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Ein Stück deutscher Geschichte: Das Protokoll des NSU-Prozesses

Ein Stück deutscher Geschichte: Das Protokoll des NSU-Prozesses

PlayAnnette Ramelsberger
Ein Stück deutscher Geschichte: Das Protokoll des NSU-Prozesses | Video verfügbar bis 14.10.2019 | Bild: hr

Fünf Jahre lang ist sie in den tageslichtlosen Münchner Gerichtssaal gegangen, um zu protokollieren, wie Recht gesprochen wird gegen die NSU (rechtsradikale Terrorgruppe 'Nationalsozialistischer Untergrund'), über zehn Morde, drei Sprengstoffattentate und 15 Raubüberfälle wurde dort verhandelt. Annette Ramelsberger und drei weitere AutorInnen haben diesen Prozess festgehalten, der einer der größten und längsten der Nachkriegszeit war – ein Lehrstück in deutscher Geschichte. Fünf Bände sind es geworden. Nicht zum Lesen, aber ein Dokument zum Nachschlagen. Der Verlegerin Antje Kunstmann sei Dank.

"Tiefenbohrung in die deutsche Geschichte"

Vor knapp 30 Jahren fiel die Mauer. Wenn man heute eine Zeitkapsel für künftige Generationen packen würde und darin die Zeugnisse der wichtigsten Ereignisse im wiedervereinigten Deutschland einlagern sollte, dann müsste diese fünfbändige Ausgabe der NSU-Prozess-Protokolle auf jeden Fall dabei sein. "Das ist auch eine Tiefenbohrung in die Gesellschaft nach der Wende. Und das ist das, was für mich dieses Protokoll auch noch mal zu einem historischen Dokument macht, was über die diese Taten des NSU hinausgeht", sagt die Verlegerin Antje Kunstmann.

Der Gerichtssaal A101 im Münchner Strafjustizzentrum ist ein nicht besonders großer, fensterloser Raum. Merkwürdige Architektur, fast rund ist dieser Saal. Eine klaustrophobische Manege. Hier saßen 438 Verhandlungstage lang alle aufeinander. "In dieser Atmosphäre wurde dann, wie unter dem Licht einer Operationslampe, nach der Wahrheit gesucht. Irgendwann fühlt man sich, als wenn man die Zellennachbarin von Beate Zschäpe wäre. Nur dass man abends dann nach Hause gehen darf", berichtet Annette Ramelsberger, Gerichtsreporterin der "Süddeutsche Zeitung".

"Den Rechtsradikalismus in Deutschland hat man immer verharmlost"

Als einen "Blick in den Abgrund" bezeichnete sie diesen Prozess. Fünf Verfassungsschutzpräsidenten mussten wegen der NSU-Morde zurücktreten. Vor Gericht erschienen als Zeugen Verfassungsschützer mit Perücken und angeklebten Bärten, um ihre Identität und damit ihren Totalausfall beim Schutz unserer Verfassung zu verschleiern. Inzwischen gibt es eine feststehende Wendung für das, was die NSU-Morde möglich machte: Staatsversagen.

"Das Problem der deutschen Ermittler ist wirklich, dass sie seit Jahren von Linksextremismus geprägt sind und eben neuerdings von Islamismus. Und den Rechtsradikalismus in Deutschland hat man immer verharmlost", so Ramelsberger. Und der Publizist Tanjev Schultz fügt hinzu: "Und das kann auch so etwas sein, wie mehr oder weniger offene latente rassistische Strukturen in den Sicherheitsbehörden. Auch dafür haben wir ja einige traurige Beispiele und Fälle im NSU-Komplex gesehen."

Nachfolger "Revolution Chemnitz"

Der Publizist Tanjev Schultz hat in seinem Buch "NSU – der Terror von Rechts und das Versagen des Staates" die komplette, fast 20-jährige Geschichte dieser rechtsterroristischen Vereinigung aufgeschrieben. Von V-Männern ist da die Rede, die – finanziert vom Verfassungsschutz – ein stramm rechtsradikales Eigenleben führen. Von Verfassungsschützern aus Thüringen, die denen aus Sachsen ihre Erkenntnisse nicht weitergeben. Von Polizisten, die den Verfassungsschützern misstrauen. Und über allem schwebt der Verdacht, dass Sicherheitsleute selbst mit dem NSU sympathisierten.

Spätestens seit dem 1. Oktober wissen wir, dass die Geschichte des NSU mit dem Urteilsspruch vom Sommer nicht beendet ist. An diesem Tag wurden die Nachfolger des NSU verhaftet. "Revolution Chemnitz' – die beziehen sich direkt auf den NSU. Und sie wollen es sogar noch besser machen... in Anführungszeichen. Also dramatischer, brutaler, was kaum geht. Und sie nannten den NSU eine 'Kindergartenvorschulgruppe', so Ramelsberger. Und Schulz meint: "Im Moment mache ich mir schon Sorgen, denn wir haben eine starke Radikalisierung, wo auch der NSU zum Mythos, zur Legende wird in der rechtsradikalen Szene."

"Wenn sich niemand aufregt, fühlen sich die Leute bestärkt"

Deutschland steht seit den NSU-Morden und der fortlaufenden Radikalisierung, die sich immer weiter in die Gesellschaft hineinfrisst, vor der Frage: Wofür steht die Mehrheit der Bevölkerung in diesem Land? Steht sie für einen demokratischen Kampf für Veränderungen – hin zu mehr Gerechtigkeit und sozialem Frieden? Oder schweigt die Mehrheit zum Rechtsradikalismus?

"Wenn sich niemand aufregt, fühlen sich die Leute bestärkt. Und wenn sie sich über Jahre bestärkt fühlen, dann verfestigen sie sich und dann halten sie sich eigentlich für die kämpferische Vorhut einer schweigenden Mehrheit, " so Ramelsberger.

So, wie die Prozess-Protokolle von Auschwitz und der RAF wird ab jetzt auch das Protokoll des NSU-Prozesses in deutschen Bibliotheken stehen. Es ist gut, dass es dieses Dokument gibt. Aber es ist schrecklich, dass wir es haben müssen.

Bericht: Ulf Kalkreuth

Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz, Rainer Stadler, Wiebke Ramm: "Der NSU-Prozess. Das Protokoll"
2000 Seiten, € 80,00
Verlag Antje Kunstmann, erscheint am 17. Oktober 2018

Tanjev Schultz: "NSU: Der Terror von rechts und das Versagen des Staates"
576 Seiten, € 26,99
Droemer HC, August 2018

Stand: 18.05.2019 09:23 Uhr

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