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Geist, Glamour, Abgründe

Die Pulitzer-Preis-gekrönte Biografie "Sontag" über Susan Sontags beeindruckendes Leben

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Die Pulitzer-Preis-gekrönte Biografie "Sontag" | Video verfügbar bis 13.09.2021 | Bild: hr

Wo sie war, war Licht. Geist. Glamour. Sie verkörperte den Mythos von Schönheit und Intellekt: Susan Sontag war die letzte überlebensgroße Intellektuelle der USA. Eine Literaturikone– und: radikale Denkerin.

"Sie war absolut überall. Sie schrieb diese komplizierten Essays über Jean Paul Sartre oder Elias Canetti. War aber auch Gast in der Comedy-Show 'Saturday Night Live', spielte in einem Woody Allen Film, war auf dem Cover der 'Vogue'. Es gibt niemanden in der Geschichte der USA, der in so vielen Bereichen so wichtig war", sagt ihr Biograf Benjamin Moser.

Wie Sontag den Sontag-Mythos selbst erfand

Sontag interpretierte ihre Zeit: in luziden Schriften über Queerness, Fotografie, über Krankheit. Ihr Markenzeichen: pechschwarzes Haar, graue Strähne. Sie gierte denkend nach Leben. Ihre Neugier auf die Welt: grenzenlos.

Susan Sontag
"Ich bin nicht nur Schriftstellerin. Ich bin eine Bürgerin. Eine Frau. Ich habe viele Identitäten."

Über 15 Jahre nach ihrem Tod erscheint nun die erste vom Sohn autorisierte Biographie: Sie erzählt, wie Sontag den Sontag-Mythos selbst erfand. Erfinden musste.

"Sie musste mehrere Persönlichkeiten entwickeln, um zu überleben", so Moser. "Emotional und physisch musste sie zu jemandem werden, der sie nicht war. Ursprünglich war sie ein ganz normales Mädchen aus dem Herzen Amerikas: doch sie wollte europäische Philosophin werden – oder ein Hollywood-Filmstar."

Thomas Mann: Der, den sie "Gott" nennt

Sie wuchs auf in der Provinz Südkaliforniens, im Schatten Hollywoods. 1933 hineingeboren in eine jüdische, bildungsferne Familie. Der Vater stirbt früh, sie ist erst fünf. Die Mutter – verfällt dem Alkohol. Interessiert sich kaum für Susan und ihre Schwester. Sontag flieht in Literatur und Philosophie, liest sich durch den Kanon. Eine Aura frühreifer Strenge umgibt sie. Die Überfliegerin sucht nach Austausch und Anerkennung. Sie studiert in Berkeley, später Chicago, Harvard. Erfindet sich neu. Noch in Kalifornien lernt sie Thomas Mann im Exil kennen, da ist sie 16. Mit zwei Freunden trifft sie den, den sie "Gott" nennt.

"Sie sagte: 'Er war die erste Person, von der ich mir durch Fotografien bereits vor dem Treffen ein genaues Bild gemacht hatte.' Von Thomas Mann, dem Nobelpreisträger, die große Stimme deutscher Kultur! Und dann war da dieser reale Mensch, der eigentlich ziemlich langweilig war. Eine Enttäuschung für sie und ihre Freunde. Aber sie war wie besessen von dieser Geschichte." Auch weil sie bei Thomas Mann etwas von sich entdeckt: verschwiegene homosexuelle Neigungen. Es wird für ihr Werk wichtig.

Sontag bekannte sich nie zu ihrer Homosexualität

Moser ist der Erste, der alles aus Sontags Nachlass einsehen durfte. Auch die bisher nie veröffentlichte Liste – zwischen ihrem 14. und 17. Lebensjahr erstellt: Darauf 36 Frauen und Männer, mit denen sie geschlafen hat. Sie nennt sie "Fortschritte in Bisexualität".

"Sie verfolgte den Plan, dass sie mit mehr Männern als Frauen schlafen wollte, um heterosexuell zu werden. Das hat eine komische, aber auch eine verzweifelte Seite. Denn, was sie wirklich will, ist mit Frauen schlafen. Und das war die eigentliche Revolution in ihrem Leben. Sie selbst sagt in ihren Tagebüchern, dadurch sei sie 'wiedergeboren' worden." Doch: sie wird sich nie outen. Sie heiratet, wird mit 17 Mutter. "Ich habe immer so getan, als wäre mein Körper nicht da", schreibt sie. Desto mehr "da" ist ihr brillanter Kopf! 1966 spricht sie beim PEN-Kongress in Princeton. Zukünftige Nobelpreisträger hängen an ihren Lippen.

Susan Sontag
"
And I do have things to say but I won’t say them in the form of art."

Sadomasochismus und die Faszination für Leid

Obwohl sie den für die queere Community so wichtigen Essay "Notes on Camp" und später über die AIDS-Krise schrieb: zur eigenen Sexualität bekannte sie sich nie. Und stieß so viele Menschen ab.

"Sie konnte nicht erkennen", sagt Moser, "wie andere Menschen auf sie reagierten, wie sehr sie andere Menschen verletzen konnte. Denn in gewisser Weise war die Welt des Körpers, die Welt anderer Menschen – lange nicht so wirklich für sie wie: Aristoteles!"

Selbst zu ihrer langen Beziehung mit Star-Fotografin Annie Leibovitz hat Sontag sich nie bekannt. Und sie war grausam, verletzend, speziell zu ihr. "Das schlimmste Paar", so Sontags Sohn. Doch Leibovitz, die Moser auch interviewte, nahm es der großen Diva nicht übel. Wusste, wie sie tickte. Und Moser meint es auch zu wissen: "Sie hatte eine fast lustvolle Beziehung zur Grausamkeit. Es gibt viel Sadomasochismus in ihrem Werk und auch in ihrem Privatleben. Es gibt diese Faszination für Leid: wie wir es zufügen und es erleben."

Die große Diva, die das kleine Mädchen in sich schützt

Viele, die der realen Frau begegnet sind, wurden enttäuscht, weil die Wirklichkeit hinter dem Mythos zurückblieb. Das zeigt Moser eindrücklich. Doch auch er verzeiht: denn der Sontag-Mythos war ihre "dauerhafteste Schöpfung". Und: ihre Flucht aus einer unbehüteten Kindheit. "In ihrem Tagebuch nennt sie sich 'Sue'. Sue ist das kleine, verängstigte Mädchen. 'Susan' ist die Erwachsene und 'Sontag' ist dann diese berühmte Figur. Es ist wie bei einer russischen Schachtelpuppe. Sie wird nur zu dieser großen Diva, um das kleine Mädchen in ihr zu schützen."

Die Brüche in ihrem Leben verbindet Mosers Biographie virtuos mit Sontags Werk: das Porträt der vielleicht letzten großen Diva der Literatur.

Beitrag: Brigitte Kleine

Benjamin Moser "Sontag: Die Biografie"
928 Seiten, 40 Euro
Penguin Verlag, 14. September 2020

Stand: 14.09.2020 09:33 Uhr

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