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Frauenhass im Netz

Markiert, beschimpft, bedroht: Warum gerade engagierte Frauen zur Zielscheibe werden

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Frauenhass im Netz | Bild: hr

Blanker Hass, getippt, gepostet – und gezielt gegen Frauen:

"Dass man als Frau noch mal anderen Arten von Anfeindungen ausgesetzt ist, dass es eben sehr schnell sehr sexistisch wird, sehr verletzend wird, sehr unter die Gürtellinie geht bis hin zu Vergewaltigungsphantasien in sozialen Netzwerken, das kann man schon beobachten", sagt die Linken-Politikerin Janine Wissler.

Es trifft die, die sich einmischen. Die sich für eine offene Gesellschaft einsetzen.

"Da reicht ein Schlagwort – Islam, Muslima, Migration – und sofort ist diese Meute da und schießt sich auf mich und andere ein", so die SPD-Politikerin Sawsan Chebli.

Auch auf Luisa Neubauer. Seit sie in der Öffentlichkeit steht, erlebt sie sexistische Beleidigungen. Die Frauen sollen mundtot gemacht werden. "Ganz schön krass", sagt Neubauer. "Ich weiß nicht, wie man heute junge Frauen guten Gewissens ermutigen möchte, sich öffentlich für irgendwas auszusprechen, wohl wissend, in was sie da rein rennen."

Je liberaler die Geschlechterordnung, desto massiver der Hass?

Sie will Klimapolitik ganz grundlegend ändern. Die Aktivistin Luisa Neubauer mobilisiert – auf der Straße, in Interviews, und vor allem über die sozialen Medien. Gerade war sie bei der Kanzlerin. Für viele macht sie das zum Vorbild, für Reaktionäre und Klimaleugner aber zum Hassobjekt. Gegen den Rechtspopulisten Akif Pirincci zog sie gerade vor Gericht: Wehrte sich gegen seinen sexistischen Post – erfolgreich. Luisa Neubauer geht es auch darum, dass Frauenhass den politischen Diskurs verschiebt:
"In dem Augenblick, in dem man Energie, Kraft, Ressourcen da hineininvestieren muss, sich zu organisieren, sich zu schützen, sich juristisch zu wehren, Kommentare zu löschen, zu blockieren. In dem Augenblick passiert schon ein Auseinanderdriften von Macht und Meinungsfreiheiten im digitalen Raum. Wenn die einen ununterbrochenen damit beschäftigt sein müssen, sich zur Wehr zu setzen, anstatt zum politischen Geschehen beitragen zu können, Demokratie zu gestalten und die anderen selbstverständlich sich austoben unter dem Siegel der Meinungsfreiheit. Das geht nicht auf."

Luisa Neubauer bekommt weit mehr Drohungen als ihre männlichen Kollegen. Und von anderer Qualität. Woher kommt diese Verachtung, die sich im Netz so unverhohlen zeigt? Es scheint: Je mehr sich die Geschlechterordnung liberalisiert, desto massiver ist der Hass.

Erniedrigungsphantasien – von Männern, in deren Weltbild gleichberechtigte Frauen nicht passen. Ein Weltbild, das besonders von Ultrarechten propagiert wird. Ihr Hass richtet sich vor allem gegen Frauen, die für liberale Werte eintreten.

Antifeminismus als Merkmal der Neuen Rechten

Janine Wissler erhält seit diesem Sommer Drohschreiben vom NSU 2.0. Weil sie sich seit Jahren gegen Rassismus und Rechtsextremismus engagiert, wurde sie zur Zielscheibe. Trotz Morddrohungen kämpft sie weiter gegen rechtsextreme Netzwerke in den Sicherheitsbehörden. Auch ihre Daten wurden über einen Polizeicomputer abgerufen. Und sie weist immer wieder hin auf den unterschätzten Zusammenhang zwischen rechter Ideologie und Frauenhass.

