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Jan Böhmermann ist zurück!

Über digitale Aphorismen und kritischen Journalismus

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Jan Böhmermann - digitale Aphorismen, kritischer Journalismus | Video verfügbar bis 13.09.2021 | Bild: zdf

Das Studio König in Köln-Ehrenfeld. Hier wurde bis zum vergangenen Herbst Jan Böhmermanns "Neo Magazin Royale" aufgezeichnet. Wir treffen auf dem Dach: Einen Moderator, der sich erstmal Luft verschaffen musste.

"Ich hatte gedacht: Wie machst du es am besten, jetzt mal ein Jahr nichts im Fernsehen zu machen? Und dann ist mir die Idee gekommen mit diesem Virus. Ich mache einfach dann Pause, wenn die ganze Welt Pause macht. Ne, tatsächlich: Diese Fernsehmühle ist so, dass du die ganze Zeit im Loop hängst und immer das, was passiert, darauf scannst, wie du es verwerten kannst für eine Sendung. Das ist schon auf Dauer sehr anstrengend."

"Twitter ist Literatur."

Das Weltgeschehen scannen, verarbeiten, kommentieren. Das hat Jan Böhmermann auch stets auf Twitter gemacht. Nur 280 Zeichen ein Tweet, 25.000 hat er in den letzten Jahren abgesetzt – und eine Auswahl davon jetzt als Buch veröffentlicht. Das Internet ausdrucken: Klingt erstmal nach einer schlechten Idee. "Ich habe auch erst gedacht, das ist keine gute Idee", sagt Böhmermann. "Aber der Satz, an dem es losging ist: 'Twitter ist Literatur'. Ich befürchte, dass das eine neue Form von Literatur ist, die sich noch nirgendwo eingeordnet hat."

Böhmermann versteht das Buch vor allem als eine Frage: Was passiert mit den kurzen Twitter-Texten außerhalb ihres Kontextes? Tatsächlich ist es eine radikal subjektive Chronik und gerade deswegen ungemein spannend. Zeitgeschichte, die Welt der vergangenen elf Jahre und wie Jan Böhmermann sie sah.

Wer beherrscht den Diskurs im Internet?

Jeder Tweet ist  eine Positionierung von Böhmermann. Und die wird kommentiert, korrigiert, angegriffen – Twitter ist der Ort der unaufhörlichen und öffentlichen Auseinandersetzung.

"Twitter wird abgetan als: Das ist eine Bubble. Das sind oft so defensive Argumente aus klassischen Medien, die das nicht einordnen wollen, weil sie sich, glaube ich, dann eingestehen müssen, dass ihnen dieses Medium einfach einen Teil der Macht nimmt. Das Internet ist natürlich nicht der freie demokratische Diskursraum, in dem jeder gleichermaßen gehört wird. Sondern das ist einfach ein komplexes und verzerrtes Paralleluniversum, was in einer total spürbaren Wechselbeziehung mit der Wirklichkeit steht. Ein gutes Beispiel: Der 'Sturm' auf den Reichstag. 200 Rechtsextreme und so ein paar Bachblüten-Fans aus Baden-Württemberg denken, sie haben gewonnen, sie haben es geschafft. Letztlich ist das die Wirklichkeitswerdung von etwas, was die Leute, die das gemacht haben, seit zehn Jahren im Internet, im Digitalen machen: sich Hochschaukeln, irgendwelche Wahn-Konstrukte bauen, sich darin gegenseitig bestärken und sich irgendeine Art von Ziel setzen."

Mit der deutschen Beschaulichkeit, wie sie hier in der Studiokantine konserviert wird, ist es spätestens seit 2015 vorbei. Vor allem mit den Mitteln des Internets gelang es einer aggressiven Minderheit, den gesellschaftlichen Diskurs zu beherrschen. Böhmermann sagt: "Die politische Rechte und rechtsextreme Misanthropen haben die Möglichkeiten des Internets besser zu nutzen verstanden, als die demokratische Mehrheitsgesellschaft. Es gibt eine Unterrepräsentation, eine deutliche Unterrepräsentation, von normalen, demokratischen, zugewandten Positionen oder eine komplette Überbewertung von rechtsextremen Positionen als vermeintlich mehrheitsfähig."

Das Internet verstaatlichen und regulieren

Wohin die Überbewertung rechtsextremer Positionen führen kann: Ein menschenunwürdiges Lager, für das sich seit Jahren keiner verantwortlich fühlt, das schließlich brennt – und ein Innenminister, der höchstens 150 Geflüchtete aufnehmen will, obwohl die Zivilgesellschaft Bereitschaft zeigt. Doch sie muss im Internet den Raum besetzen, Demokratie verteidigen: ein Thema um das es auch in seiner neuen Show sicher viel gehen wird. Er befürchtet aber, die Zivilgesellschaft alleine wird's nicht richten.

"Durch das Buch zieht sich eine politische Forderung, ich glaube seit 2013: Google verstaatlichen, Facebook enteignen und Twitter regulieren. Das muss alles vergemeinschaftet werden. Das ist systemrelevante Infrastruktur, genauso wie im 19. Jahrhundert Eisenbahn, wie irgendwann Telefon oder Fernsehen. Das kann man eines Tages wieder privatisieren. Aber zuerst muss das vergemeinschaftet werden. Es geht gar nicht anders. Es ist zu wichtig."

Im Interview startet der bundesweite Warntag, Sirenen heulen. Böhmermann sagt: "Das hat der Verlag Kiepenheuer und Witsch für mich organisiert. Das ist der Literaturalarm. Bundesweit werden die Menschen aufgefordert, das Buch zu kaufen. Entwarnung: Es ist alles nicht so schlimm."

Beitrag: David Gern

Jan Böhmermann "gefolgt von niemandem, dem du folgst: twitter-tagebuch. 2009-2020"
464 Seiten, 22 Euro
Kiepenheuer&Witsch, 10. September 2020

Stand: 14.09.2020 09:33 Uhr

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