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Kate Tempest

Poesie, Musik, Protest

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"Es ist schwer. Wir stehen mit gesenktem Kopf und gesträubten Nackenhaaren, mit dem Rücken an der Wand. Ich kann dich fühlen – ächzend."

Sie ist so intensiv. Ihre Worte malen die dunkelsten Räume aus, machen die tiefsten Gefühle sichtbar. Kaum zum Aushalten, dicht und eindringlich. Kate Tempest ist der Star unter Europas Spoken-Word-Künstlern.

"Ich schaue in eure Gesichter. Es gibt so viel Frieden, den man finden kann in den Gesichtern der Menschen."

Süd-London: Bühne ihres Lebens

Ihre Gesichter meint sie, ihr Lachen, ihre Lebensenergie, ihre Verzweiflung, ihren Kampf ums tägliche Überleben: Es ist ihre Community in Südlondon. Ihr 'Stamm', wie sie sagt, lebt im Stadtteil Deptford. Hier ist Kate Tempest aufgewachsen und zur Schule gegangen. "Da hat sich mein ganzes Leben abgespielt", erzählt sie. "Eine Bühne für die unglaublichsten Begegnungen, die ich jemals hatte. Freundschaften. Leben – eben einfach leben. Dieser Ort hatte einen Rieseneinfluss auf meine Arbeit."

Als Teenager hat sie die Schule abgebrochen, um Shakespeare zu lesen und Musik in sich aufzusaugen. Mit 16 stand sie das erste Mal auf der Poetry-Slam Bühne in einem unscheinbaren Off-Theater in Deptford, dem 'Albany'. "Das Albany ist ein unglaublicher Ort, weil er so offen ist", so Tempest. "Dort gab es Poesie-Kurse. Und als ich Anfang 20 war, und das zu meinem Job machen wollte, waren die Leute dort total entscheidend. Weil sie mich angestoßen haben, in Schulen zu gehen und Workshops zu geben. Dadurch konnte ich mich ganz auf meine Musik und das Schreiben konzentrieren."

Tempest besingt unsere Betäubung, unsere Gleichgültigkeit

Heute füllt Kate Tempest Konzertsäle nicht nur in London, auch in L.A. und Paris mit ihren sprachgewaltigen Songs. Einer davon: "Europe is lost".

"Europa ist verloren. Amerika: verloren. London: verloren. Immer noch rufen wir Siege aus, überall ist Bedeutungslosigkeit. Idioten. Wir haben nichts aus der Geschichte gelernt, dass Leute tot sind während sie leben, betäubt vom Leuchten in ihren Straßen. Aber seht: Wie der Verkehr immer noch weiterfließt. Das System ist zu glatt, um es zu stoppen. Das Geschäft läuft ja gut, es gibt Bands in den Pubs und zwei Drinks für den Preis von einem."

Tempest besingt unsere Betäubung, unsere Gleichgültigkeit und die Kosten, die wir trotzdem zahlen für die aktuellen politischen und kapitalistischen Exzesse. "Ich bin keine Politikerin", sagt sie, "und keine öffentliche Intellektuelle. Ich bin Künstlerin. Und lasse meine Kunst sprechen. Das ist mein Ausdruck und auf vielfältige Weise meine Interpretation der Wirklichkeit."

"Die Löwen verwandeln sich in Junge und ich habe gesehen, wie die Jäger zur Beute werden. Unsere Lektionen werden morgen wiederkehren und wiederkehren, wenn wir sie immer noch nicht gelernt haben - heute."

So ein Song aus ihrem neuen Album "The Book of Traps and Lessons". Das gegenwärtige Großbritannien: Prekäre Verhältnisse, nationalistische Politik, der alltägliche Rassismus und Polizeigewalt. Der Song "Brown Eyed Man" geht so:

"Mein Freund. Sie legten ihm Handschellen an. Sie schlugen ihn in ihrem Transporter. Dabei hatte er gar nichts gemacht. Aber als er sie sah, rannte er, natürlich. Sie verfolgten ihn, waren grob. Er sagte nichts. Biss nur auf seine Lippe."

Solidarität, Resonanz, Empathie

In ihren neuen Songs singt sie jetzt auch über die Liebe. Schöne Gefühle. Die Solidarität, die Resonanz und die Empathie – das was sie auf der Bühne erleben will: "Verbindung ist das, worauf man hofft. Eine Verbindung zu dir selbst und deiner Erfahrung, gespiegelt durch die Person auf der Bühne. Und das bringt uns näher, verbindet uns mit den Erfahrungen der anderen und alle miteinander."

Bericht: Hilka Sinning

Kate Tempest – "The Book of Traps and Lessons"
Audio-CD: 9,99 Euro
Caroline (Universal Music), Juni 2019

Stand: 15.07.2019 03:26 Uhr

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Hessischer Rundfunk
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