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Wie lebt es sich in Teheran?

Trumps Bombendrohungen oder: sehenden Auges ins Desaster

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Wie lebt es sich in Teheran?  | Video verfügbar bis 14.07.2020 | Bild: hr

Wie lebt man eigentlich gerade in Teheran? Auf den ersten Blick ist alles ganz normal. Die Bomber, die schon in der Luft gewesen sein sollen, hat US-Präsident Trump vor zehn Tagen zurückgezogen. Vorerst. Es fühlt sich an, als würde einem langsam die Luft abgeschnürt, sagen die, mit denen wir sprechen.

Wirtschaftliche und militärische Bedrohung

Vorbei ist die Zeit der Hoffnung, die 2015 angebrochen war, nach dem Abschluss des Atomabkommens. Wirtschaftlicher Aufschwung, politische Öffnung und Liberalisierung, das war die Stimmung, die die Iraner damals optimistisch machte, obwohl die Mullahs an der Regierung waren. Die Politik Donald Trumps hat die Revolutionsgarden wieder mächtig werden lassen. Und die Zivilgesellschaft wird stärker denn je zum Schweigen gebracht. Trump macht milliardenschwere Waffendeals mit dem Erzfeind Saudi-Arabien, sagen Karikaturen auf Plakaten in der Stadt – während der Iran wirtschaftlich und auch militärisch massiv bedroht wird. Der Politikwissenschaftler Michael Lüders beschreibt es so:
"Grundsätzlich muss man sagen dass dieser enorme Druck, der auf der iranischen Bevölkerung lastet und auf dem Regime, vor allem zu einer Stärkung der Hardliner führt. Weil die natürlich zurecht argumentieren können: 'Wir haben euch immer gesagt, es bringt nichts mit dem Westen zu verhandeln. Das ist nur leeres Gerede. Die bieten uns aber in der Sache nichts.' Hinzu kommt, dass diese Sanktionen die Mittelschicht im Iran in die Verarmung treiben. Die Inflationsrate ist sehr hoch, der Wertverlust des iranischen Rial liegt bei 70 Prozent, auf das vorige Jahr bezogen. Und das bedeutet, dass Leute mit festem Einkommen – Lehrer, Hochschulangestellte, Ärzte – sich im Grunde genommen ökonomisch im freien Fall befinden. Das ist auch deswegen tragisch, weil die Mittelschicht im Iran eigentlich derjenige Gesellschaftsteil ist, aus dem heraus ein gesellschaftlicher Wandel in Richtung Reformen hervorgehen könnte."

Das öffentliche Leben erstarrt

Besonders die gemäßigten Kräfte leben nun in Angst vor Verhaftungen. Die Hardliner lassen ihre Stimmen nicht mehr zu. Viele der Künstler, Bloggerinnen und Barbesitzer werden genau beobachtet oder sind im Gefängnis. Keiner will vor der Kamera mit uns sprechen. Die Sanktionen wirken sich auf alle Lebensbereiche aus: Mehr als 500 Restaurants sind bereits geschlossen, das öffentliche Leben erstarrt.

"Taxi Teheran" heißt ein Film, den der iranische Regisseur Jafar Panahi vor vier Jahren in die deutschen Kinos brachte. Die bekannte Menschenrechts-Anwältin Nasrin Sotudeh spielt darin sich selbst. Mehrfach wurde sie vom Regime inhaftiert. Vor  wenigen Monaten wurde sie zu 38 Jahren Gefängnis verurteilt. Wir besuchen ihre Freundin Parastou Forouhar, die bekannteste iranische Künstlerin in Deutschland. Sie spricht regelmäßig mit dem Mann ihrer Freundin Nasrin in Teheran.
Reza Khandan ist selbst erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen worden. Er muss aufpassen, was er jetzt sagt. Wie es seiner Frau geht, will Parastou Forouhar wissen und wie sich die Leute in Teheran fühlen. Er berichtet, wie durch Boykott und Repressalien das Kulturleben fast zusammenbricht: Theater, Verlagswesen, Zeitungen. Alles sei armselig geworden, seitdem es die Sanktionen gibt. Und die Angst vor dem Krieg, erzählt er, werde fast verdrängt angesichts der großen Probleme, die im Alltag zu meistern sind. Und doch schwebt die Gefahr eines Krieges über allem.
"Das begleitet einen den ganzen Tag", erzählt Parastou Forouhar. "Besonders in so einem Alltag, wie ich ihn habe in Deutschland: Sicher, geregelt, alles friedlich. Und dann diese Gedanken als Bedrohung ständig. So ein Krieg in diesem Land, wo ich aufgewachsen bin, was ich sehr gerne habe und mit dessen Menschen dort ich mich sehr verbunden fühle.

"Es geht nicht um die Menschen. Es geht um Handel."

Bedrohung und Mangel: Die Ärmsten im Land trifft es besonders hart. Der Boykott funktioniert, weil fast die ganze Welt mitmacht, erpresst von den USA. Denn wer sich mit dem Iran einlässt, wird selbst boykottiert. Schwierig wird auch die medizinische Versorgung. In den Regalen der Apotheken stehen oft nicht mehr die Original-Medikamente, sondern schlechte Imitate, zum Beispiel aus China. Das hat schon viele Menschen hier das Leben gekostet.

Die Regisseurin Narges Kalhor ist Regisseurin, Tochter des ehemaligen Kulturberaters unter Ahmadineschād floh vor zehn Jahren nach Deutschland. Sie erzählt uns, zu was die Not manche Menschen im Iran treibt: Sie bieten die eigenen Organe an: "Es gibt dort viele viele Menschen, die Nieren zum Beispiel verkaufen, die brauchen dringend Geld. Hier, auf diesem Plakat, sieht man: 'Niere, das ist O-Plus', diese Blutgruppe. Die Frau ist 23 Jahre alt. 23 und hat geschrieben: 'Bitte zerreißt die Anzeige nicht, ich brauche dringend das Geld!' Was mich am meisten ärgert: Es geht nicht um Menschenrechte. Es geht nicht um die Menschen im Iran. Es geht nicht darum, die Iraner nach 40 Jahren von einem diktatorischen System zu befreien. Es geht um Handel."

Ein gefährliches Machtspiel

Eigentlich könnte der Iran der erfolgreichste Industriestaat der Region sein. Aber das wäre nicht im Interesse Trumps und seiner Verbündeten in Israel und Saudi-Arabien. Ein Machtspiel, das auch die Europäer in fatale Abhängigkeiten bringen soll. Michael Lüders sagt: "Man hat den Eindruck, dass viele politische Vertreter, die groß geworden sind mit der Überzeugung einer gemeinsamen Wertegemeinschaft im Schatten der USA, es überhaupt gar nicht fertig bringen, eine Politik zu verfolgen, die sich von den USA löst. Das ist gefährlich, weil, wenn man eigene Interessen nicht benennt, andere, die skrupelloser sind, ihre umso rücksichtsloser durchzusetzen werden. Kommt es zum Krieg um den Iran, wird ein massiver Flüchtlingsstrom die Folge sein und wer wird diese Flüchtling dann wohl aufnehmen? Ganz gewiss nicht die Amerikaner!"

Bericht: Alex Stenzel

Stand: 15.07.2019 08:45 Uhr

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