"Das haben auch die rechtsterroristischen Attentäter in den letzten Jahren immer wieder in ihren Schriften gezeigt", so Wissler, "dass da eben auch viel Frauenhass, Frauenverachtung, Antifeminismus zum Ausdruck kam. Und das ist auch bei dieser Drohmailserie so. Zum einen sind die Adressat*innen vor allem Frauen, aber auch der Wortlaut ist zum Teil ein sehr frauenfeindlicher, frauenverachtender, sehr sexistisch zum Teil. Aber das ist eben kein Einzelfall, sondern Antifeminismus und Frauenhass ist ein Merkmal dieser sogenannten Neuen Rechten."

Die NSU 2.0-Mails zeigen, dass aus Worten reale Bedrohungen werden können. Seit zwei Jahren werden sie verschickt. Die Täter sind immer noch nicht ermittelt. Doch Ressentiments gegenüber Frauen sind auch in der Mitte der Gesellschaft zu finden. Und sie können der Einstieg sein für weitere Radikalisierung. Gerade hier spielt die AfD eine entscheidende, verbindende Rolle: Wenn sie gegen ein modernes Frauenbild hetzt, stimmen ihr sowohl konservative als auch rechtsextreme Kreise zu.

"Meiner Meinung nach ist es so", sagt Wissler, "dass, wenn rechte Kräfte in der Gesellschaft stärker werden und die Gefahr von rechts wächst, dass dann eben auch Frauenrechte angegriffen werden. Weil im Gesellschaftsbild der Rechten eben nicht alle Menschen gleichberechtigt sind, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion. Und deshalb würde ich sagen: Da wo die Rechten stark sind, sind Frauenrechte in Gefahr."

Feindbild: Starke, engagierte Frauen

Die Politikerin Sawsan Chebli stellt oft pro Woche dutzende Strafanzeigen. Sie ist Muslima, engagiert sich gegen Antisemitismus, kritisiert die deutsche Migrationspolitik. Ein Mann bezeichnete sie im Netz als "islamische Sprechpuppe". Zur Gerichtsverhandlung bringt er seine Anhänger mit. Er bekommt keine Strafe. Die Bezeichnung falle unter "freie Meinungsäußerung". Juristische Grauzonen – die Bedroher nutzen sie. Ihr Ziel: Mürbemachen.

Chebli sagt: "Es ist egal wie man aussieht, es reicht, dass du als Frau, als junge Frau oder als Frau generell, deinen Mund aufmachst. Wir entlarven ja diese Männer und diese Hater, indem wir zeigen: Wir haben Grips im Kopf. Und dass, was sie versuchen darzustellen, ihr Frauenbild, entspricht ja überhaupt nicht dem, was wir darstellen: Die starke Frau, die es in ihrer Welt gar nicht geben darf. Und deswegen sind wir Feindbild. Und deswegen gehen sie so ins Persönliche und versuchen damit Frauen zu verletzen."

Den Hass gesamtgesellschaftlich bekämpfen

Was macht das mit den Frauen? "Das ist die falsche Frage!", sagt Luisa Neubauer – es muss jetzt darum gehen, den Hass gesamtgesellschaftlich zu bekämpfen und dafür zu sorgen, dass sich Frauen sicher fühlen. "Das was online passiert", so Neubauer, "bleibt ja nicht zwangsläufig online. Es ist mittlerweile super aufwändig für mich öffentlich auf einen Streik zu gehen oder zu einer Veranstaltung, weil überhaupt nicht gegeben ist, dass jemand, der mich online so hart angeht, das nicht auch irgendwann offline tun wird."

Gegen Bedrohungen und Sexismus braucht es eine Sensibilisierung der Gerichte, eine bessere Verfolgbarkeit der Hater und ein stärkeres Bewusstsein in der Gesellschaft. "Jetzt kommt es darauf an, wer sozusagen die Hoheit über den Diskurs gewinnt", sagt Sawsan Chebli. "Diejenigen, die uns zurückdrängen wollen, oder diejenigen, die Frauen unterstützen oder insgesamt dafür sorgen, dass wir auch in der Realität eine Gleichstellung haben."

Chebli, Wissler und Neubauer stehen für viele Frauen. Sie lassen sich nicht zurückdrängen!

Bericht: Katja Deiß

Stand: 14.09.2020 12:45 Uhr

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