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 "Nachtleuchten"

Maria Cecilia Barbetta und ihr neuer Roman

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 "Nachtleuchten" | Video verfügbar bis 14.10.2019 | Bild: hr

Maria Cecilia Barbetta lebt seit 22 Jahren in Deutschland, ihre Kindheit verbrachte sie in Buenos Aires. Die deutsche Sprache war für sie ein Akt der Befreiung, sie schreibt auf Deutsch und liebt diese Sprache, die ihr größere Leichtigkeit und Distanz zum Erzählten gebe, eine Art "Schutzraum", wie sie sagt. Barbetta spielt mit den Worten und Redewendungen, aus "Ausfahrt freihalten" wird zum Beispiel "Freiheit aushalten".

Die deutsche Gesellschaft beeindrucke sie, weil sie sich auf das Gespräch einlasse, andere Meinungen zulasse und zuhöre. Wenn aktuell AfD-Sympathisanten sagen, "unsere Sprache ist deutsch", verletzt sie das –es sei auch ihre Sprache, insistiert Barbetta, aber immer häufiger werde sie nun als "argentinische" Autorin adressiert – obwohl sie doch Deutsch schreibe.

" Wenn ich die 'Pasta Frola' sehe, bin ich sofort in Argentinien"

Maria Cecilia Barbetta hat ein Fahrrad mit Alarmanlage – um es den Dieben in Berlin wenigstens ein bisschen schwerer zu machen. Wenn man, wie sie, seit über 20 Jahren in dieser Stadt lebt, ist man eingerichtet auf die Fährnisse des Lebens hier: Barbetta ist schon lange auf dem Boden der Berliner Tatsachen angekommen.

Aber als wir uns mit ihr in einem kleinen argentinischen Café in ihrem Kreuzberger Kiez treffen, gerät sie im Angesicht der klebrig süßen Pastetchen aus der alten Heimat dann doch ins Schwärmen: "Ich lese 'Alfajores Maicena', ich erkenne 'Tita', 'Pasta Frola' – wenn ich die 'Pasta Frola' sehe, bin ich sofort in Argentinien. Ich bin bei meiner Oma, die das immer wieder gebacken hat, ich weiß ganz genau, wie es schmeckt und ich bin voller Gefühle."

"Die Angst ist die Kulisse dieser Zeit"

Und damit sind wir auch schon mitten in Maria Cecilia Barbettas Roman "Nachtleuchten". Sie berichtet darin vom Leben ganz normaler Leute in Argentinien Anfang der 70er Jahre. Die Erzählerin nimmt den Leser mit in eine Autowerkstatt und einen Friseursalon. An Orte des Alltags. Sie will ergründen, wie das Leben aussieht am Vorabend einer autoritären Machtübernahme. Wie fühlt es sich an, wenn die Angst zum ständigen Begleiter wird? Barbetta selbst war vier Jahre alt, als sich 1976 das Militär an die Macht putschte.

"Ich war ein Kind", sagt sie. "Aber natürlich – auch wenn man die Politik der damaligen Zeit nicht versteht, spürt man, was alles da ist in der Luft. Und das sind Dinge, die einen prägen. Diese Angst ist sozusagen die Kulisse dieser Zeit. Aber das ist nicht nur die Angst, sondern es ist eine permanente Unsicherheit und Unklarheit."

"'Ausfahrt freihalten' – 'Freiheit aushalten'"

Maria Cecilia Barbetta trägt diese düstere argentinische Geschichte in sich. Es ist ein Gefühl, das sie sensibel gemacht hat für Sprache, mit der ja immer alles anfängt. "Die Militärdiktatur, die die Macht übernommen hat, hat sich der Sprache auch bemächtigt, sie nannten sich selbst 'Proceso de Reorganización Nacional', also 'Prozess nationaler Reorganisation' – das ist ein Euphemismus", so Barbetta.

Ein ganzes Kapitel ihres Romans spielt in einer Autowerkstatt. Eine Erinnerung an ihren Großvater, der Automechaniker war und in dessen Werkstatt sie immer nach der Schule viel Zeit verbrachte. Im Roman lässt sie eine Nonne auf einem Moped vorüberfahren - an der Toreinfahrt steht ein Schild: "Ausfahrt freihalten", im eiligen Vorbeifahren aber wird daraus: "Freiheit aushalten". "Das Schöne an dieser Geschichte ist, mein Freund hat aus dieser Idee wirklich ein Schild machen lassen: 'Ausfahrt freihalten' – 'Freiheit aushalten'", erzählt die Schriftstellerin.

In Barbettas Buch wimmelt es von Satzkaskaden, Synonymen und Wortspielen. Manchmal kalauert es sogar, aber immer wieder, wie bei diesem "Freiheit aushalten", wird es plötzlich ernst. Sie ist zu Hause in der deutschen Sprache – aber zugleich gibt ihr die Distanz der Fremdsprache eine große Freiheit mit Worte zu spielen – sowie eine hohe Sensibilität, mit der sie Veränderungen und Radikalisierungen bemerkt, die sich in die Sprachgewohnheiten der Menschen um sie herum einschleichen.

"Die deutsche Gesellschaft vergisst sehr, sehr oft, was sie alles hat"

"Die Gesellschaft, die argentinische Gesellschaft, hat diesen ganzen Terror, der ’76 anfing, nicht wirklich kommen sehen. Das heißt, die haben die Angst gespürt, aber nicht im richtigen Moment das abwenden können. Deswegen ist jetzt der Moment des Innehaltens und des Dialogs. Und ich glaube, dass die deutsche Gesellschaft sehr, sehr oft vergisst, was sie alles hat", so Barbetta.

Maria Cecilia Barbettas Roman, nominiert für die Shortlist zum Deutschen Buchpreis, ist das Gemälde einer Gesellschaft, die am Vorabend einer dunklen Epoche steht und es nicht wahrhaben will. Dieses Buch erzählt davon, wie eine Gesellschaft erst schleichend und dann über Nacht eine andere wird – wenn die Mehrheit schweigt.

Bericht: Ulf Kalkreuth

María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten
528 Seiten, 24,00 Euro
S. Fischer Verlag, August 2018

Stand: 18.05.2019 09:23 Uhr

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