisten allerdings der Folter überführen, wäre die erzwungene Aussage ungültig. Und der Angeklagte könnte freigesprochen werden.

"Seine Leidenschaft ist es, das Recht herauszufinden", sagt Klaus Maria Brandauer. "Das Recht. Wie das mit der Gerechtigkeit, die auch eine große Rolle spielt in unserem Film, ausschaut, weiß ich nicht."

"Wo ziehen Sie die Grenze? Wann foltern Sie?"

Der Prozess. Kern des Films. Der Polizist kommt eigentlich als Zeuge. Doch dann entwickelt sich ein entscheidender Diskurs über das Fundament unseres Rechtsstaats.

Biegler: "Sie wollten also aufgrund der schwachen Indizien foltern? Oder genauer, Sie wollten ihn foltern, weil Sie glaubten, er sei der Täter?"
Nadler: "Ich glaubte es nicht nur, ich war mir sicher."

Nadler rechtfertigt sich, ihm ginge es um ein Menschenleben, es sei eine Art "Rettungsfolter" gewesen.

Biegler: "Und diese Rettungsfolter? Soll sie unter ärztlicher Aufsicht stattfinden?"
Nadler: "Das ist eine Frage der Organisation. Aber ja, ich kann mir das vorstellen.
Biegler: "Sollen wir an den Polizeiakademien Folterknechte ausbilden? Dem Zufall können wir es ja nicht überlassen. Professionell soll das ja schon zugehen. Sehen Sie nicht, wohin das führt, wenn Sie diese Tür öffnen?"
Nadler: "Sie übertreiben es völlig."
Biegler: "Lange nachdem die Folter in diesem Land abgeschafft wurde, haben die Nazis sie wieder eingeführt. Sie nannten es verschärfte Vernehmungsmethoden. Klingt doch fast so gut wie Rettungsfolter, nicht? Also, Herr Nadler. Wo ziehen Sie die Grenze? Wann foltern Sie?"

Den Rechtsstaat verteidigen, immer wieder

Ferdinand von Schirach sagt: "Wenn wir uns nicht mehr nach den Prinzipien des Rechtsstaates, wenn wir uns nicht mehr nach den Gesetzen, wenn wir uns nicht mehr nach der Verfassung richten, dann enden wir im Chaos. Es zerstört unsere Zivilisation, die Errungenschaften, die wir über Jahrhunderte erstritten haben.

Auch wenn es manchmal schwer zu ertragen ist. Gerade deswegen muss immer wieder über solche Fragen diskutiert werden, sagt von Schirach. Das sei besonders wichtig in einer Zeit, in der radikale Parteien Grundrechte angreifen. "Wir müssen uns an dieser Stelle immer wieder darüber bewusstwerden, was dieser Rechtsstaat eigentlich ist, wie er funktioniert und wie wir die Würde des einzelnen Menschen wahren können. Und das muss man immer wieder verteidigen, denn nur so können wir in einer Gesellschaft leben, in der wir gerne leben."

Im Film fordert Strafverteidiger Biegler schlussendlich den Freispruch seines Mandanten. Aber wäre das gerecht?

Bericht: Katja Deiß

Ferdinand von Schirach "Feinde"
Regie: Nils Willbrandt
3. Januar 2021, Das Erste, in allen Dritten Programmen und in der ARD Mediathek

Stand: 13.12.2020 23:20 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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